Kommunales

Michael Lunz (links) im Gespräch mit Anton Berndl, Leiter des SpDi Fürth. (Foto: Knoll)

19.05.2017

Miteinander reden auf Augenhöhe

Beim Projekt Ex-In beraten Menschen mit Psychiatrieerfahrung akute Patienten

"Ich war 30 Jahre lang Dauerkiffer. Dann kamen die Trennung und das Ende meiner Beziehung. Der Schmerz war so groß, es war einfach zu viel für mich“, erklärt der gelernte Gartenbaumeister. 2012 ist das Jahr, in dem er das erste Mal in eine psychiatrische Klinik geht. Psychose lautet die Diagnose. Michael Lunz bleibt acht Wochen, bekommt starke Medikamente. „Eine Psychose macht das Leben bunt, vor allem, wenn du es mit der Angst zu tun bekommst. Es fühlt sich an wie in einer vierten Dimension“, erinnert er sich. Wieder Zuhause folgt die nächste Lebenskrise: Depressionen haben ihm im Griff. In der Tagesklinik sucht er sich Hilfe, bevor er ein zweites und schließlich ein drittes Mal stationär in einer Klinik behandelt wird – zuletzt vor einem Jahr in der geschlossenen Abteilung.

Michael Lunz hat Erfahrungen in einem Bereich gesammelt, den viele Menschen fürchten und der häufig mit Ängsten und Stigmata besetzt ist. Genau diese Erlebnisse sind der Mittelpunkt der Ex-In-Qualifizierungsmaßnahme, kurz für „Experienced Involvement“. Dahinter verbirgt sich ein besonderes Konzept, bei welchem Psychiatrie-Erfahrene als Genesungsbegleiter ausgebildet werden und im Anschluss akut Betroffene unterstützen.

„Die Ärzte und Profis bringen theoretisches Wissen mit. Ich jedoch kann besser versuchen, mich in jemanden hineinzuversetzen. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe und nicht hierarchisch“, beschreibt Lunz seine Intention. Die Ausbildung umfasst, neben der Vermittlung von fachlichem Wissen, beispielsweise in den Bereichen „Wiederherstellung und Gesundung“, auch zwei Praktika. Eines davon absolvierte Michael Lunz beim Sozialpsychiatrischen Dienst für Stadt und Landkreis Fürth, kurz SpDi. Die Einrichtung des Bezirks Mittelfranken ist Anlaufstelle für Menschen mit seelischen Problemen oder psychischen Erkrankungen und fungiert häufig auch als Brücke, bis der Patient einen Termin bei einem niedergelassenen Therapeuten bekommt.

"Die Sichtweise der Betroffenen fehlte bisher"


Anton Berndl, Leiter des SpDi, sieht in den Ex-In-Genesungsbegleitern eine große Chance: „Wir sind professionell ausgebildet oder haben studiert. Was uns aber fehlt, ist die Sichtweise des Betroffenen. Die Empathie eines Psychiatrie-Erfahrenen ist ganz anders, denn er kann Dinge nachvollziehen, die man nicht in Büchern lesen kann.“ Michael Lunz begleitete während seines Praktikums die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Hausbesuche oder brachte sich im offenen Treff ein: „Ich versuche herauszufinden, was der Krise vorausgegangen ist. Wo ist der Sprung in deiner Schüssel und was können wir tun, damit es dir wieder besser geht?“.

Für Anton Berndl hat das Ex-In-Programm weitere Vorteile: „Ein Betroffener im Team verändert auch das Team selbst. Plötzlich steht da jemand vor dir, der sagt ‚Du hast doch keine Ahnung, wie sich das anfühlt’. Es beginnt eine Selbstreflexion der eigenen Arbeit.“ Zudem wirkt sich die Einbeziehung von Psychiatrie-Erfahrenen positiv auf den Abbau von Vorurteilen gegenüber psychischen Erkrankungen aus. Die Entstigmatisierung dieses Themas ist ein wichtiger Bestandteil, von dem auch Angehörige profitieren. 60 Stunden arbeitete Michael Lunz beim SpDi in Fürth – eine intensive Zeit für beide Parteien.

Die Praktikumsstellen suchen sich die zukünftigen Genesungsbegleiter selbst. Nach erfolgreichem Abschluss arbeiten sie Hand in Hand mit Professionellen, Angehörigen und Betroffenen in verschiedenen Diensten und sozialen Einrichtungen. Für Michael Lunz ist diese Tätigkeit mehr als nur ein Job. Es ist ihm eine Herzensangelegenheit: „Ich möchte dazu beitragen, dass nicht nur ein Symptom bekämpft wird, sondern dass die individuelle Lebenssituation des Menschen im Fokus steht. Weniger Medikamente, mehr Gespräche!“ (Carina Knoll)


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