Kommunales

12.02.2010

Kostenlose Amateure

Beim Augsburger Internetdienstleister Gogol Medien schreiben Hausfrauen, Rentner und Schüler und gefährden die Existenz von Lokalzeitungen

Wer eine Fleischerei eröffnen oder Menschen die Heizung reparieren will, braucht einen Meisterbrief – zum Segen für den Kunden. Journalismus betreiben darf dagegen ein jeder in diesem Land, was sich die Augsburger Firma Gogol Medien zunutze macht. Auf ihrem Portal myheimat.de machen kostenlose Laien Lokaljournalisten Konkurrenz.
Der Beitrag, den Hobby-Publizist Ali Kocaman auf die Donauwörther Seite des Internetdienstes myheimat.de gestellt hat, möchte den Leser intellektuell keinesfalls überanspruchen: „Auf meinem Balkon konnte ich einige Vögel fotografieren, dazu gehört diese Amsel, die jeden Tag kommt und auf meinem Balkon futtert. Erst wenn sie fertig ist, kommen die anderen kleinen Vögel. Aber nun zu der Amsel. Sie ist 25 cm groß und wiegt 95 Gramm.“ Seine eher schlichte Prosa ergänzt Laien-Reporter Kocaman durch unzählige Fotografien besagter Amsel. Hausfrau Heide Schmaelter wiederum verrät im nächsten Link ungefragt ihr Rezept für Rinderfilet mit Kartoffelspalten, und ein namentlich nicht genanntes Vereinsmitglied berichtet, von keiner kritischen Distanz gegenüber dem Gegenstand der Berichterstattung getrübt, über das Spiel des Handballclubs HSG Donauwörth/Rain gegen den Konkurrenten TSV Niederraunau II: „Während sich die Gäste-Angreifer zunehmend festliefen, wuchsen die Hausherren über sich hinaus." Der erste Eindruck von myheimat.de: beliebig, belanglos, bescheiden.<
Das Besondere an den drei Verfassern: Sie arbeiten kostenlos. Vertraut man auf die Studien zahlreicher Medienwissenschaftler, dann sieht so wie myheimat.de die Zukunft des deutschen Lokaljournalismus aus: Jeder kann mitmachen, jeder darf schreiben, Grenzen zwischen klassischem Redakteur und interessiertem Laien verschwinden. Das eröffnet neue Möglichkeiten der Informationsquantität, vor allem in ländlichen Regionen, stellt aber auch ernsthaft die Frage nach der Qualität des Produkts. Schließlich ist es die oberste Aufgabe des Lokaljournalismus, die Menschen seriös und kompetent über das Geschehen in ihrer Heimatkommune zu informieren – auch deshalb, weil es auf lokaler Ebene keinen subventionierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt. Das bedeutet aber auch eine große gesellschaftliche Verantwortung für lokale Medienschaffende.
„Wenn das Schule macht, dann ist die Zukunft des deutschen Lokaljournalismus ernsthaft bedroht“, bangt Frauke Anker, Geschäftsführerin des bayerischen Journalistenverbands (BJV), die sich das Machwerk erstmals auf Hinweis der Staatszeitung angeschaut hat. Was Anker besonders stört: „Der Leser bekommt keinen konkreten Hinweis, dass hier Amateure schreiben und keine richtigen Journalisten.“ Doch genau darauf müsse der Betreiber klar und unübersehbar hinweisen, sonst sei das ganze „Irreführung des Verbrauchers“, kritisiert die Verbandschefin. Denn erkennbar fehle die sichtende, redigierende und korrigierende Hand einer professionellen Lokalredaktion. „Ich hoffe, solche Projekte lassen sich noch aufhalten“, meint Anker.

(André Paul)

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