Kommunales

Viele PV-Anlagen auf Dächern sind nicht korrekt beschildert. (Foto: Freiwillige Feuerwehr Hochstadt/Main)

21.01.2011

Lebensgefahr für Feuerwehrmänner

Welche Risiken beim Löschen einer brennenden Photovoltaikanlage bestehen, hat die Hersteller viel zu lange nicht beschäftigt

Der Photovoltaik gehört die Zukunft: eine saubere, sichere und preisgünstige Energieversorgung. Risiken enthalten die Anlagen allerdings für die Feuerwehrmänner. Denn die (Gleich-)Spannungen liegen meist im Bereich von mehreren hundert Volt. Muss ein Brand auf dem Dach gelöscht werden, kann das lebensgefährlich sein.
Brennt ein Haus, und schaltet der Stromversorger auf Anforderung der Einsatzkräfte das Netz ab, so steht die solar erzeugte Gleichspannung trotzdem weiterhin bis zum Wechselrichter an – im Normalfall, wenn der Wechselrichter in der Nähe des Zählerschranks montiert ist, also sogar im Anschlussraum im Keller.
Auch ein Auftrennen der Solarleitung vor dem Wechselrichter hilft hier nichts: Im Kabel ist Spannung. Das blieb interessierten Feuerwehrlern nicht verborgen: Schon 2005 veröffentlichte die Münchner Feuerwehrschule eine Broschüre mit dem Titel Info Photovoltaik – Gefahr im Feuerwehreinsatz.


Zersetzungsprozesse


Geschehen ist seitdem kaum etwas. Josef Huber von der Münchner Berufsfeuerwehr klingt etwas traurig, wenn er sich erinnert: „Schon damals haben wir das Problem bei der DKE (Deutsche Kommission Elektrotechnik im DIN und VDE) angeregt. Es wurde nicht intensiv verfolgt. Nun wird es aber immer aktueller“, weiß der Brandbekämpfer. Denn die Zahl der PV-Anlagen nimmt zu, 150 000 gibt es momentan in Deutschland.
Huber und andere leitende Feuerwehrmänner können ihre Kollegen nur immer wieder warnen. Einer der vielen wichtigen Hinweise lautet: „Wegen der Lichtbogengefahr keinesfalls Steckverbindungen auf der Gleichspannungsseite trennen.“ Zudem wird angemahnt: „PV-Anlagen sind elektrische Anlagen und entsprechend zu beschildern.“ Wegen ihrer Montage auf dem Dach sind sie meist nicht gleich zu erkennen.
Doch nur langsam kommen einige wenige gefahrenbewusste Kommunalunternehmen diesem Wunsch nach. So ist beispielsweise der nordbayerische Netzbetreiber N-ergie seit diesem Jahr dabei, schrittweise alle Hausverteilungskästen mit Feuerwehr-Hinweisschildern der Aufschrift „Gebäude mit PV-Anlage“ zu kennzeichnen. Damit folge man einer Empfehlung der DKE.
Doch ob mit oder ohne Hinweisschild im Keller: Die „Gefahren spannungsführender Teile“ von PV-Anlagen bleiben gleich. Deshalb gibt es für die freiwilligen Floriansjünger auch Folgendes zu beachten: Leitungen vom Modul zum Wechselrichter sind nie komplett stromlos zu schalten; durch hohe Gleichspannung entsteht die Gefahr eines Lichtbogens; herabhängende, unisolierte Kabel stellen eine große Gefahr dar. Bei Löscharbeiten muss mit dem Sprühstrahl ein Abstand von mindestens 5 Metern eingehalten werden, beim Vollstrahl wenigstens 10 Meter.
Risiken drohen auch von einigen Elektro- und Hybridmobilen, welche von der konventionellen Autoindustrie auf den Markt gebracht werden. Sind es bei Alternativ-Fahrzeugen wie dem Cityel der Auber Smiles AG noch vergleichsweise wenig gefährliche 48 Volt, so steht in den Einsatzhinweisen zur Brandbekämpfung des viel gefahrenen Toyota Prius zu lesen: „Bei einem Fahrzeugbrand sind die für die Brandbekämpfung üblichen Schutzabstände nach VDE 0132 einzuhalten, sofern nicht sichergestellt werden konnte, dass das 300 V Hybrid-System deaktiviert ist.“
Aber es gibt Widersprüche. Im ebenfalls verteilten Prius-Rettungsdatenblatt steht nämlich: „Hochvoltanlage mit Gleichspannung bis 210 Volt und Wechselspannung bis 650 Volt! Hochvoltbauteile nicht berühren. Erkennungsmerkmale und Details siehe Rückseite.“ Die unterschiedlichen Angaben verunsichern die Rettungskräfte ziemlich.
Wohl auch deshalb befassen sich inzwischen Arbeitskreise im DKE mit der Elektromobil-Sicherheit. „Für E-Autos gibt es ein Elektrosymbol“, wird von dort vorgegeben – das aber nicht alle Hersteller verwenden. Gelten soll auch: „Die Spannungsversorgung wird im Crashfall automatisch getrennt“ – doch die Batterien liefern weiterhin Hochspannung ab; bei einzelnen Auto-Modellen sind es bis zu 800 Volt. Betroffen von dieser gefährlichen Gleichspannung sind übrigens nicht nur Rettungskräfte: Bereits die Monteure in den Autowerken sind damit befasst. Auch im Sinne des Arbeitsschutzes müsste man hier schnell zu einer tragfähigen Lösung kommen.
Bei PV-Dachanlagen sind inzwischen Hersteller von Schaltgeräten aus eigenem Antrieb aktiv geworden – auch ohne fertige Norm. So stellte Eaton Industries auf der diesjährigen Fachmesse Intersolar München unter dem Titel „Vorsicht Spannung“ einen Photovoltaik-Feuerwehrschalter vor. Die Handlungsanweisung lautet: „Der Schalter muss in unmittelbarer Nähe der PV-Anlage montiert werden. Er hat einen Unterspannungsauslöser.“ Der schaltet die Gleichspannungsleitung zwischen Modul und Wechselrichter automatisch frei, sobald das Netz ausfällt.
„Das Interesse auf der Messe war sehr groß bei Elektroinstallateuren und Feuerwehren. Auch bei Versicherungen sind wir auf Beachtung gestoßen, auch weil eine Nachrüstung möglich ist“, freut sich ein Unternehmenssprecher auf Nachfrage.
Kein Wunder. Denn Fachärzte wissen um die heimtückische Wirkung: Erst zwei Stunden nach dem Anfassen von Gleichspannung setzen die Elektrolyt-Zersetzungsprozesse im Körper ein. Wer also mit Gleichstrom in Berührung kommt, muss die Auswirkungen demnach nicht sofort spüren. Die Gesundheit ist trotzdem in Gefahr. (Heinz Wraneschitz)

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