Kommunales

Anspruchsvoll und stressig: Während seiner Schicht muss Disponent Marc Gistrichovsky bis zu fünf Bildschirme gleichzeitig im Blick behalten. (Foto: Pelke)

12.01.2018

Notruf aus der Integrierten Leitstelle

Die Rettungszentralen verzeichnen immer mehr Einsätze bei sinkender Bewerberzahl – und am Geld mangelt es auch

Die Integrierten Leitstellen (ILS) in Bayern kämpfen mit Nachwuchsproblemen. Das Innenministerium setzt auf die Einführung eines neuen Ausbildungsberufs. Doch Krankenkassen und Kreise streiten ums Geld.

Kein Tag ohne Blaulicht: In Großstädten wie Nürnberg gehört das Martinshorn zum ständigen Begleiter des Alltags. Koordiniert werden die Einsätze des Rettungsdienstes und der Feuerwehr in der Frankenmetropole von einem modernen Bürogebäude mit Blick auf den Main-Donau-Kanal.

Reibungslos läuft der Betrieb in der Integrierten Leitstelle allerdings nicht. Die Disponenten-Branche hat Nachwuchsprobleme. Geeignete Fachkräfte sind offensichtlich schwer in geeigneter Zahl zu finden. Marc Gistrichovsky schaut konzentriert auf fünf Bildschirme, die vor ihm auf dem Schreibtisch stehen. Mit flinken Augen scannt der 43-jährige Leiter der Integrierten Leitstelle Nürnberg um kurz vor 15 Uhr die Einsatzlage.
„Aktuell sind 15 Rettungswagen im Stadtgebiet Nürnberg unterwegs“, sagt Gistrichovsky und erklärt, dass diese Zahl für einen normalen Wochentag nichts Ungewöhnliches sei. In den letzten Jahren würden die Alarmierungen aus vielen Gründen zunehmen. „Die Leute werden älter. Menschen, die nicht mobil sind, landen immer häufiger bei uns. Außerdem stellen wir einen Rückgang der ambulanten Versorgung in der Fläche fest. Das führt bundesweit zu mehr Rettungseinsätzen“, sagt Gistrichovsky.


Immer häufiger rufen Überängstliche an



Und fügt hinzu, dass immer mehr Menschen mit medizinischen Lapalien in der Leitstelle anriefen. Dabei seien für Schnupfen und Husten eigentlich die Kassenärzte mit ihrer Bereitschaftsnummer 116 117 zuständig. Der Bürger würde sich in dem Notruf-Dschungel freilich immer weniger auskennen, weiß Gistrichovsky aus Erfahrung. Der Chef der Nürnberger Leitstelle verweist zusätzlich auf das große Gebiet, dass seine Mitarbeiter betreuen müssen. „Wir koordinieren die Notrufe für die Städte Erlangen, Nürnberg, Fürth sowie die Landkreise Erlangen-Höchstadt, Fürth und Nürnberger Land. Damit sind wir eine der größten Leitstellen in Deutschland“, erläutert der Disponent.

In einem abgedunkelten Raum in einem schmucklosen Bürogebäude am Nürnberger Hafen sitzen seine Mitarbeiter auch an diesem Tag konzentriert vor den Bildschirmen. Die Arbeit der Disponenten werde immer komplexer, klagt Gistrichovsky und erzählt von einem aktuellen Fall. „Neulich konnten wir einer Ehefrau erklären, wie sie ihrem Mann helfen kann, damit der einen Herzstillstand ohne neurologischen Schaden bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes überlebt. Mit dieser Telefonreanimation haben wir derzeit große Erfolge.“ Das sei nur ein Beispiel für die gestiegenen Anforderungen. Gistrichovsky ist sich sicher, dass die Aufgaben und Möglichkeiten der Leitstellen durch die Digitalisierung steigen werden. Eigentlich könnte in der Leitstelle alles wie am Schnürchen laufen.

 

Allein in Nürnberg 30 offene Stellen



Wenn nicht die Sorgen um den fehlenden Nachwuchs wären. Über 30 Mitarbeiter könnte allein Gistrichovsky in seiner Leitstelle in Nürnberg einstellen. Dummerweise mangele es an geeigneten Kandidaten. Überstunden haben deshalb auch schon die Mitarbeiter der Nürnberger Leitstelle schon häufiger geschoben. Zuvor habe er Feuerwehr, Stadtverwaltung und den Zweckverband von der notwendigen Ausweitung der Mitarbeiter-Mannschaft von rund 65 auf 90 Teammitglieder überzeugen müssen. Die Aufstockung ist allerdings das Ergebnis eines externen Personalgutachtens. Schließlich geht es um einen wichtigen Bereich der kommunalen Daseinsvorsorge.

Einen Großteil der Ausgaben bekommen die Leitstellen erstattet. „Wir werden je nach Arbeitsbelastung gemischt finanziert. Die Rettungsdienst-Betriebskosten werden von den Krankenkassen bezahlt. Das sind bei uns derzeit rund 80 Prozent. Der restliche Feuerwehranteil in Höhe von aktuell 20 Prozent werden über die jeweiligen kommunalen Gebietskörperschaften getragen.“

Gistrichovsky ist kein Mann, der Panik schüren will. „Anderswo werden auch Überstunden gemacht. Der Betrieb war trotz der personellen Engpässe niemals gefährdet.“ Langfristig, so ist er sich dennoch sicher, müsse sich aber im Hinblick auf die zunehmenden Anforderungen durch die Überalterung und Digitalisierung der Gesellschaft bei den Leitstellen in puncto Nachwuchs etwas tun. „Wir wünschen uns, dass eine Ausbildung für Disponent in modernen Leitstellen geschaffen wird.“ Mit einem Ausbildungsberuf könnte man den Nachwuchs direkt an der Schule abholen. „Heute kommen die Mitarbeiter nach einer eineinhalbjährigen Zusatzausbildung von Feuerwehr oder Rettungsdienst zu den Leitstellen.“


Dreimal zwölf Stunden Dienst, dann drei Tage frei



Im Klartext heiße das, dass die Leitstellen bei den Kollegen der Feuerwehr und des Rettungsdienstes um Quereinsteiger werben müssten. Die hätten aber selbst Nachwuchssorgen. Außerdem, ist sich Gistrichovsky überzeugt, könnte eine eigene Ausbildung die Disponenten besser auf die Anforderungen der Zukunft in der Integrierten Leitstellen vorbereiten. „Das Berufsbild ändert sich in den nächsten Jahren gewaltig. Wir brauchen hier immer speziellere Fähigkeiten.“ Mit dem alten Bild von der gemütlichen Stube mit Funkgerät und Telefon hätten die Aufgaben der Disponenten heute nicht mehr viel zu tun.

Lothar Philipp, Geschäftsführer der Integrierten Leitstelle Bamberg-Forchheim in Oberfranken mit rund 30 Mitarbeitern, sagt hingegen, dass er „bislang keine Personalsorgen“ kenne. „Wir haben attraktive Arbeitsverhältnisse geschaffen. Unsere Disponenten arbeiten in Zwölf-Stunden-Schichten. Nach drei Arbeitstagen haben sie dann drei Tage hintereinander frei.“ Diese Regelung sei offensichtlich so attraktiv, dass die Leitstelle Bamberg-Forchheim keinen Bewerberengpass habe.

In der Leitstelle Ingolstadt sorgt man sich auch um die Zukunft. Auch wenn der Personalmangel noch nicht akut sei. „Zur Zeit haben wir noch ausreichend Bewerbungen. Diese sind jedoch im Vergleich zu den letzten Jahren weniger geworden“, sagt Günther Griesche, Geschäftsführer der Leitstelle. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung setze man sich für die Schaffung eines Ausbildungsberufes ein, um zusätzlich zu den Quereinsteigern zukünftig ausreichend Personal zu erhalten. „Ein Modell wie in Hessen mit einer Schule in staatlicher Hand wäre dafür optimal“, ist sich Griesche sicher.


Auch das bayerische Innenministerium ist alarmiert



Beim bayerischen Innenministerium in München sorgt man sich auch um den Nachwuchs in den Leitstellen. Durch Änderungen bei der geforderten Eingangsqualifikation könne zwar der kurz- und mittelfristige Personalbedarf in den Integrierten Leitstellen abgedeckt werden. Dank dieser herabgesetzten Eingangsqualifikation für Disponenten stünden wieder mehr Bewerber zur Verfügung, die eine ausreichende rettungsdienstliche oder feuerwehrfachliche Qualifikation für den Job in den Leitstellen nachweisen können.

Langfristig unterstütze das Ministerium aber die Einführung einer eigenständigen, dreijährigen Berufsausbildung zum staatlich anerkannten Leitstellen-Disponenten. Damit könnten die Chancen zur Rekrutierung von ILS-Disponenten laut Ministerium auf dem Berufsmarkt erweitert werden. Zudem würde sich die Qualifikation der Disponenten erhöhen. Notwendig sei allerdings eine Finanzierungsregelung, für welche die Sozialversicherungsträger als Kostenträger des Rettungsdienstes und die Kommunen für die feuerwehrfachliche Komponente eine einvernehmliche Lösung finden müssten. Eine Lösung dieser Frage steht freilich noch aus. (Nikolas Pelke)

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