Kommunales

19.03.2010

Mit dem Herzen sehen

Die Blindgänger: Sehbehinderte Darsteller spielen Theater

Sonja stampft mit einem Bein auf den Boden, ihr Körper bebt. Sie ist traurig und wütend. Der Mann, den sie liebt, ein Arzt, beachtet sie nicht. „Nein! Du bist es nicht, die ich will“, sagt er selbstbewusst zu Sonja, als sie sich ihm nähert. Auch er hat eine hoffnungslose Liebe, die Tänzerin Jelena. „Ich bin klein und fett und hässlich“, brüllt Sonja ihre Verzweiflung in die Dunkelheit. „Ich will Schönheit“, sagt der Arzt mit fester Stimme. Sonja heißt eigentlich Marina, der Arzt Stefan. Marina (36) ist klein und rundlich, sie ist schüchtern, ihre Stimme leise. Stefan (40) ist groß, schmal, seine Augen sind meist weit aufgerissen. Er spricht schnell und abgehackt, oft ist er nicht zu verstehen. Sonja und Stefan sind Schauspieler der Theatergruppe Die Blindgänger, beide sind sehbehindert. Jelena, die große Liebe des Arztes, die eigentlich Susie Wimmer heißt und professionelle Tänzerin ist, hat als einzige in der Truppe keine Behinderung. Die meisten Darsteller sind mehrfach behindert. Marina und Stefan stehen mit zehn anderen in der kleinen Turnhalle der Südbayerischen Wohn- und Werkstätten für Blinde und Sehbehinderte in München-Giesing (SWW), sie proben Tschechows Onkel Wanja. „Stefan, du bist der Arzt“, sagt Sacha Anema, die Regisseurin, die zierliche, kleine Frau hält den großen Mann mit beiden Armen an den Schultern fest. Sie sieht ihm in die Augen, sein Blick weicht immer wieder aus. „Du bist stolz, selbstbewusst! Komm, das kannst du besser.“ Stefan kneift die Augen zusammen, auf seiner Stirn bilden sich Falten. Er wiederholt die Szene, fünf Mal, sechs Mal. Stefan arbeitet normalerweise in der Werkstatt für behinderte Menschen der Münchner Pfennigparade. Marina hat es geschafft, sich als Altenbetreuerin auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu behaupten. Vorher haben beide, wie die übrigen Mitglieder des Theaterensembles, in der Werkstattmanufaktur der SWW entweder in der Keramikabteilung, der Daten- und Aktenvernichtung, der Weberei oder der Konfektionierung gearbeitet. Zwei Mal in der Woche werden sie alle zu Schauspielern. Die nächste Aufführung steht kurz bevor. Die Blindgänger treten im Casino der Werkstätten auf. Betreuer, Mitarbeiter und Kollegen werden da sein. Normalerweise spielen die zwölf auf richtigen Bühnen, in der Blackbox im Gasteig oder im Tams-Theater. Doch obwohl es dieses Mal ein Heimspiel ist, sind die Nerven zum Zerreißen gespannt. Sie müssen die anderen von ihrem Projekt überzeugen. Längst nicht alle Mitarbeiter der Sehbehinderten-Werkstätten stehen dahinter. Für die Theaterarbeit stellen die Gruppenleiter sie zwei Tage in der Woche frei. Stefan und die anderen sind es gewohnt, sich dafür rechtfertigen zu müssen. Wenn in der Werkstatt viel zu tun ist, lassen die anderen sie spüren, dass sie es nicht gut finden. Nur Kunigunde Thiess steht immer hinter ihm und den anderen. Die Leiterin der Werkstattmanufaktur war es, die das Projekt vor acht Jahren ins Leben gerufen hat. Sie merkte, dass viele Sehbehinderte in den Werkstätten unterfordert waren; mechanisches Arbeiten, fünf Tage in der Woche. Weil ihre Leidenschaft schon immer das moderne Theater war, beschloss sie, ein Experiment zu wagen. Sie suchte sich die Aufgewecktesten aus den Werkstätten und begann, mit ihnen zu proben. „Der Erfolg war umwerfend“, sagt Thiess. „Alle waren begeistert. Die Schauspieler und auch die Zuschauer.“ Zwei Jahre später holte Thiess Sacha Anema ins Team. Sie hatte Gelder beantragt und auch bekommen. „Von Anfang an wollte ich professionelles Theater machen. Meine Schauspieler sollten keinen Behindertenbonus haben, sondern als Künstler ernst genommen werden.“ Die Blindgänger standen nur auf großen Bühnen, dieses Jahr fahren sie zum Theaterfestival nach Hamburg, weitere Auftritte im Gasteig und im Tams-Theater sind geplant. „Die Theaterarbeit ist keine Sozialarbeit. Aber dass sie von den Proben etwas für ihren Alltag mitnehmen, ist ein schöner Nebeneffekt.“ Thiess will aus der Theaterarbeit einen eigenen Werkstattbereich machen, sie träumt davon, dass ihre Schauspieler sich ganz auf die Bühne konzentrieren können. Auch Stefan hat einen Traum. Er will dieses Jahr von zu Hause ausziehen, heiraten und eine Familie gründen. Stefan wohnt bei seinen Eltern. Auch Marina will viel erreichen, sie will endlich eine eigene Familie gründen. Noch wohnt sie mit ihrer Mutter zusammen. Eigene Kinder zu haben sei das Schönste, was sie sich vorstellen könne, sagt Marina. Die Schauspieler wollen ein ganz normales Leben zu führen. Seit sie Theater spielen, haben sie das Gefühl, dem Traum näher zu kommen. „Jeder von ihnen hat ein besonderes Talent“, sagt die Regisseurin und ergänzt: „Meine Aufgabe ist es, dieses Talent mit jedem herauszuarbeiten.“ Als sie bei den Blindgängern anfing, hatte sie keine Erfahrung mit behinderten Darstellern. Anema ist Schauspielern und Regisseurin, sie hat an der staatlichen Theaterschule in Amsterdam studiert, anschließend mit verschiedenen Ensembles gearbeitet. Sie gab sich eine Woche Zeit. Sollte es ihr nicht gefallen, würde sie die Stelle gleich wieder aufgeben. Anema blieb. „Ich habe von der Gruppe eine wahnsinnige Ehrlichkeit erfahren. Beim Profitheater ziehen die Schauspieler ihre Stimmungen wie Requisiten aus Schubladen“, sagt sie. Sie ist überzeugt, bei den Blindgängern komme „alles aus dem Inneren“. Die Mitglieder gingen viel weiter als echte Schauspieler. „Ich brauche Sacha“, sagt Thiess. „Wenn sie nicht wäre, hätte ich das Projekt vielleicht schon aufgegeben.“ Es gibt viele, die das moderne Theater nicht verstehen, die fragen, wieso mehrfachbehinderte Blinde und Sehbehinderte Theater machen sollen. „Wir geben uns gegenseitig die Kraft, an das Projekt zu glauben.“ Der Tag des großen Auftritts ist gekommen. Stefan sitzt auf der Bank in der kleinen Turnhalle. Die Schultern zieht er hoch, den Kopf beugt er nach vorne. Manchmal streckt er sich unvermittelt, kämmt die Haare, den Bart, hektische Bewegungen. Dann fällt er wieder in sich zusammen. Neben ihm sitzt Markus, ein riesiger Mann, in sich zusammengerollt. Daneben Marina, die Arme vor der Brust verschränkt, die Pupillen schnellen hin und her. Sie kann den Blick nicht fixieren. Sacha Anema setzt sich dazu. „Wie geht es euch heute?“ Stefan ist müde, Marina geht es gut, Markus auch, alle sind aufgeregt. Dann beginnt das Aufwärmen. „Gähnen“, auf Kommando öffnen sich alle Münder. „Zunge raus, die ganze Luft muss aus den Lungen“, Schmatzen, Röcheln. Dann will Anema, dass alle in die Hocke gehen. Markus’ Beine bleiben steif. „Komm Markus, das kannst du.“ Kein Ruck geht durch die Beine, stattdessen wackelt sein Kopf. Markus führt den Unterarm an den Mund, beißt zu, der Gesichtsausdruck bleibt unverändert. „Markus!“ Anema ist sofort da. „Das wolltest du doch nicht mehr machen.“ Den Blindgängern fällt es im normalen Leben schwer, ihre Gefühle zu zeigen. Meist interessiert sich auch keiner dafür. „Unsere Schauspieler bleiben immer auch sie selbst, das Stück entsteht bei der Arbeit und auf der Bühne“, sagt die Regisseurin. „Wir nehmen die Zuschauer mit auf eine Entdeckungsreise.“ Die Figuren auf der Bühne zeigen zum Großteil die echten Charaktere der Schauspieler. Die Blindgänger spielen auch ihr eigenes Leben. Sonja will ein anderes Leben. Sie schreit es von der Bühne herunter. Wenn Marina von ihrem Traum spricht, eine eigene Familie zu gründen, tut sie das leise, sie ist kaum zu verstehen. Der Arzt aus dem Stück ist ein selbstbewusster, geschätzter Mann. Stefan erhofft sich von der Theaterarbeit Ruhm, Anerkennung, einen Schritt in die Unabhängigkeit. Nur noch wenige Stunden, dann beginnt der Auftritt. Alle müssen in die Maske, Kunigunde Thiess und Sacha Anema malen die Köpfe der Schauspieler knallrot an, bis kurz oberhalb der Augen. Auch die Tänzerin, die einzige Sehende, wird rot, ihr ganzer Körper, bis unter die Augen. Die beiden wechseln kein Wort, auch sie sind angespannt. Sie wollen die anderen von ihrem Traum überzeugen. Kunigunde Thiess will endlich einen Antrag bei den Behörden einreichen, der das Theaterprojekt zu einer eigenen Werkstatt machen soll. Marina, Stefan, Markus und die anderen stehen auf der Bühne, jeder hat seinen Platz eingenommen. Sie hören, wie die Tür geöffnet wird, die Leute strömen herein. Reden, Lachen, Stühle rücken. Dann Stille. Es geht los. Sie spielen um ihr Leben.

(Veronica Frenzel)

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