Kommunales

Den Musikliebhabern droht eine weitere Festspielsaison auf der Baustelle. (Foto: Fuchs)

13.06.2014

"Kulturpolitische Katastrophe ersten Ranges"

Finanzierungssorgen, unleserliche Schautafeln, fehlende Barrierfreiheit: Zoff ums neue Bayreuther Richard-Wagner-Museum

Wie hoch sollten Schauvitrinen im Museum sein? 90 Zentimeter, wegen der besseren Lesbarkeit der Texte oder doch nur 70 Zentimeter wegen Rollstuhlfahrern? Die Macher des neuen Richard-Wagner-Museums im Haus Wahnfried, der ehemaligen Künstlervilla des Komponisten, haben sich für letzteres entschieden und riefen damit bei einer Informationsveranstaltung über das Projekt jede Menge Widerspruch hervor. Große Personen könnten die kleine Schrift nicht lesen und müssten sich fortwährend bücken.
Während Ausstellungsgestalter Markus Betz vom dem Architektenbüro HG Merz auf Barrierefreiheit größten Wert legte, widersprach Michael Henker, der Präsident des Internationalen Museumsrates. Von Barrierefreiheit könne keine Rede sein, schließlich hätten die Vitrinen ja nicht einmal eine Unterfahrt, so Henker. Für Rollstuhlfahrer seien sie deshalb von vornherein nicht geeignet.
Wenn die Barrierefreiheit nur das einzige Problem wäre. Sorgen bereiten auch andere Dinge, die Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe (Freie Wähler) ansprach: Leider sei die Frage der Finanzierung der nach Sanierung und Neubau zwangsläufig höheren Betriebs- und Folgekosten nicht frühzeitig geklärt worden, so die Rathauschefin. Viele Gespräche habe es seitdem gegeben, aber keine konkreten Ergebnisse. Alle Beteiligten seien sich ihrer hohen Verantwortung bewusst, versicherte Merk-Erbe: „Wir werden daher eine Lösung finden, werden sie finden müssen.“

Fertigstellung frühestens im Sommer 2015


Noch deutlicher wurde Museumsleiter Sven Friedrich: „Die ungesicherte Betriebskostenfinanzierung bedrückt uns sehr“, sagte Friedrich. Er sprach von einer „kulturpolitischen Katastrophe ersten Ranges“, wenn es nicht gelingen sollte, eine Lösung zu finden. Tatsächlich ist es so, dass die Gesamtkosten der Renovierung, des Umbaus, teilweisen Neubaus und der kompletten Neugestaltung innen wie außen bereits mehrfach korrigiert werden mussten. Nach oben. Noch im April 2012 war man bei knapp 15 Millionen Euro, bei der Grundsteinlegung im Juli 2013 war dann schon von 17 Millionen die Rede, jetzt wurden bereits 20 Millionen in den Raum gestellt. Keiner weiß, was noch kommt, denn die Fertigstellung ist erst für Sommer 2015 geplant.
Das heißt im Umkehrschluss: auch in der kommenden Festspielsaison können die Festspielgäste allenfalls an einem Baustellenrundgang teilnehmen. Eine Tatsache, die schon im zurückliegenden Jahr weltweit Negativschlagzeilen brachte und für Hohn und Spott sorgte, zumal auch das Festspielhaus auf dem Grünen Hügel auf Jahre hinaus eingerüstet ist und das Markgräfliche Opernhaus noch viele Jahre geschlossen bleibt, ebenfalls wegen einer Generalsanierung. Was mit dem Geld alles gemacht wird, das erläuterte Architekt Per Pedersen vom Berliner Architekturbüro Stab. Beispielsweise wird ein schicker gläserner Neubau an der Grundstücksgrenze errichtet, der jede Menge Platz für Sonderausstellungen bietet und in einem unterirdischen Geschoss die Geschichte der Festspiele aufzeigen soll. Mit rund 60 historischen Bühnenbildmodellen, mehreren Hörstationen und einem Medienraum. Unterirdisch geht es dann auch weiter ins Haupthaus, das in den vergangenen Monaten komplett entkernt wurde.
„So richtig original war dort ohnehin nichts mehr“, sagt Museumschef Sven Friedrich. Spätestens seit dem 5. April 1945, als das Haus durch einen Bombentreffer praktisch vollständig zerstört wurde. Aber auch Einrichtung und Ausstattung des Museums sind seit seiner Eröffnung 1976 praktisch unverändert geblieben, neue museumsdidaktische Ansätze fanden keinerlei Berücksichtigung. Das soll sich jetzt alles ändern. „Wir wollen den touristisch interessierten Häkelclub aus Hildesheim genauso erreichen, wie den eingefleischten Wagnerianer, der den kompletten Tristan rückwärts aufsagen kann“, so Sven Friedrich.

Multimediafähige Bildschirme


Wie das gelingen kann, wissen Museumsgestalter Markus Betz und Mediengestalter Thomas Hundt. Da gibt es Original-Partituren im Keller, ein Handschriftenkabinett im Erdgeschoss, Original-Hüte und Stiefel von Richard, einen Fächer von Cosima im Zwischengeschoss, Figurinen und Kostüme im Neubau. Im benachbarten Siegfried-Wagner-Haus, der Wohnstätte von Richards Sohn Siegfried und dessen Frau Winifred soll es schließlich um Hitlers Bayreuth gehen, eine, wie es Sven Friedrich formuliert „hochgradig ideologisch aufgeladene Geschichte“. Im Original-Interieur soll es dabei auf multimediafähigen Bildschirmen unter anderem um Wagners Antisemitismus, um Nietzsche, Thomas Mann, Adorno und nicht zuletzt um die heutige Auseinandersetzung mit dem Werk Richard Wagners, etwa in Israel, gehen.
Ob es ein Museumscafe im ehemaligen Gärtnerhaus geben wird, ist dagegen noch nicht sicher. Als Architekt Pedersen bei der Infoveranstaltung von der Aufstellung einiger Automaten sprach, ging ein ungläubiges Raunen durch das Auditorium. OB Merk-Erbe versicherte umgehend, dass es das erklärtes Ziel sei, zumindest in den Sommermonaten einen Kaffeeausschank zu organisieren. (Stephan Herbert Fuchs)

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