Kommunales

Heute kann man wieder problemlos auf der Brücke über den Tannbach hinüber gehen. Im Hintergrund steht ein gespaltenes Mauerteil als Denkmal. (Foto: Paul)

02.10.2014

Kalter Krieg en miniature

Außer Berlin war auch Mödlareuth zu DDR-Zeiten durch Mauer und Stacheldraht geteilt: 25 Jahre nach der Wende ringt das kleine Dorf um seine Identität

Die Touristen aus den USA sind anfangs nur schwer davon zu überzeugen, dass es sich bei den Mödlareuthern tatsächlich um echte Bewohner handelt. „This guys are all real?!“, lautet eine häufige Frage, verbunden mit ungläubigem Staunen. Ja, die Leute leben wirklich in den beschaulichen, zweistöckigen Fachwerkhäusern mit den adretten Schindeldächern und den hübschen kleinen Vorgärten, sie reden, spazieren, essen und schlafen „real“ und nicht etwa als authentisch wirkende Ausstellungsmitarbeiter, wie das der durchschnittliche amerikanische Museumsbesucher daheim in den Staaten von lebensechten Geschichtsdörfern zum Thema „Bürgerkrieg“ oder „Pilgerväter“ kennen mag. Sogar die Katze, die sich auf der Dorfstraße gerade in der Sonne räkelt, ist echt. „Wow, that’s great!“
Klar, von „Little Berlin“, diesem winzigen Dorf im Nordosten von Oberfranken – beziehungsweise im Süden von Thüringen –, davon haben sie schon mal gehört: in der Mitte geteilt durch eine zirka drei Meter hohe Mauer, durch Wachtürme, Selbstschussanlagen und Stacheldraht, 28 Jahre lang, genau wie die deutsche Hauptstadt. Ein Teil gehörte zur DDR, der andere zur Bundesrepublik – weil Generäle und Politiker geruhten, genau an dieser Stelle die sowjetische von der amerikanischen Besatzungszone zu trennen. Statt der Spree floss der Tannbach durch den Ort mit seinen insgesamt rund 100 Einwohnern. Aber hier wie dort standen auf der ostdeutschen Seite NVA-Soldaten und Rotarmisten, auf der westdeutschen die US-Army und der Bundesgrenzschutz – alle schwer bewaffnet. Der Kalte Krieg en miniature.
Und wie in Berlin war auch in Mödlareuth am 9. November 1989 die Mauer plötzlich nichts weiter als ein hässlicher Bauklotz in einer ansonsten schönen Landschaft, waren all die schwerbewaffneten Bewacher auf einmal überflüssig. Im kleinen Museumskino laufen 25 Jahre alte Filmaufnahmen, die einen Bagger bei der Abrissarbeit zeigen, begleitet vom Applaus der Menschen zu beiden Seiten der früheren Grenze. Später, nach getaner Arbeit, stärkt man sich gemeinsam mit Thüringer Rostbratwürsten und fränkischem Bier.
Ein vergleichsweise kleiner Teil des gruseligen Militaristenspielzeugs steht noch heute, versehen mit Schautafeln, Karten und Erläuterungen. Er ist ein besonders anschaulicher Teil des 1994 auf Anregung des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) eröffneten Freilichtmuseums. Seit 2006 – und nach Jahren am Rand der drohenden Schließung – finanziert die Einrichtung nun ein Zweckverband, getragen von den Gemeinden Töpen (hier gehört das bayerische Mödlareuth dazu) und Gefell (wo die thüringische Hälfte Ortsteil ist), dem Landkreis Hof, dem thüringischen Saale-Orla-Kreis und dem sächsischen Vogtlandkreis. Die Landesregierungen in Erfurt und München übernehmen den Großteil der laufenden Kosten.

Jährlich fast 30 000 Besucher


„Inzwischen haben wir fast mehr Besucher als uns gut tut“, meint Museumsführer Ronald Schricker, einer von drei festangestellten Beschäftigten. Etwa 30 000 Menschen kommen jährlich nach Mödlareuth, dass außer dem Museum nicht wirklich viel zu bieten hat. Neben Touristen sind es vor allem Schulklassen. Besonders für bayerische Abiturienten auf Exkursion nach Berlin liegt Mödlareuth recht praktisch an der A 9. „Aber bei diesem Ansturm kann man interessierte Gäste leider nur noch durchschleusen und nicht wirklich fundiert informieren“, bedauert Ronald Schricker.
Er ist von Anfang an dabei und weiß, obwohl kein studierter Historiker, genau wovon er spricht. Als blutjunger Offizier tat er in den letzten Tagen der DDR selbst Dienst an der Staatsgrenze, machte Jagd auf so genannte Republikflüchtlinge. Noch heute zeugen der militärisch kurze Haarschnitt und die kräftige Statur von Schrickers früherer beruflicher Tätigkeit. „Der Mensch kann Fehler machen – aber er soll und darf daraus lernen“, meint er mit einem verlegenen Lächeln.
Genau genommen steckt den Menschen von Mödlareuth die Trennung in zwei Dorfhälften, das Bewusstsein als Grenzländer, schon seit sehr langer Zeit im kulturellen Erbgut. Bereits im frühen 16. Jahrhundert bildete der mitten durchs Dorf fließende Tannbach – weil er sich für Kartographen eben so schön dafür anbot – die Grenze zwischen der Markgrafschaft Bayreuth und dem Fürstentum Reuss, denen dann irgendwann die Freistaaten Bayern und Thüringen folgten. Friedlich und vor allem pragmatisch lebten die Menschen zusammen. Die eine Seite bezahlte den Lehrer und die Schule, die andere den Pfarrer und die Kirche. Erst nach 1945, so sehen es die Mödlareuther, mussten die Regierungen zu beiden Seiten des Eisernen Vorhangs so stressen.
Während Ronald Schricker das Schicksal des Dorfes erzählt, donnert plötzlich ein junger Mann mit seinem Traktor vorbei. Der Museumsführer unterbricht seinen Vortrag, wartet einen Moment und will gerade weitersprechen – da dreht der Traktorfahrer um und sorgt erneut dafür, dass der Lärm seines Fahrzeugs jedes Wort unverständlich macht. Schricker grinst kurz, salutiert lässig mit zwei Fingern in Richtung des Fahrers und schüttelt ein wenig genervt den Kopf. „Sorry, die haben wohl gespannt, dass Sie Journalisten sind“, entschuldigt er sich für seine Mitbürger. Medienvertreter sind bei den Einwohnern seit einiger Zeit noch unbeliebter als Finanzbeamte, vor allem solche vom Fernsehen. „Man kann es den Mödlareuthern nicht verdenken“, nimmt Schricker die Menschen in Schutz. „Sie haben am Anfang immer freundlich und bereitwillig jedem Kamerateam Auskunft gegeben. Aber dann haben die TV-Journalisten die oft stundenlangen Aufnahmen einfach in wenige Minuten kurze Szenen zusammengeschnitten, reduziert auf möglichst knackige Zitate und das meiste davon auch noch sinnentstellend.“ Es geht immer darum, dass vorgefertigte Klischeebild bestätigt zu bekommen, das da heißt: Die Ostdeutschen sind latent rechtsradikal und trauern der DDR nach, die bierdimpfeligen Bayern wünschen sich die Mauer zurück und jammern über den Soli. „Da hat mancher Fernsehbeitrag Familien auseinandergerissen, wie das 28 Jahre Teilung nicht vermocht haben“, meint Ronald Schricker traurig.
Vielleicht heilt ja eine gut gemachte fiktionale Geschichte im Seelenleben der Bewohner, was einige übereifrige Dokumentaristen kaputt gemacht haben: Das ZDF drehte im Frühjahr dieses Jahres einen Film über Mödlareuth – aber nicht in Mödlareuth. Produzentin Gabriela Sperl befand nach einem Rundgang, der Ort werde – „Aufbau Ost“ und „Nordbayernförderung“ waren nicht ganz erfolglos – sich selbst als historische Kulisse nicht mehr gerecht: zu sauber, zu intakt, zu modern. Stattdessen ging sie mit ihrem Filmteam nach Tschechien, wo die Weltkriegsvergangenheit in manchen Dörfern visuell noch deutlich näher wirkt. Zur Weihnachtszeit soll der Streifen mit dem Titel Tannbach – eine Mischung aus Kriegsfilm, Familiendrama und Liebesgeschichte – als prominent besetzter Dreiteiler ausgestrahlt werden: Heiner Lauterbach, Natalia Wörner, Nadja Uhl und Martina Gedeck spielen die Hauptrollen. (André Paul)

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