Kommunales

Auf dieser Wiese im Stadtteil Lehel plant Star-Architekt Daniel Libeskind eine neues Gotteshaus für die liberalen Juden. Foto: ddp

21.05.2010

Rückkehr ins Herz der Stadt

Münchens Reformjuden bauen eine eigene Synagoge

Eine Stunde lauscht er nun schon.Eine Stunde tauschen die Bewohner des Lehels auf der Einwohnerversammlung an diesem Frühlingsabend lautstark ihre Argumente aus. Dann tritt der ältere Herr ans Mikrophon. Sichtlich brennt ihm etwas auf der Seele. Viele seiner Vorredner hatten für den Erhalt des kleinen Stücks Grün im Lehel Partei ergriffen, für Ruhe und Natur plädiert, von Idyll und Biotop gesprochen. Nun geht er in die Offensive: „Ich wohne gerne in der Stadt, weil ich das Stadtleben liebe. Zum Stadtleben gehört Kultur. Es muss doch unser Anliegen sein, dass alle gesellschaftlichen Gruppen dieser Stadt hier leben können“, ruft er und erntet großen Applaus. Seine Nachrednerin schließt sich an: „Es ist mir ganz wichtig, dass heute ein Begrüßungssignal an die jüdische Gemeinde ausgeht.“ Den passenden Antrag hat sie gleich vorformuliert. Der Antrag, der am späten Abend angenommen wird, lautet: „Die Einwohner des Lehels begrüßen den Bau einer Synagoge.“ Weiter heißt es: „Eine gute Nachbarschaft zur jüdischen Gemeinde ist uns wichtig.“ Sie diskutierten heftig in der Lukaskirche. Es ging um die Zukunft des Areals Am Gries, und ein wenig auch um die Frage: Braucht München eine zweite Groß-Synagoge? Es war eine Abstimmung mit Widersprüchen: Grün! Am besten soll es grün bleiben, das Gelände nördlich der Prinzregentenstraße. Da waren sich die meisten Bewohner des Viertels einig. Ein alter Konflikt lebt wieder auf Doch es existiert nun mal ein Bebauungsplan für dieses Gelände; schon 1992 hat ihn der Stadtrat beschlossen. Den Realisten unter den Anwohnern ist klar, dass die Stadt diesen nicht zurücknehmen wird, dafür ist der Stadtsäckel zu leer. Und wenn die Bebauung unumgänglich ist, dann plädiert die Mehrheit der Lehel-Bewohner für die Errichtung einer Synagoge auf diesem Gelände. So jedenfalls ließen sich die Abstimmungen über die kontroversen Anträge auf der Versammlung deuten. Unter den gut 100 Besuchern des Treffens waren auch Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), und die meisten Fraktionschefs des Münchner Rathauses. Zufrieden zeigte sich nach der Einwohnerversammlung Michael Petery, der als Vorstandsmitglied an diesem Abend die liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom vertrat. „Auf die Frage: Synagoge ja oder nein, haben wir die schönste Antwort bekommen, die man bekommen kann“, resümierte er anschließend. Worum geht es? Die liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom hat den Wunsch, eine eigene Synagoge in München zu bauen. Bislang führt die 1995 gegründete Gemeinde ein Hinterhofdasein: Im Keller eines Bürogebäudes im Schlachthofviertel befindet sich ihr jetziges Domizil. Dieses sei für die etwa 300 Mitglieder der Gemeinde auch zu klein, erklärt ihr Vorsitzender Thomas Dahmen: „An hohen Feiertagen haben wir für einen Teil unserer Mitglieder keinen Platz“, bedauert er. Prinzipiell ist der Gemeinde das Gelände Am Gries von der Stadt München zum Kauf angeboten worden. Ob die Bauideen von Beth Shalom sich dort realisieren ließen, unterliegt – wie bei jedem Bauvorhaben – einer planungsrechtlichen Prüfung. „Wir wollen ein Gebäude errichten mit Synagoge, Gemeinderäumen, Kindergarten und Kinderkrippe; ein Gebäude mit kulturellem Angebot unterschiedlicher Art, das auch offen sein soll für die Bewohner des Lehels und der Stadt“, erläutert Dahmen. „Es soll ein offenes Haus werden, ein Haus der Begegnung mit der christlichen Mehrheitsgesellschaft, aber auch ein Haus für den jüdisch-islamischen Dialog. Es soll ein kompaktes Gebäude werden und außen möglichst viel Grünfläche erhalten bleiben. Wir wollen eine Alternative zu einer Wohnbebauung dort sein.“ Der Bebauungsplan für das Gebiet sieht eine sechsstöckige Wohnbebauung vor, bei der allerdings eine Nutzung für kirchliche und soziale Zwecke bis zum 2. Stockwerk möglich wäre. Entscheidend sind also die endgültigen Pläne der liberalen Gemeinde. Die kennen bislang nur die Mitglieder von Beth Shalom selbst und ihr prominenter Architekt: der weltberühmte Daniel Libeskind, Erbauer des jüdischen Museums in Berlin. Libeskind war im Herbst vergangenen Jahres zur Stippvisite in München, hat sich das Gelände angeschaut und inzwischen auch Entwürfe gezeichnet. In den kommenden Wochen will die Gemeinde einen Vorbescheid mit konkreten Plänen bei der Stadt einreichen. Wer jetzt denkt, die jüdische Gemeinde in München habe doch seit 2006 eine große Synagoge sowie Räume für gemeindliche und kulturelle Veranstaltungen am Jakobsplatz, der hat nur bedingt Recht. Die Bauten dort gehören zur Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) und diese ist orthodox ausgerichtet. Beth Shalom ist jedoch eine liberale jüdische Gemeinde. Das ist also in etwa so, als würde man einem evangelischen Christen sa-gen, er könne doch die katholische Kirche im Ort besuchen. Die Israelitische Kultusgemeinde versteht sich zwar als Einheitsgemeinde für alle Juden, mit der orthodoxen Ausrichtung können sich aber viele moderne Juden nicht identifizieren. Wesentliche Unterschiede sind, dass bei den liberalen Juden Frauen und Männer gleichberechtigt in allen religiösen Angelegenheiten sind einschließlich der Ordination von Frauen zu Rabbinern. Bei den Orthodoxen nehmen die Frauen hingegen nur auf einer Empore oder in einem Nebenraum der Synagoge Platz. Die orthodoxen Judem halten ihre Gottesdienste nur auf Hebräisch ab, bei den Progressiven – wie die Liberalen auch genannt werden – ist ein Teil auch in der jeweiligen Landessprache. Was die aktuelle Situation in München betrifft, so kommt eine Nutzung der Ohel-Jakob-Synagoge am Jakobsplatz durch die liberalen Juden nicht in Frage. Interessanterweise wiederholt sich hier ein Konflikt, den es gegen Ende des 19. Jahrhunderts schon einmal gegeben hat – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts hatte sich das liberale Judentum – auch Reformjudentum genannt – in Deutschland entwickelt, und bald gehörte die Mehrheit der Juden in München wie in ganz Deutschland der liberalen Strömung an. Doch mit dieser modernen Form, Gottesdienste abzuhalten – mit Orgelmusik und deutsch statt hebräisch gesprochenen Gebeten – konnte sich ein kleinerer Teil der jüdischen Bevölkerung damals nicht anfreunden. Diese Minderheit der orthodoxen Juden forderte eine eigene Synagoge für ihre Gottesdienste. Ein Besuch der liberalen Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße am Lehnbachplatz, die 1938 von den Nazis noch einige Monate vor der Reichspogromnacht zerstört wurde, kam für sie nicht in Frage. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit der liberalen Mehrheitsgemeinde wurde schließlich 1892 die Ohel-Jakob-Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße nahe der Maximilianstraße errichtet – aus eigenen Mitteln von den orthodoxen Juden finanziert. Der Blick in die Geschichte also zeigt, dass es heute um mehr geht als ein Gotteshaus für rund 300 Gläubige. Bis zum Holocaust stellte das Reformjudentum die Mehrheit der Juden in Deutschland dar. „Das liberale Judentum muss wieder einen angemessenen Platz in München haben“, sag

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