Kommunales

Schön ist anders - diese Bänke vorm Rathaus der Frankenmetropole laden nicht wirklich zum Verweilen ein. (Foto: Pelke)

11.08.2017

Nürnberg will schöner werden

Die Stadt erstellt gerade ein umfassendes Gestaltungshandbuch für den öffentlichen Raum – doch das Geld reicht nicht für die ganze Kommune

Unter der Überschrift „Nürnberger Linie“ wird in einem neuen, 108 Seiten dicken Gestaltungshandbuch der Stadtverwaltung haarklein festgelegt, welcher Mülleimer hier und welcher Papierkorb dort in der Stadt zukünftig aufgestellt werden soll. Damit will man im Rathaus offensichtlich die eigene Anarchie beenden, die dort augenscheinlich jahrzehntelang geherrscht haben muss. Beamte haben in der Vergangenheit offensichtlich nach Geschmack beliebige Lampen, Papierkörbe, Sitzbänke, Kanaldeckel und Fahrradständer auswählen dürfen. Anders ist beispielsweise der Papierkorb-Wildwuchs im Stadtgebiet kaum zu erklären.

15 verschiedene Modelle von Abfalleimern in der City


Neben edlen Modellen aus Gusseisen hängen schreiend orange Behälter aus Plastik. Stadträtin Christine Kayser (SPD) will nur in der Altstadt bereits 15 verschiedene Abfalleimer gezählt haben. „Ich habe den Eindruck, dass jeder in der Stadtverwaltung bestellt, was ihm im jeweiligen Katalog gerade gefällt“, wird Kayser in der Lokalzeitung zitiert.

Selbst bei der Auswahl des Bodenpflasters durfte offensichtlich jeder machen, was er wollte. Wer über den Hauptmarkt spaziert und auf seine Augen auf den Boden richtet, kann den Pflaster-Flickenteppich selber bewundern. Zwischen den schönen Granitsteinen mischen sich eher unschöne Bodenplatten und noch hässlichere Teerdecken.

Diesem Stilmix sagt das Gestaltungsbuch nun den Kampf an. Die derzeitige „uneinheitliche Belagsführung“ soll „langfristig durch einen altstadttypischen Belag“ ersetzt werden. Überhaupt soll alles einheitlicher werden, um das Auge des Betrachters zu schonen. Einheitlicher Bodenbelag und historisch anmutende Straßenlaternen sind überall in der Altstadt vorgesehen.


Der Schwerpunkt liegt auf der historischen Altstadt


Überhaupt die Altstadt. Sie rückt die Designfibel in den Mittelpunkt. Hier wird, auch finanziell, ein „gestalterischer Schwerpunkt“ gelegt, werden „erhöhte Anforderungen“ an den öffentlichen Raum gestellt – durch den „flächendeckenden Einsatz historisierender Möblierungselemente und Leuchten“. In den zehn anderen Stadträumen von der Reihenhaus- bis zur Hochhaussiedlung müssen – bittere Erkenntnis der neuen Gestaltungsregeln – „gestalterische Ansprüche aus Kostengründen reduziert“ werden.

Hintergrund der kommunalen Beautykur ist eine Studie aus dem Jahr 2012, als die Stadt feststellte, dass man rund um die Fußgängerzone eine „umfassende Qualitätsoffensive“ startet müsse, um „künftig noch wettbewerbsfähig in Konkurrenz mit anderen Städten“ zu bleiben. Die wertvolle Altstadt soll deshalb besonders schön werden. Dafür soll die Gestaltung „einheitlich und ruhig“ werden. Im Klartext: Der bunte Stil- und Materialmix hat ausgedient. Ein praktisches Opfer dieser Grundregel wurde bereits auserkoren.

Den orangenen Plastikmülleimern soll es am schnellsten an den Kragen gehen. Aus der Altstadt soll der Billigheimer unter den Müllkübeln (Kosten: maximal 30 Euro) ganz verbannt werden. In anderen Gegenden soll sich zumindest die Farbe des Plastikbehälters ändern. Umlackieren werde man die Plastikmülleimer nicht, versichert André Winkel vom städtischen Servicebetrieb für den öffentlichen Raum. „Nach und nach“ werde man die grelle Designsünde durch „farblich unauffälligere Eimer in einem schlichten Grauton“ austauschen.

Apropos nach und nach: Genau so will die Stadt das Gestaltungshandbuch befolgen. In den nächsten 30 Jahren, so die Hoffnung des städtischen Baureferenten Daniel Ulrich, soll die neue „Nürnberger Linie“ das Design von der Parkbank bis zum Mülleimer bestimmen. (Nikolas Pelke)

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