Kommunales

Biologe Wolf-Dieter Schmidt (rechts) und ein Mitarbeiter kontrollieren Kleinlebewesen unter Wasser. (Foto: BSZ)

07.12.2012

Plan gegen den Öko-Kollaps

Die Regierung von Unterfranken startet ein weltweit einmaliges Notprogramm für Flüsse

Wenn es einem Fluss biologisch wieder besser geht, bedeutet das noch lange nicht, dass die Sorgen für die Naturschützer weniger werden. Der Main etwa, vor Jahren fast vom ökologischen Kollaps bedroht – an manchen Tagen glich er einer dunklen, stinkenden Brühe –, hat sich hervorragend regeneriert. Deutlich weniger Abwässer und Schadstoffe fließen in den Strom, Industrie und Kommunen beweisen Verantwortungsbewusstsein. Die Algenmassen, die dem Main häufig jene widerliche gelbbraune bis grünliche Färbung gaben, sind verschwunden. Heute ist der Fluss zwar regentrüb – aber sonst klar.
Doch damit wandeln sich auch wieder Flora und Fauna im Gewässer. Denn es gibt Arten, die haben weniger Probleme mit Schmutz und Dreck, sind resistenter und genügsam. Die waren früher zwar nicht heimisch im Main, stammen meist aus ganz anderen Regionen. Geänderte Umweltbedingungen schufen ihnen eine Nische. Und es gibt empfindsamere Tiere und Pflanzen, zahlreiche stehen auf der Roten Liste. Diese Alteingesessenen kehren jetzt langsam wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurück und gedeihen prächtig. Bei manchen liegt das Verschwinden schon über 100 Jahre zurück.
„Das gewässerökologische Gefüge des Mains ist also natürlicher, ausgeglichener, aber deshalb auch sensibler geworden“, erläutert Wolf-Dieter Schmidt, Gewässerbiologe bei der Regierung von Unterfranken. An dieser Stelle kommt der Klimawandel ins Spiel. Die Sommer werden im Durchschnitt wärmer und damit auch das Wasser des Flusses. „Die heißen Sommer in den Jahren 2003 und 2009 haben gezeigt, dass der Main bis zu 30 Grad heiß werden kann“, berichtet Schmidt, der den Fluss schon seit über 30 Jahren als Wissenschaftler begleitet.


Risiko Grafenrheinfeld


Die Badegäste finden das natürlich toll und auch der eine oder andere Winzer dürfte mit Blick auf die Qualität seines Weins nicht viel dagegen haben. Für den Fluss ist es aber nur mäßig hilfreich. Wenn das Wasser im Main zu heiß ist, kann das negative Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt im Fluss haben“, warnt der Biologe. „Es setzt nicht nur den Eiweißen der Zellen zu, sondern raubt den Lebewesen auch wichtigen Sauerstoff.“
Neben Mutter Natur trägt auch immer noch die Industrie dazu bei, den Main auf Badewannenniveau zu heben. „Das Kühlwasser des Kernkraftwerks in Grafenrheinfeld zum Beispiel macht zwar nur ein paar Zehntel Grad mehr aus. Aber trotzdem sollen diese und andere Unternehmen vorsichtig sein und auf Dinge verzichten, die noch zusätzlich Wärme bringen.“
Um diese Gefahren in heißen Sommern zu reduzieren, hat die Regierung von Unterfranken jetzt einen Alarmplan erarbeitet, an dem sich auch Behörden des Bundes und der Länder Hessen und Baden-Württemberg beteiligen. Nach eigenen Angaben ist es sogar der erste auf die Temperatur eines europäischen Fließgewässers ausgerichtete Alarmplan. Er besagt, dass von einer Wassertemperatur von 25 Grad Celsius an der ph-Wert und der Sauerstoffgehalt intensiver kontrolliert werden. Wird das Wasser noch heißer, sollen Industrie und Kommunen zudem nur noch das nötigste Abwasser in den Fluss leiten, auf Kanalspülungen und Ähnliches verzichten. Für die Lebewesen bedeutet das puren Stress, so als müsse ein Mensch Sport in einer Sauna treiben.
Das der Main selbst im Vergleich zu anderen bayerischen Flüssen so hitzeanfällig ist, hat ebenfalls der Mensch zu verantworten. Über 30 Staustufen wurden allein im fränkischen Main gebaut, die das Wasser nur noch träge vor sich hinfließen lassen. „Dadurch erwärmt sich der Main extrem schnell“, meint der Experte.
Maßgebend für den Ablauf der Meldungen sind die Daten der Wasserwirtschaftsämter Aschaffenburg und Bad Kissingen. Diese werden seit vielen Jahren über kontinuierlich messende Stationen in Kahl (Landesgrenze nach Hessen), in Erlabrunn (unterhalb von Würzburg) und im frei fließenden Main bei Trunstadt (Wasser- und Schifffahrtsverwaltung) gewonnen. Sie stellen im 15-Minuten-Takt Messwerte bereit.


Drei Meldestufen


Der Alarmplan sieht drei Meldestufen vor:
1. Vorwarnung. Diese gilt bei Sauerstoffgehalten unter 6 mg/Liter, Wassertemperaturen von mehr als 25 Grad im staugeregelten und von mehr als 22,5 Grad in frei fließenden Main, bei Abflüssen von weniger als 45000 Liter pro Sekunde oder bei einer deutlichen Schädigung von Kleinlebewesen sowie Fischen. Im Rahmen der „Vorwarnung“ werden alle Betreiber von Messstationen gebeten, die Messdaten zu überprüfen. Die Wasserwirtschaftsämter führen chemische und biologische Vor-Ort-Untersuchungen durch.
2. Warnung. Diese tritt bei Sauerstoffgehalten unter 5 mg/Liter, Wassertemperaturen von mehr als 26 Grad, pH-Werten von über 8,8 oder bei einer deutlichen Schädigung von Kleinlebewesen sowie Fischen in Kraft. Alle Landratsämter unterrichten ihre Gemeinden über die kritischen Verhältnisse im Main. Arbeiten am Gewässer, die zu Belastungen führen – etwa Schlammbaggerungen – sind einzustellen. Die kommunalen und industriellen Direkteinleiter müssen ihre Einleitungen auf das notwendige Mindestmaß reduzieren. Eine Belüftung über die Turbinen in Kleinostheim wird eingeschaltet.
3. Alarm. Der wird ausgerufen bei Sauerstoffgehalten unter 4 mg/Liter, Wassertemperaturen von mehr als 27 Grad innerhalb von zwei Folgetagen oder bei einer deutlichen Schädigung von Kleinlebewesen sowie Fischen. Betriebseinschränkungen müssen durchgeführt werden. Die Wasserwirtschaftsämter beraten die Kommunen und Betriebe, wie sie ihre Abwasser- oder Wärmelast reduzieren können. Im Notfall werden die Feuerwehr, das Technische Hilfswerk und die Polizei zum Einsatz kommen. Der fränkische Alarmplan könnte schon bald Vorbild für andere Gewässer sein. An der Donau sei ein ähnlicher Plan bereits vorgesehen.
(André Paul)

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