Kommunales

50 MBit/s gelten dem Heimatministerium als "schnelles Internet" - wer streamen will, sieht das eventuell etwas anders. (Foto: dpa)

17.07.2017

"Netflix? - Wir wären froh, wenn wir ein paar Fotos mailen könnten!"

1,5 Milliarden Euro will Heimatminister Markus Söder (CSU) in den Breitbandausbau investieren. Aber es gibt Orte, wo es hakt.

In der Abgeschiedenheit leben sie freiwillig, hier war der Baugrund günstig: in Schlamberg, einem Ortsteil von Rottenburg an der Laaber in Niederbayern. Birgit und Hubert Heinrich, 33 und 34 Jahre alt, haben gerade ein Kind bekommen und ein Haus gebaut. Das achte Haus im Dorf. Außer einem Gasthof gibt es hier nichts. Das war beiden bewusst. Aber dass sie auch digital in der Pampa leben, wurmt sie gehörig. Gerade in winzigen Orten stoßen die Förderprogramme in Bayern bisher oft an ihre Grenzen.

Platz 100 984 von 105 912: Das ist der Rang, den die Heinrichs an diesem Nachmittag belegen. Von 105 912 Menschen, die in jener Woche auf einer Service-Webseite testen, wie schnell ihr Internet wirklich ist, landet die junge Familie ganz weit hinten. "Wie kann das sein, in einem Land wie Deutschland?", fragt Birgit Heinrich. Das Paar sitzt am Esstisch vor dem Laptop, er ist Prozessentwickler bei einem Autozulieferer, sie Patenanwaltsfachangestellte. Die beiden sind gewiss nicht abgehängt. Nur ihre Verbindung ins heute zentrale Kommunikationsnetz läuft wie in alten Zeiten.

97 Prozent der Gemeinden sind dabei


Das Internet gilt als Medium, das die Chancengleichheit fördert und regionale Unterschiede ausgleicht. Doch Deutschland hinkt hinterher, vor allem auf dem Land. Der Bund fördert den Ausbau, bis 2018 soll es überall schnelles Internet mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde geben, und Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) wirbt fleißig für sein Breitband-Programm. Im Topf sind 1,5 Milliarden Euro, 97 Prozent der Gemeinden sind dabei. Zudem gibt es den "Höfebonus": 400 Millionen Euro für abgelegene Höfe und Siedlungen. "Auch die letzten weißen Flecken auf der Landkarte Bayerns wollen wir an die Datenautobahn anschließen", sagt Söder. Orte wie Schlamberg. "Der Gemeinde Rottenburg in Niederbayern stehen damit weitere 920 000 Euro Fördermittel für den Ausbau mit schnellem Internet zur Verfügung, bei einem erhöhten Fördersatz von 80 Prozent", sagt Söder. Schlamberg könnte profitieren.

Nur: Was bedeutet es, wenn Menschen mit dem Internet fremdeln, weil es so lange nicht richtig da war? Die Surf-Geschwindigkeiten ziehen scharfe Grenzen zwischen Stadt und Land. In den Städten hängen die Menschen an Netflix und Co., die Heinrichs wären schon froh, wenn sie mal ein paar Fotos verschicken könnten. Im Netz sein heißt in Berlin-Mitte: digitale Start-ups, social bots und virtual reality. In Schlamberg heißt es: Lädt die Seite noch? Birgit Heinrich ist gerade in Elternzeit, ein bisschen Homeoffice wäre später nicht schlecht. Wenn das Internet nur mitmachen würde.

70 000 Euro kostet ein Kilometer Glasfaserkabel


Nun ist Rottenburg zwar im Söderschen Förderprogramm. Aber Schlamberg lag nicht im Erschließungsgebiet. "Hätte ich es mit drinnen gehabt, dann wäre die Wahrscheinlichkeit hoch gewesen, dass wir keinen Anbieter für den Ausbau gefunden hätten", sagt Rottenburgs Bürgermeister Alfred Holzner (Freie Wähler). Die Umsetzung des Breitbandausbaus in Bayern ist dem freien Markt überlassen, die Infrastruktur gehört am Ende den Firmen, nicht der Öffentlichkeit. Aber der Anschluss so kleiner Orte lohnt sich für die Anbieter einfach nicht. "Je schöner die Leute leben, desto schwieriger ist die Versorgung", sagt ein Telekom-Sprecher. Ein abgelegenes Acht-Häuser-Dorf anzuschließen, ist komplex und teuer. Ungefähr 70 000 Euro kostet ein Kilometer Glasfaserkabel. Die Rechnung der Unternehmen: Wie viele Kunden lassen sich gewinnen? Wie viele alte Menschen sagen: Internet? Brauch ich nicht.

Nun überlegt die Stadt Rottenburg, den "Höfebonus" oder Fördergeld vom Bund zu beantragen. Nur hatte sie eigenlich damit gerechnet, dass sie schon mit der jetzigen Ausbaustufe auch Schlamberg helfen könnte. Ohne das zusätzliche öffentliche Geld. Ein neuer Kabelverzweiger im Ausbaugebiet sollte die Glasfaser zumindest näher ranbringen an den Ort, 20 Mbit/s wären es dann vielleicht geworden. Im März 2016 hätte alles fertig sein sollen, sagt Bürgermeister Holzner. Aber: Der Kabelverzweiger steht nicht. Wegen eines verzwickten Streits um Infrastruktur und Daten zwischen der Telekom und dem kleinen Player Amplus, der die Ausschreibung gewonnen hat und den heiß ersehnten Kabelverzweiger bauen soll.

"Alles nur Sprechblasen vor der Wahl"


Doch dafür muss die Telekom die Infrastruktur, die sie bereits hat, freigeben. Die Telekom sagt aber, Amplus liefere nicht die korrekten Daten, Amplus widerspricht. Die Stadt sagt, auch im restlichen Erschließungsgebiet haben die Bürger nicht die versprochenen 30 Mbit/s. Amplus sagt: Doch. Ergebnis: Stillstand. Söder aber sieht den Fortschritt des Ausbaus als Erfolgsgeschichte. "Allein in unseren Förderprojekten werden über 30 000 Kilometer Glasfaserleitungen neu verlegt", sagt er. Sein Ministerium stehe für gleichwertige Lebensverhältnisse und Arbeitsplätze im gesamten Land.

"Da reden's immer von gleichen Lebensbedingungen - aber die kommen nicht", sagt Brigitta Weinzierl. Die 70-Jährige sitzt vor dem Schlamgerger Gasthof. "Das sind alles nur Sprechblasen vor der Wahl, damit die Landbevölkerung ihnen die Stimmen gibt." Aber es lebten zu wenige hier, um genug Druck auszuüben. "Es gibt nicht überall alles, das muss man akzeptieren." Für sie persönlich ist Internet Schnickschnack.
Es mag sein, dass es für die Älteren auf dem Land kein großes Problem ist, wenn das Internet schlecht ist, sagt Birgit Heinrich. "Aber für die Jüngeren ist es eins." (Sophie Rohrmeier, dpa)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 37 (2017)

Renteneintritt mit 70 – wird das in Zukunft unumgänglich?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 15. September 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Christian Hagist, Professor für Generationenübergreifende Wirtschaftspolitik an der WHU – Otto Beisheim School of Management

(JA)


Joachim Unterländer (CSU), Vorsitzender des Sozialausschusses im Bayerischen Landtag

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.