Kommunales

Warten auf Olympia. Foto: DDP

29.01.2010

Schafe statt Spiele

Münchens Bewerbung für Olympia 2018 hat nicht nur Befürworter – vor allem in Garmisch-Partenkirchen und Oberammergau formiert sich Widerstand

Der Nebel ist ins Tal gekrochen. Ein paar Touristen lassen es sich dennoch nicht nehmen, die neue Olympiaschanze im Skistadion von Garmisch-Partenkirchen zu fotografieren. Talente trainieren auf einer Miniaturanlage rechts neben dem 18 Millionen Euro teuren, futuristischen Wahrzeichen der Marktgemeinde. Noch hüpfen sie eher, als dass sie fliegen. Doch wer weiß, vielleicht schafft einer von ihnen tatsächlich den Sprung zu den Olympischen Winterspielen 2018. Und womöglich wird er dann nur ein paar Schritte weiter auf der großen Schanze stehen. Denn neben Pyeongchang (Südkorea) und Annecy (Frankreich) hat sich München mit Garmisch-Partenkirchen und dem Berchtesgadener Land um das größte Sport-Spektakel der Welt beworben. Am 6. Juli 2011 wird das Internationale Olympische Komitee (IOC) entscheiden, wer die Spiele bekommt. Viele Menschen in Garmisch fühlen sich übergangen München wäre der erste Austragungsort von Sommer- und Winterspielen, und aufgrund ihrer Erfahrung als Ausrichter im Jahr 1972 zweifelt kaum jemand daran, dass die bayerische Metropole noch einmal in der Lage wäre, ein solches Großereignis zu stemmen – zumal es 2018 die „kleineren“ Winterspiele sind. Im Olympiapark stehen die meisten Anlagen bereits. Aus dem olympischen Dorf, das wohl auf einem Verwaltungsgelände der Bundeswehr entsteht, sollen nach den Spielen 770 Wohnungen werden. Und so regte sich in München selbst kaum Protest. Auch der Bund, das Land Bayern und die Mitausrichter Garmisch-Partenkirchen (Skiwettbewerbe), Schönau am Königssee (Bob, Rodeln) und Oberammergau (Langlauf, Biathlon) haben längst ihre offizielle Zustimmung für das Milliarden-Projekt gegeben, dessen Bewerbung alleine rund 30 Millionen Euro verschlingt. Der Skifilmer und Ausstatter der deutschen Olympia-Mannschaft, Willy Bogner, ist seit November 2009 Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft. Die Eisprinzessin Katharina Witt gibt dem Vorhaben ihr strahlendes Gesicht. Und natürlich preisen die Befürworter Vorzüge möglicher Olympischer Spiele an wie den angeblichen Tourismusboom, Umweltprojekte oder die beiden Tunnels, die die verkehrsgeplagte Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen nun früher bekommen soll. Nur gibt es ein Problem: Viele der unmittelbar Betroffenen fühlen sich auf dem Münchner Weg zum Siegertreppchen übergangen. Wie Anton Mangold, der gerade vom Holzhacken in seine Stube kommt. Der 47-jährige Bauer aus Oberammergau trägt einen grünen Schlapphut, sein Holzfäller-Hemd steckt in einer blauen Arbeitshose. Er hat 53 Hektar Land gepachtet, 22 davon sind Naturschutzgebiet, das nicht angerührt werden darf. Mangolds Finger, schwarz von der Arbeit, führen über ein schraffiertes Blatt Papier. „Hier, auf den restlichen 31 Hektar, sollen das Stadion und die Loipen für Biathlon und Langlauf entstehen. Auf unseren Hauptfuttermatten, wo von Frühjahr bis Herbst das Vieh weidet.“ Mangold versorgt 30 Kälber, 30 Schafe und sechs Pferde neben den 20 Kühen, die 7000 Liter Milch im Jahr produzieren und die Lebensversicherung des Bauern sind. „Ich kann sie doch nicht während der ganzen Zeit im Stall lassen.“ Für die Mangolds und all die anderen betroffenen Landwirte geht es nicht um ein paar olympische Wochen, sondern um Jahre. Bereits im Sommer 2016 soll mit dem Bau des Stadions in Oberammergau begonnen werden, im Februar 2017 würden dort vorolympische Wettkämpfe stattfinden. Bis dahin sollen 191 Grundstückbesitzer in Oberammergau und die Betroffenen in Garmisch-Partenkirchen Flächen zur Verfügung stellen. So will es das IOC. Anlagen wie das temporär aufgebaute Stadion in Oberammergau werden wohl erst 2019 abgerissen. „2020 könnten wir wieder mit der Bewirtschaftung anfangen. Das Beste wäre es, vier Jahre zuzumachen. Aber von was sollen wir leben? Das ist schon eine Existenzfrage“, sagt die Frau des Bauern Mangold, Vroni. „Und solange wir nicht wissen, was in welcher Höhe entschädigt wird, werden wir auch nichts unterschreiben.“ Sie meint den Vorvertrag, der kürzlich im Briefkasten lag. Die Gemeinde Oberammergau möchte die Olympia-Flächen pachten und die Eigentümer entsprechend entschädigen – mit voller Haftungspflicht. „Wir wollten die Verträge den Eigentümern zur Verfügung stellen, damit sie reagieren können und sagen, was sie ändern wollen“, sagt Arno Nunn, Oberammergaus Bürgermeister. Wo Weidetiere, Gülle oder Mist hinkommen, müsse einzeln abgearbeitet werden, erklärt Nunn, und bei der Absicherung der Haftungspflicht sei er noch im Gespräch mit Bund und Land. Im Februar will er die betroffenen Eigentümer seiner Gemeinde und Vertreter der Staatsregierung, des Landwirtschaftsministeriums, des Bauernverbandes, der Kommune und der Bewerbungsgesellschaft an einen Tisch bringen. „Der Wille, das alles zu regeln, ist da“, sagt Nunn. Eines gerät dabei fast zur Nebensache: Normale Winter gab es im Ammertal unterhalb der Romanshöhe länger nicht mehr. „Das Gelände ist Südlage. 2009 wurde die erste Loipe im Februar gespurt, in diesem Jahr noch gar nicht“, sagt Mangold. Sollte es auch in acht Jahren so wenig Schnee geben, müsste er mit Lkw aus höheren Lagen angekarrt oder Kunstschnee produziert werden. Ein kostspieliges Unterfangen. Vor wenigen Tagen hat der Deutsche Alpenverein auch deshalb mit dem Rückzug aus der Fachkommission Umwelt der Bewerbungsgesellschaft gedroht. Der Bund Naturschutz (BUND) ist bereits im Sommer ausgestiegen. Axel Doering ist Kreisvorsitzender des BUND und Kämpfer gegen Olympia in Garmisch-Partenkirchen. Die Geweihe von Gams und Hirsch hängen an der Wand seines Arbeitszimmers, auf dem Computer zeigt Doering Bilder von gefällten Bäumen. Zyniker im Ort haben geschmunzelt, als der 62-jährige Förster die Rodungen für die alpine Ski-WM 2011 beaufsichtigen musste. „Wir sind wegen der Schanze und der Investitionen ins Skigebiet einer der am höchsten verschuldeten Orte in Bayern“, sagt Doering. Er versteht nicht, dass sich die Gemeinde dennoch, oder gerade deswegen, für die Spiele bewirbt. „Zumal fast alle Ausrichter von Olympischen Winterspielen nach den Wettkämpfen weniger Gäste hatten

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