Kommunales

Die Würzburger Musikschule, im Bild Lehrerin Silvia Klughardt, kooperiert unter anderem mit der Förderschule der Lebenshilfe. (Foto: Christ)

27.03.2015

Privileg für besserverdienende Eltern

Die Kommunen würden gerne mehr Kinder in ihren Musikschulen fördern – bräuchten dazu aber eine deutlich höhere Förderung durch den Freistaat

Musikschulen bilden die Persönlichkeit von Kindern ganzheitlich, sie fördern umfassend musische und soziale Fähigkeiten. Gewürdigt wird diese Leistung allerdings viel zu wenig, beklagen Musikschulleiter. „Die kommunalen und staatlichen Zuschüsse reichen bei weitem nicht aus“, sagt etwa Michael Dröse, Vorstandsmitglied des Verbands Bayerischer Musik- und Singschulen (VBSM) und Leiter der Musikschule Würzburg. Weshalb Eltern kräftig zur Kasse gebeten werden müssen.

Doch nicht nur der Sohn oder die Tochter eines Besserverdienenden soll es sich leisten können, ein Instrument zu lernen, kritisieren die Lehrer. Musikschulen wollen für alle Kinder offen sein. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffe jedoch eine immer breitere Lücke, so Dröse: „Unsere Eltern in Würzburg müssen inzwischen mit rund 40 Prozent einen erheblichen Teil zur Finanzierung beitragen. Der bezahlbare Zugang zur öffentlichen Einrichtung Musikschule wird damit schwieriger.“
Bayernweit übernehmen Eltern mit 44 Prozent den höchsten Anteil an den Kosten der Musikschulen, heißt es vom VBSM. 43 Prozent der Kosten werden von den Gebietskörperschaften geschultert. Alle Bevölkerungsschichten zu bedienen, dies könnten Musikschulen sie am besten dadurch erreichen, dass sie mit allgemeinbildenden Schulen kooperieren, erklärt Martin Bayerstorfer (CSU), Landrat des Landkreises Erding und Präsident des VBSM. Der Freistaat unterstütze dies seit 2015 auch erstmals.
Doch die Zuschüsse genügten nicht: „Die Förderung von Kooperationsstunden im Ganztagsbereich muss kräftig ausgebaut werden“, so Bayerstorfer. Dass die Finanzierung von Musikschulen nicht einfach ist, bestätigt auch Alfred Holzner (Freie Wähler), Bürgermeister von Rottenburg an der Laaber im Landkreis Landshut. „Würde sich der Landkreis nicht an der Förderung beteiligen, wäre der Erhalt in Frage gestellt“, erklärt er. 78.000 Euro gibt es an staatlichen Zuschüssen für die Rottenburger Musikschule, die am Standort Rottenburg über 600 und in ihrer Außenstelle, der Gemeinde Train, 120 Schüler aufweist. 113.000 Euro bewilligte der Landkreis für den Betrieb, 600.000 Euro investierte die Stadt Rottenburg 2014.
Den Kommunen sei in puncto Finanzierung nichts vorzuwerfen, lobt denn auch VBSM-Präsident Martin Bayerstorfer. „2013 übernahmen sie insgesamt 61,4 Millionen Euro.“ Das Geld floss auch in die Gründung dreier neuer Musikschulen in Lechfeld im Landkreis Augsburg, in Heilsbronn im Landkreis Ansbach sowie in Oberhaching im Landkreis München. Vom Freistaat wünscht sich Bayerstorfer dagegen or allem mehr Engagement für die außerschulische Musikbildung. Notwendig sei es, den Staatszuschuss von elf Prozent zu den Ausgaben für das Lehrpersonal „in wenigen Jahren“ auf 25 Prozent zu erhöhen, um Eltern und Kommunen zu entlasten.
Lernaufwand für das G 8 schmälert Zeit für Musik
Dass ein Gymnasiast heute oft den ganzen Tag in der Schule sitzt, und, bedingt durch das G8, sehr viel lernen muss, macht den Musikschulen ebenfalls zu schaffen. „Unsere Angebote werden immer mehr in den späten Nachmittag oder den Abend verlagert, die Vereinbarung von Gruppenunterricht wird schwieriger“, so Michael Dröse aus Würzburg. Bildungskooperationen und neue Modelle, um Musikschulangebote in den Schulalltag zu intergieren, seien deshalb unabdingbar.
Aktuell allerdings mangelt es in Würzburg noch nicht an Nachfrage. 4500 Menschen im Alter zwischen sechs Monaten und 76 Jahren singen und musizieren derzeit in Dröses Einrichtung.
Justus Willberg arbeitet seit 1993 in der Musikschule in Weißenburg. In diesen 22 Jahren sank die Zahl der Kinder im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen kontinuierlich. Und sie wird weiter sinken, weiß der Flötist, der die Musikschule der mittelfränkischen Stadt seit 1997 leitet. „Mit der demographischen Entwicklung bei uns zurechtzukommen, ist wahrlich nicht leicht“, gibt er zu. Über 650 Schüler wurden letztes Jahr in Weißenburg von 30 Lehrkräften unterrichtet. Alle sind Willberg zufolge fest angestellt.
Doch weil die Zuschüsse nicht reichen, werden die Musiklehrer untertariflich bezahlt. Musikschulen stehen nicht in Konkurrenz zum Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen. Im Gegenteil: Immer öfter wird kooperiert. Auch in Weißenburg. Es gibt Bläserklassen im Gymnasium und in der Realschule, Instrumentalunterricht in der Montessorischule, Kooperationen mit Grundschulen sowie Früherziehung in zwei Kindergärten. „Im Frühjahr 2016 wird unsere Musikschule mit Unterstützung der Stadt eine Dependence im Weißenburger Bahnhof eröffnen“, verrät Willberg. Der neue „Rock-Bahnhof“ wird Musikunterricht und Band-Spiel speziell im Rock-Pop-Bereich anbieten. Als Inklusionsinitiative soll ein Café der Lebenshilfe in das Projekt integriert werden. Mit dem neuen Angebot reagieren die Weißenburger auf die steigende Nachfrage nach Rock&Pop-Unterricht.
Noch einen zweiten Trend gibt es, so Willberg: Immer mehr Erwachsene und Senioren lernen in Musikschulen ein Instrument. Mit neuen Konzepten zur Seniorenmusik versucht der Musikschulleiter derzeit, seine Schule zukunftssicher machen. Auch dies erscheint mit Blick auf die demographische Entwicklung sinnvoll. Im Jahr 2032, ergaben Prognosen, werden mehr als 33.000 Landkreisbürger über 60 Jahre alt sein. 1993, als Willberg in Weißenburg zu unterrichten begann, waren es knapp 20.000. Der Freistaat hat versprochen, für einen bedarfsgerechten und flächendeckenden Ausbau von Musikschulen zu sorgen, um Chancengerechtigkeit zu gewährleisten, erinnert Erdings Landrat Martin Bayerstorfer. So steht es denn auch im Landesentwicklungsplan. „Um das zu erreichen, haben wir jedoch noch viel zu tun“, kommentiert der VBSM-Präsident. Nur gemeinsam mit dem Freistaat könnten die Kommunen dies schaffen. (Pat Christ)

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