Kommunales

Das Museum Georg Schäfer präsentiert die bedeutendste Privatsammlung der Kunst des deutschsprachigen Raums des 19. Jahrhunderts. Über die Finanzierung zeigte sich Direktorin Sigrid Bertuleit (rechts) häufiger ungehalten. Dass sie damit an die Öffentlichkeit ging, gefiel wiederum dem Schweinfurter Oberbürgermeister Sebastian Remelé (CSU, links) nicht. (Foto: Stadt Schweinfurt)

20.06.2014

Nicht provinziell genug für Schweinfurt

Die Stadt feuert nach 14 Jahren die Direktorin des international renommierten Georg-Schäfer-Museums fristlos – terminlich haarscharf vor deren arbeitsrechtlicher Unkündbarkeit

Sigrid Bertuleit, Direktorin des Georg-Schäfer-Museums in Schweinfurt, wurde von ihrem Arbeitgeber, der Stadt, gerade fristlos gefeuert. Man honoriere zwar die fachliche Leistung, heißt es, käme aber menschlich nicht mit ihr zurecht. Merkwürdig: Um das zu erkennen, brauchte die Kommune 14 Jahre. Eine Kulturposse aus Unterfranken.

Für eine Stadt mit gerade mal 52 000 Einwohnern, an der Peripherie des Freistaats gelegen, hat Schweinfurt künstlerisch einiges zu bieten: Vor allem die Kunsthalle und das Georg-Schäfer-Museum mehrten in den vergangenen Jahren den kulturellen Ruf der Kommune weit über Unterfranken hinaus. Sigrid Bertuleit, seit dem Jahr 2000 und bis vor wenigen Tagen Direktorin des Schäfer-Museums, kann sich das als Verdienst durchaus mit anrechnen lassen. Trotzdem wurde sie jetzt per Stadtratsbeschluss entlassen – fristlos, wohlgemerkt.
Die gebürtige Lübeckerin ist promovierte Kunsthistorikerin und diplomierte Pädagogin mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung. Das von ihr mit aufgebaute Museum beherbergt eine der umfangreichsten privaten Sammlungen von Gemälden und Grafiken der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts, darunter den weltweit größten Bestand an Spitzweg-Bildern; Bertuleit hat dort weit über 40 Ausstellungen erfolgreich konzipiert.
Fachlich gibt es also nichts auszusetzen an der Ex-Direktorin. Sehr engagiert und konzentriert auf ihre Tätigkeit – persönlich freilich eher zurückhaltend, quasi „verheiratet“ mit ihrem Museum –, leitete sie Vorbesichtigungen und Pressekonferenzen, bildete Museumsführer aus, hielt Kontakt mit auswärtigen Museen, Privatsammlungen und Leihgebern, lieh selber auch aus. Mit drei weiteren Beschäftigten steuerte sie das große Haus.
Dieses aber hat leider eine komplizierte Konstruktion: Das Gebäude gehört dem Freistaat, der Inhalt – also die Sammlung des ehemaligen Schweinfurter Industriellen – gehören der Stiftung Georg Schäfer, und den alltäglichen Betrieb des Museums übernimmt die Stadt Schweinfurt. Wer das Museum leitet, sitzt also gleich zwischen drei Stühlen.
Schon bei der Eröffnung äußerte der Nachkomme des Sammlers, Fritz Schäfer, dass er die Bilder – auf die auch andere Museen begehrliche Blicke warfen – nicht im Museum lasse, falls sich die Stadt nicht um eine angemessene personelle Ausstattung bemühe. Diese Aussage wiederholte er nun angesichts der Vorwürfe, die man der in seinen Augen „sehr kompetenten Museumsleiterin“ seitens der Kommune macht. Dass sie wegen ihrer etwas spröden norddeutschen Art bei den ehe lebensfrohen Unterfranken nicht so ankommt, wusste man eigentlich schon bei ihrer Einstellung.

"Nicht solidarisch gezeigt"


Deshalb klingt die Kritik nun etwas merkwürdig: Man wirft Bertuleit vor, sie habe sich „nicht solidarisch gefühlt mit der Stadt“, die Atmosphäre zwischen ihr und Oberbürgermeister Sebastian Remelé (CSU) gilt als eisig. Nicht gut kam bei den Lokalpolitikern wohl an, dass Bertuleit immer wieder mit Forderungen wegen der „schlechten personellen und finanziellen Ausstattung“ des Museums an die Öffentlichkeit ging. Aber auch anderswo klagen Museumsdirektoren über Geldnot, das ist nicht Ungewöhnliches.
Die Lokalzeitung wiederum bemängelte im Zuge der begleitenden Berichterstattung zur Angelegenheit, von der Ex-Museumsdirektorin nicht immer ausreichend und rechtzeitig über Ausstellungen informiert worden zu sein und, dass Bertuleit mehr Gewicht gelegt habe auf überörtliche Berichterstattung. Doch laut Stellenausschreibung ist für die Öffentlichkeitsarbeit die Kuratorin der Grafiksammlung, nicht aber die Museumsleiterin zuständig. Auch dass die Schweinfurter zu wenig „angesprochen“ worden seien mit den Ausstellungen, ist ein Vorwurf. Sammler-Nachkomme Fritz Schäfer weist das zurück: „Es ist nicht Ziel des Museums Georg Schäfer, ein Regionalmuseum zu sein“.
Die Stadt Schweinfurt hat Bertuleit nun aus „verhaltensbedingten Gründen“ in nichtöffentlicher Sitzung auf Empfehlung der Rathausspitze mit Stadtratsmehrheit fristlos nach Paragraph 626 BGB und danach auch ordentlich gekündigt. Als Gründe für den Rauswurf wurden Beschwerden von Beschäftigten genannt, die bei der Personalvertretung der Stadt aufliefen, weiterhin Vorwürfe, die Museumsleiterin habe Privatangelegenheiten im Dienst erledigt, habe Probleme mit der Zeiterfassung gehabt und sei nachlässig mit öffentlichem Geld umgegangen – etwa beim Streichen von Wänden. Merkwürdig: Eine Abmahnung gab es nie, auch die Beschwerden der Beschäftigten wurden offiziell nie an Bertuleit herangetragen. Dies hätte aber zwei Wochen nach Kenntnis des Vorfalls erfolgen müssen. So traf die fristlose Kündigung die Betroffene wie aus heiterem Himmel.
Etwas seltsam mutet der gewählte Zeitpunkt an: Die 57-Jährige ist seit 14 Jahren nach Tarif im Öffentlichen Dienst, Entgeltgruppe 15, bei der Stadt beschäftigt, und der enthält einen besonderen Kündigungsschutz: Bei 15 Jahren Beschäftigung beim selben Arbeitgeber und einem Alter von über 40 Jahren ist eine Person unkündbar. Dies wäre ab 1. Januar 2015 für Bertuleit der Fall gewesen.
Der erste Termin vor der Schweinfurter Kammer des Arbeitsgerichts Würzburg mit der Klage auf Weiterbeschäftigung endete nicht einvernehmlich. Für die Stadt kommt ein Fortbestand des Arbeitsverhältnisses nicht in Frage. Der Anwalt der Klägerin, Klaus Aumüller aus Bamberg, meint, dass mittels einer Mediation das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Museumsleiterin wieder herstellbar sei, der Anwalt der Stadt hält das für nicht realisierbar. Der zweite Streittermin vor Gericht ist für September anberaumt.

Die Stadt schweigt zum Thema


Die Stadt gibt auf Nachfrage wegen des laufenden arbeitsgerichtlichen Verfahrens keine Stellungnahme ab; es wird aber ausdrücklich betont, dass sie die fachliche Leistung von Frau Bertuleit honoriere, von der Stadt als Arbeitgeberin aber auch die „andere Seite“ der Bertuleit unterstellten Beschäftigten bewertet werden müsse. Das sei der Anlass für die Kündigung gewesen.
Die Art, wie die Stadt mit Bertuleit umgeht, beurteilt Fritz Schäfer als „eine Schande für Schweinfurt“. Das sehen auch andere so, wie Äußerungen in Leserbriefen der Lokalzeitung und Beiträge in den sozialen Netzwerken im Internet belegen.
Es macht die Spekulation die Runde, dass die Stadt mit der Streichung dieser Museumsleitung und der Zusammenlegung von Stellen Geld einzusparen gedenkt. Die starken Rivalitäten zwischen Kunsthalle und Georg-Schäfer-Museum lassen sich schon aus dem Ausstellungskalender, der Stadt ablesen. Da wird das Museum Georg Schäfer nicht aufgeführt, obwohl es doch von der Stadt betrieben wird. Seitens der Stiftung wiederum steht die Drohung im Raum, die Sammlung zurückzuziehen.
(Renate Freyeisen)

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