Kommunales

Protest: 1900 Euro brutto als Einstiegssgehalt nach einer fünfjährigen Ausbildung – das halten viele Erzieherinnen für zu wenig. (Foto: dpa)

15.05.2015

Kitas sollen vor allem billig sein

Dass Erzieherinnen streiken, finden die meisten Eltern gut – höhere Gebühren für eine anspruchsvolle Betreuung ihres Nachwuchses dagegen als finanzielle Zumutung

Schön für die streikenden Erzieherinnen in den Kitas, dass die Mütter und Väter – noch – Verständnis zeigen für deren Massenausstand. Etwas wohlfeil freilich mutet der Verweis der Eltern an, die meist weiblichen Fachkräfte würden ja auch angesichts ihrer Verantwortung extrem schlecht bezahlt. Natürlich ist ein Einstiegsgehalt von derzeit zirka 1900 Euro brutto pro Monat nach einer immerhin fünfjährigen, anspruchsvollen Ausbildung nicht wirklich viel. Und das maximal erreichbare Einkommen nach zehn Jahren in Höhe von etwa 3000 Euro monatlich klingt auch nicht eben üppig. Nur zum Vergleich: In der Schweiz verdient eine Erzieherin rund 6500 Franken im Monat, das entspricht umgerechnet 6250 Euro.

Es wäre den Erziehungsberechtigten aber durchaus möglich, hier ihren Teil zur Abhilfe mit beizutragen. Während nämlich alle anderen Dienstleistungen in den vergangenen Jahren im Zuge der allgemeinen Inflation teurer wurden, sanken die Gebühren für die bayerischen Kindergärten massiv – zunächst um 50 Euro im Jahr 2012 und dann noch einmal um die gleiche Summe im darauffolgenden Jahr. Wohlgemerkt zu einer Zeit, als parallel der Bund das Kindergeld erhöhte und den Kinderfreibetrag angehoben hatte. Darüber haben sich alle Eltern gefreut. Nachdenkliche Stimmen, dass der Staat dieses Geld an anderer Stelle sparen muss und der momentane finanzielle Vorteil für Familien irgendwann zum Bumerang werden könnte, waren nicht zu vernehmen.
Und natürlich hat der Staat das Geld später eingespart – indirekt, bei den Gehältern der Erzieherinnen. Nämlich indem er diese einfach nicht anhob. Denn verglichen etwa mit den Einkommen in der freien Wirtschaft haben sich die Einkommen des Kitapersonals in den vergangenen Jahren nur marginal weiterentwickelt. Gleichzeitig hätte den Politikern klar sein müssen: Ihre üppigen Versprechen, wie etwa der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz, werden den Arbeitsmarkt mittelfristig leerfegen. Wenn aber die Nachfrage nach Fachkräften einmal das Angebot signifikant überschreitet, sind Arbeitskämpfe nur noch eine Frage der Zeit. Nur weil jemand in einem Sozialberuf arbeitet, ist er noch lange kein Altruist.
Von der Landeshauptstadt München vielleicht einmal abgesehen, sind die Kitagebühren in Bayern übrigens noch äußerst human. In Nürnberg beispielsweise – immerhin die zweitgrößte Stadt im Land – schlagen sie in einem städtischen Kindergarten mit maximal 110 Euro im Monat zu Buche. Dafür darf man sein Kind dann immerhin bis zu zehn Stunden und an jedem Wochentag betreuen lassen. Nicht zu vergessen: Diese Gebühren werden von rund 40 Prozent der Eltern in der Frankenmetropole aus diversen sozialen Ermäßigungsgründen nicht einmal voll bezahlt.

Deutsche knausern generell bei Ausgaben für ihren Nachwuchs


Dagegen ist beispielsweise das weniger als halb so große schweizerische Bern betreuungstechnisch ein äußerst teures Pflaster. Zirka 600 Franken (etwa 500 Euro) kostet hier ein Halbtagsplatz von vier Stunden. Ganz oder teilweise befreit von den Gebühren sind dort nur chronisch Kranke und Schwerbehinderte. Logisch, dass sich die Kommune dann auch angemessene Gehälter für das Betreuungspersonal leisten kann.
Mittagessen für die Kleinen: Hauptsache preiswert!
Nach einer aus dem Jahr 2012 stammenden Statistik der Union der Industrie- und Arbeitgeberverbände Europas (Unice) geben – gemessen am Bruttosozialprodukt und am durchschnittlichen Jahreseinkommen – die Eltern nirgendwo so wenig Geld für die Bildung und Betreuung ihrer Kinder aus wie in Deutschland. Amerikaner zahlen danach im Schnitt knapp das Dreifache und Japaner sogar das Fünffache. Selbst den vergleichsweise armen Osteuropäern sind ihre Buben und Mädchen im Verhältnis gesehen mehr wert. Teure Ausgaben für die eignen Kinder gelten dort als respektable Investition, in Deutschland werden sie dagegen hauptsächlich als finanzielle Zumutung empfunden.
Nicht viel besser sieht es bei den Ausgaben für die den Kleinen zugestandene Verpflegung aus. „Ein Mittagessen, dass mehr als fünf bis sechs Euro pro Kind und Tag kostet, brächte die meisten unserer Eltern auf die Barrikaden“, verrät eine Kitaleiterin aus der Nähe von Donauwörth. Dabei müsse doch jedem klar sein, dass zu einem deutlich niedrigeren Preis kaum wirklich hochwertige Mahlzeiten mit frischem Obst und Gemüse beziehungsweise Fleisch vom Bio-Metzger zu bekommen seien. Man müsse sich da nur mal die Menükosten im hart umkämpften Fast-Food-Markt vor Augen führen, die teilweise noch darüber liegen. Sicher wären unter den Essenspreis-Kritikern auch Menschen mit kleinen Einkommen, die meist beim Aldi einkaufen. „Aber es protestieren auch Väter, die am nächsten Tag beim Nobel-Italiener für Vier-Gänge-Menüs ohne zu zögern 100 Euro pro Nase bezahlen.“
Gleichzeitig ist der Staat, so sehen es viele Eltern, dazu da, ihnen allein die Tatsache ihrer Fortpflanzung zu alimentieren – auch wenn dafür notwendige Sach-Investitionen in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen zurückstehen müssen. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid aus dem Jahr 2011 befürworten nur 29 Prozent der Eltern eine Abschaffung des Kindergelds zugunsten einer besseren Ausstattung der Schulen, Kitas und Horte, 71 Prozent sind dagegen. Kinder als rein privates Vergnügen, als Geschenk, dass man sich selbst macht – auch mit allen damit verbundenen materiellen Einschränkungen, ohne Schielen auf die „Staatsknete“ – diese Denkhaltung ist, so scheint es, den meisten Deutschen eher fremd.

Günstiger Eintritt ins Freibad ist vielen Städten wichtiger


Es gäbe natürlich verschiedene Möglichkeiten, wie eine Kommune höhere Gebühren für einen Kindegarten gegenfinanzieren könnte. Ein Beispiel wären etwa die öffentlichen Freibäder, die gerade wieder ihre Pforten geöffnet haben. Deren Eintritt kostet für einen Erwachsenen ohne Ermäßigung zwischen drei und fünf Euro. Das ist, das bestätigt jeder Kämmerer, natürlich weit von einer Kostendeckung entfernt. Bietet die Einrichtung noch diverse Attraktionen wie etwa Rutschen, müsste man mindestens acht bis neun Euro pro Besuch verlangen – und zwar von jedem Gast. Doch stattdessen bezahlen viele Menschen nicht einmal die Grundgebühr: arme Rentner, Hartz-IV-Bezieher, Flüchtlinge, Alleinerziehende, deren Kinder sowieso – alle dürfen ermäßigt oder gar kostenlos planschen. Dabei gehört ein Freibad unbestritten nicht zur Grundversorgung der Menschen. Doch in den meisten Stadträten werden solche Subventionen meist kritiklos durchgewunken.
Ein Bürgermeister könnte auch, wenn er über die nötige Solvenz verfügt, den Kindergärtnerinnen aus eigner Tasche einen Ortszuschlag bezahlen – so geplant 2014 vom Münchner Rathauschef Dieter Reiter (SPD). Doch das brachte die Umlandgemeinden der Landeshauptstadt auf die Barrikaden. In der kommunalen Familie, so der zornige Tenor, wird gefälligst gemeinsam gelitten. (André Paul)

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Kommentare (2)

  1. Zitrone am 19.05.2015
    Warum sollen Eltern, denen der Staat (Kommune), also alle Steuerzahler, durch die Bereitstellung eines Kita-Platzes ein zweites Einkommen ermöglicht, nicht einen angemessenen Kostenbeitrag für Ihr Kind leisten? Bei einer Kostendeckung von 45% bis 55% im Durchschnitt und Monatsgebühren von 100 € bis 130 € je nach Buchungszeit wäre eine Erhöhung des Elternbeitrags auf 70% oder 80% eine wirksame Entlastung der Gemeindekasse und böte Spielraum für die angemessene Bezahlung der Erzieherinnen. Dabei sollte durchaus eine soziale Komponente bei der Gebührenbemessung eine Rolle spielen. Solange die Entlohnung der weiblichen Arbeitnehmer noch deutlich unter der der männlichen Arbeitnehmer liegt und die Frauen überwiegend Teilzeitarbeit und eher niedrig entlohnte Arbeit verrichten, subventionieren Staat und Steuerzahler über die Kitas der Wirtschaft günstige Arbeitskräfte. Und wenn ein Paar durch die Kinderbetreuung die Möglichkeit hat, ein deutlich höheres Einkommen zu erzielen, dann sollte auch der Beitrag höher sein.
    Die Arbeitslöhne sind seit ca. 20 Jahren zum ersten Mal in 2014 real gestiegen, die Steigerung der Unternehmensgewinne kann aus der Steigerung der Gewerbesteuereinnahmen abgelesen werden und wird vom Statistischen Bundesamt ermittelt.
    Ein Teilnehmer der Runde "Hart, aber fair", hat es sehr treffend formuliert: "Kinder sind nicht nur eine Aufgabe der Familienministerin, sondern der Gesamtgesellschaft, also ELTERN, Politik und Wirtschaft."
  2. mash am 19.05.2015
    An und für sich ein lesenswerter Artikel...
    Aber :-):
    Der Verweis auf die Verdienste in der Schweiz verbieten sich ohne den Verweis auf die Kosten für Lebenshaltung in der Schweiz. Da diese leicht das Dreifache betragen, relativiert das auch den Mehrverdienst!
    Ich verstehe aber nicht die Häme des (kinderlosen?) Hr. Paul gegenüber den Eltern, die sich die Kinder vom Staat alimentieren lassen wollen. Ist es doch unbestritten, dass Eltern mehrfach den Kinderlosen das Leben alimentieren: ca. 250.000 € kostet ein Kind im Durchschnitt den Eltern bis es sich alleine versorgt, und dann mit den Steuern die Renten der Gutverdiener bezahlt, die ohne Kinder Karriere machen konnten und viel verdienten und damit auch hohe Rentenasprüche angemeldet haben. Sollten diese dann auch noch pflegebedürftig werden, gibt es wieder nur die Allgemeinheit, die dafür aufkommen muss.
    Noch eine Frage zum Schluss: 2000 € - 3000 € für einen Halbtagesjob sind doch kein schlechter Stundenlohn? (oder habe ich da was falsch verstanden?)

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