Kommunales

Verfallene Häuser, kaputte Straßen, dicht gemachte Ladengeschäfte: leider die Regel in Fichtelgebirgsorten. (Foto: Fuchs)

31.05.2013

Neuer Rettungsversuch für sterbende Orte

In Oberfranken wollen Kommunalpolitiker mit einem "Demografie-Coaching" den Bevölkerungsrückgang kompensieren

Das Kneippstädtchen Bad Berneck im Fichtelgebirge (Landkreis Bayreuth) hat es besonders hart getroffen. Erst machten nach und nach sämtliche Kureinrichtungen dicht, dann ging der größte Industriearbeitgeber in die Insolvenz. „Wir haben in den vergangenen 20 Jahren 15 Prozent unserer Bevölkerung verloren“, klagt Bürgermeister Jürgen Zinnert (SPD). Tatsächlich waren es 1992 noch rund 5300 Einwohner, 2012 nur noch 4500. Noch dramatischer ist der Rückgang bei den Übernachtungszahlen. „Hier liegt der Einbruch bei 90 Prozent“, verrät Zinnert. Ähnlich ist die Situation auch in Arzberg im Landkreis Wunsiedel, nur wenige Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt gelegen. „Nach der Schließung sämtlicher Porzellanfabriken und dem Verlust des Kraftwerks hatten wir einen extremen Rückgang der Einwohnerzahl“, so Bürgermeister Stefan Göcking (SPD).


Leerstände vermeiden


Doch nun wollen die Bürgermeister der betroffenen Gemeinden und die Kommunalpolitiker aus der Region dem demographischen Wandel mit dem Pilotvorhaben namens Demografie-Coaching möglichst kreative Maßnahmen entgegensetzen. Das Projekt ist Bestandteil des europäischen Förderprogramms Adapt2DC, was für „Adaptation To Demographic Change“ („Anpassung an die demographische Veränderung“) steht.
„Wir sind die Region in Bayern, die wie keine andere von den Herausforderungen des demographischen Wandels betroffen ist“, gibt der Hofer Oberbürgermeister Harald Fichtner (CSU), Vorsitzender des Planungsverbandes Oberfranken-Ost, beim offiziellen Startschuss für das Demographie-Coaching zu. In den 1970er und 1980er Jahren sei Kommunalpolitik das Gestalten in Zeiten stetigen Wachstums gewesen, so Fichtner. Heute dagegen gehe es vielmehr darum, wie man die kommunale Infrastruktur bei immer weniger werdenden Menschen aufrechterhält, oder vielleicht sogar schon wieder zurückbaut.
Mit Hilfe des Pilotprogramms sollen erste Antworten darauf schon bis zum kommende Jahr gefunden werden. Konkret geht es in Bad Berneck darum, wie die Kommune dazu beitragen kann, Leerstände in Geschäften, Wohnungen und Häusern zu vermeiden. In Arzberg sollen Teile des alten Wohnungsbestandes so aufgewertet werden, dass die Menschen so lange wie irgendwie möglich darin ein selbstbestimmtes Leben führen können. Unter dem Begriff Ambient Assisted Living („Umgebungsunterstütztes Leben“) will die örtliche Wohnungsgenossenschaft sogar eine Modellwohnung einrichten, in der Methoden, Konzepte und (elektronische) Systeme dazu präsentiert werden. Drittes Praxisbeispiel wird die Stadt Hof sein, in der es um die Anpassung der sozialen Infrastruktur insbesondere an die Bedürfnisse von Migranten gehen soll.

Das Rad wird nicht neu erfunden


Bei all diesen Vorhaben wird das Rad freilich nicht neu erfunden. Zum Projektstart des Demographie-Coachings wurden deshalb zu allen drei Themenkomplexen Fachleute eingeladen, die mit der Kommunalpolitik und den Beauftragten vor Ort bereits intensiv an kreativen Lösungen arbeiteten. Der Migrationsforscher Philip Anderson etwa, der den Verantwortlichen In Hof zur Anpassung ihrer sozialen Infrastruktur dringend ans Herz legte, den Glauben als Zugangsmöglichkeit zu Migranten zu sehen, deren Lebenswelt oft begrenzt und deren Hemmschwellen oft sehr hoch sind, um die verschiedensten Angebote und Dienste in Anspruch zu nehmen.
Egal ob Pfarrer oder Imam: Geistliche können wichtige Multiplikatoren sein, um Migranten an offene Treffs, Beratungsangebote, ambulante Pflegen oder soziale Dienste heranzuführen. Jürgen Nitschke von der Bamberger Josephs-Stiftung, einem kirchlichen Wohnungsunternehmen, berichtete von einem Ambient-Assisted-Living-Musterhaus, das die Stiftung in diesen Tagen in Bamberg eröffnet. Nitschke warnte aber auch davor, technische Funktionen als alleinige Lösung zu sehen. Menschen, die sich um andere kümmern, seien dabei genauso wichtig, egal ob als Hauswirtschafts- oder Pflegedienstleister oder für den technischen Support.
Auch für ein effektives Leerstandsmanagement gibt es bereits ein Vorzeigeprojekt. Bürgermeister Wolfgang Borst (CSU) aus Hofheim in Unterfranken stellte die Hofheim-Allianz des Landkreises Haßberge vor, die ein vielversprechendes Förderprogramm aufgelegt hat: 50 Euro zahlt die Verwaltungsgemeinschaft pro Quadratmeter, wenn ein Interessent in vorhandene und leer stehende Bausubstand in den Kernorten investiert. Der Erfolg gibt der Allianz recht: Fast 100 Maßnahmen seien zwischen 2009 und 2012 mit rund 565 000 Euro in sechs Gemeinden gefördert worden. Mit ersten Dorfläden sei sogar schon wieder Leben in die einstigen Leerstände eingekehrt. (Stephan Herbert Fuchs)

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