Kommunales

Gute Bilanz zum Fach-Forum und zum Messeverlauf (von links): Richard Bartsch, Erwin Dotzel, Josef Mederer, Günther Denzler und Stefanie Krüger am Messestand der ConSozial. (Foto: Armin Koch)

14.11.2014

Sanfte Rückkehr ins Arbeitsleben

Künftig soll jeder sozialpsychiatrische Dienst im Freistaat einen Genesungsbegleiter einstellen

Psychiatrische Innovationen kommen meist aus den USA. So ist das auch mit EX-IN. Die Abkürzung steht für Experienced Involvement und bedeutet Einbeziehen von Erfahrung. Im Kern geht es darum, Menschen, die meist selbst eine chronische psychische Erkrankung haben, zu Genesungsbegleitern auszubilden. Sie stehen dann anderen Menschen in akuten seelischen Krisen zur Seite.
„Durch die Genesungsbegleiter in unseren Teams bekommen wir einen ganz anderen, viel persönlicheren Blick auf unsere Patienten“, sagt Gabriele Schleuning, Psychiaterin und Chefärztin des kbo-Isar-Amper-Klinikums München-Ost und des Atriumhauses München, beim Fachforum „Erfahrung einbringen, Menschen einbinden: Neue Wege in der Psychiatrie mit EX-IN“ mit rund 150 Teilnehmern auf der Sozialmesse Consozial 2014 in Nürnberg. Doch nicht nur die Sicht der Teams wird durch EX-IN erweitert. „Wir reden auch nicht mehr so schnoddrig über unsere Patienten. Das ist wichtig, denn die Art der Sprache prägt auch die Art des Denkens“, betont Schleuning.
Das unterstrich auch Professor Manfred Cramer von der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München, der die zweijährige Pilotphase des EX-IN-Projekt des Bezirks Oberbayern wissenschaftlich begleitet. „Die Sprache im Team ändert sich, wenn Genesungsbegleiter dabei sind“, so Cramer. Dadurch komme mehr Transparenz in die Arbeit der Teams und darauf seien die Einrichtungen, die in der Pilotphase dabei sein durften, stolz. „Meine anfängliche Befürchtung, dass die Genesungsbegleiter zusammenklappen und ihre eigene Erkrankung wieder ausbricht, hat sich nicht bewahrheitet“, ist der Professor froh. Im Gegenteil: Genesungsbegleitern tut ihre Arbeit gut. So sieht zum Beispiel Anja Seidel, Genesungsbegleiterin in der Caritas-Tagesstätte Jedermann in Unterschleißheim, darin einen Mehrwert für sich selbst. Es stärke auch ihr Selbstbewusstsein, wenn sie anderen in der Krise helfen könne. „Ja, es ist vielleicht auch ein Weg für mich zurück in den ersten Arbeitsmarkt“, sagt sie.
Und sie betont, dass es für die Menschen in Krisen besonders wichtig ist, jemanden an der Seite zu haben, der sie und ihre Gefühlswelt versteht. Denn aus Angst vor Stigmatisierung würden viele Patienten ihren Ärzten und Therapeuten nie die ganze Wahrheit sagen. So verschweigen sie beispielsweise lieber, dass sie wieder Stimmen hören und versuchen selbst damit klarzukommen, weil sonst ja wieder eine höhere Dosierung der Medikation droht. Das wollen sie nicht, denn die Medikamente haben auch Nebenwirkungen, die nicht angenehm sind. Aber durch das Gespräch mit dem Genesungsbegleiter können die Probleme dennoch bearbeitet werden.
Oberbayerns Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU), der gleichzeitig auch Präsident des Bayerischen Bezirketags ist, freut sich jedenfalls über die positiven Erfahrungen mit EX-IN: „Das Wissen der Genesungsbegleiter ist für die psychiatrische Arbeit von unschätzbarem Wert.“ Künftig soll jeder Sozialpsychiatrische Dienst im Freistaat einen Genesungsbegleiter einstellen können. Der Bezirk Oberbayern rechnet mit zusätzlichen Ausgaben von rund 170.000 Euro pro Jahr. Die Genesungsbegleiter werden zunächst auf 450-Euro-Basis beschäftigt und erhalten so die Chance, nach ihrer Krankheitspause sanft ins Arbeitsleben zurückzukehren. Das ist für Anja Seidel auch in Ordnung so. Denn sie war anfänglich ganz froh, nur zweimal wöchentlich vier Stunden als Genesungsbegleiterin tätig sein zu können. „Aber jetzt habe ich Appetit auf mehr.“
(Ralph Schweinfurth)

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