Kommunales

Obwohl "Simeon" ein Autodidakt ist, zeigen seine Gemälde durchaus handwerkliches Geschick und Fantasie. (Foto: Paul)

25.11.2016

Malen gegen den Seelenschmerz

Die Kunst-Therapeutin Reinhild Gerum gibt Einblicke in ihre Arbeit mit psychisch Kranken in Haar

Einen bewegenden Einblick in das Innenleben und künstlerische Schaffen seelisch Kranker – darunter auch ein in der Forensik einsitzender Straftäter – gab kürzlich die Münchner Malerin und Kunst-Therapeutin Reinhild Gerum in der Psychiatrie in Haar.

Seit mehr als 25 Jahren arbeitet die 61-Jährige an zwei Tagen pro Woche mit Patienten in der Psychiatrie, hunderte kunsttherapeutischer Kurse hat sie bereits gegeben. Zu den Teilnehmern gehören Menschen, die an paranoider Schizophrenie leiden ebenso wie Manisch-Depressive und schwer Traumatisierte oder an Altersdemenz erkrankte Personen – „für alle, die von der Wirklichkeit weggerückt sind, die in selbstgewählter Isolation Schutz suchen vor einer Welt, die ihnen nur noch Angst macht, vor ihrem eigenen konfusen Denken“.

Die Kurse sind nicht nur wichtig, um unterdrückte, häufig kaum bewusste Aspekte und Ursachen der Krankheit aus dem Unterbewusstsein des Teilnehmers wieder zutage zu fördern, sondern auch, um den Patienten eine feste Tagesstruktur und eine sinnvolle Beschäftigung zu verschaffen. „Die Menschen sollen lernen, sich wieder auf eine Tätigkeit konzentrieren zu können“, erläutert die Therapeutin. Ganz wichtig für sie sei dabei „Zurückhaltung und Respekt – nicht, was ich in den Bildern sehe, ist wichtig, sondern was der Patient darin erkennen kann. Jedes Wort von mir zu viel ist abträglich für die Gesundung.“

Forensik-Insasse "Simeon" verkauft auch Gemälde


Reinhild Gerum nennt ihn einfach nur „Simeon“. Seinen wirklichen, vollständigen Namen darf aus Datenschutzgründen keiner der rund 150 Zuhörer wissen, die sich hier im zum kbo Isar-Amper-Klinikum München-Ost (so der offizielle Name der Haarer Psychiatrie) gehörenden „kleinen theater“ des Münchner Vororts versammelt haben. Angehörige sind darunter, Klinikpersonal und Ärzte, einige andere Künstler, die ebenfalls hier tätig sind. Durch die Fenster fällt dämmriges Herbstlicht in den großen, düsteren Raum, und gibt dem Ambiente etwas Melancholisches.

Nur so viel wird bekannt über den aus einer Bergbauernfamilie stammenden Mann: 70 Jahre ist er alt, schon sehr lange lebt er in der Forensik. Massive Gewalterfahrungen hat er durchleiden müssen und dann irgendwann selbst auch schlimme Verbrechen begangen. Das er je wieder in Freiheit leben wird, ist unwahrscheinlich.

Wüsste man nicht, dass Simeon ein Autodidakt ohne jede formale Ausbildung ist, zum Malen gekommen allein aus einem medizinisch-therapeutischen Ansatz – man würde es kaum glauben angesichts des unbestrittenen handwerklichen Talents und der kreativen Idee seines nun präsentierten Gemäldes.
Den Mittelpunkt bildet das Motiv des Struwwelpeters aus den rund 150 Jahre alten Kindergeschichten Heinrich Hoffmanns – selbst Psychiater, Autor, aber eben auch ein Vorreiter der sogenannten „schwarzen Pädagogik“, autoritär und strafend, lange, fast bis zur Gegenwart nachwirkend. Man kann nur mutmaßen, warum Simeon jetzt, als alter Mann, wieder darauf zurückkommt. Darum herum positioniert sind Berge, Blumen, Bäume, Seen und Teile einer mittelalterlichen Stadtlandschaft – womöglich Erinnerungen an die Umgebung, in der der Forensik-Patient einst aufwuchs.

Faszination des Gruseligen


„Simeon arbeitet frei strukturiert“, erläutert Reinhild Gerum, „er bevorzugt Tusche. Und er lebt in der Forensik in seiner eigenen kleinen Welt, seiner Atelier-Ecke, wie ich es nenne, die er kaum noch verlässt. Er scheut die Veränderung.“ Immerhin: Simeon findet Käufer für seine Bilder und das sind nicht nur karitativ engagierte Menschen, nein, der Patient trifft offenbar den ästhetischen Geschmack eines größeren Personenkreises – „und er kommuniziert schriftlich mit seinen Käufern“, verrät Gerum, „und wenn er gelobt wird, dann freut ihn das“.

Doch wie kam sie selbst zu dieser zwar erfüllenden, aber körperlich wie geistig doch sehr anspruchsvollen Tätigkeit? Professionelle Kunstschaffenden, erläutert die Malerin, hätten unterschiedlichste Motive für das Wählen dieses Berufszweigs. Bei manchen Kollegen war es beispielsweise der Wille zur Auseinandersetzung mit den aktuellen politischen Entwicklungen. Bei ihr sei es die Faszination am „Wechsel zwischen Heil und Leid“ gewesen. Sie selbst sei behütet und gesund aufgewachsen, „aber ich wollte immer wissen, was es mit Menschen macht, wenn irgendetwas die Normen um uns rum außer Kraft setzt, wie das Leben dann weitergeht“.

Schon als Jugendliche habe sie Zeitungsartikel mit gruseligem Inhalt – „Mann ersticht Frau“, „Kind ertrunken“ – ausgeschnitten und sich später künstlerisch damit beschäftigt“, verrät Reinhild Gerum. Und setzt nach einer Pause leise und mit gesenkten Blick hinzu: „Es kann ja doch jeden treffen. Man weiß es nicht, ob es einem selbst passieren wird.“ (André Paul)

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