Kommunales

Lange Schlange sind keine Seltenheit in bayerischen Facharztpraxen – vor allem auf dem Land. (Foto: DPA)

04.10.2013

Schöngerechnete medizinische Versorgung

Wie gut der ländliche Raum tatsächlich mit Arztpraxen bestückt ist, darüber gehen die Meinungen von Kommunalpolitikern und Ministerien auseinander

Die medizinische Versorgung im ländlichen Raum wird immer schlechter, lautet ein immer wieder beschworenes Szenario von Kommunalpolitikern. Doch das ist offenbar eine Frage der Berechnung. Ministeriale aus München zeichnen ein sehr entspanntes Bild der Lage und sprechen teilweise sogar von "Überversorgung".
Es scheint schlecht bestellt zu sein um die medizinische Versorgung auf dem Land. Zumindest, wenn man den Schlagzeilen glaubt. „Der Rückgang niederlassungswilliger Mediziner ist dramatisch“, klagt etwa Unterfrankens Regierungspräsident Paul Beinhofer. So genannte Versorgungsrankings des bayerischen Gesundheitsministeriums hingegen sprechen eine andere Sprache. Demnach hat Bayern bundesweit Platz 1 inne. Und auch die neue ärztliche Bedarfsplanung zeigt seit dem 1. Juli einen Freistaat, wo jeder, der einen Arzt braucht, auch einen antrifft.
„Rein rechnerisch ist Unterfranken mit Hausärzten sogar überversorgt“, behauptet Gabriele Hörl, Leiterin der Abteilung Gesundheitspolitik im Haus von Ressortchef Marcel Huber (CSU), und setzt verbal noch einen drauf: „Bayern steht bundesweit auf Platz 1 bei der medizinischen Versorgung.“
Was daran liegt, dass jetzt neue Verhältniszahlen zwischen Arzt und Bevölkerung gelten. Bisher galt ein Gebiet der ärztlichen Bedarfsplanung zufolge als gut versorgt, wenn ein Hausarzt auf 1419 Einwohner kam. Seit Januar dieses Jahres reicht ein Hausarzt für 1671 Einwohner. Bisher galten 30 Prozent der Planungsgebiete in Unterfranken als hausärztlich überversorgt. Durch die neuen Verhältniszahlen in der Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung sind es inzwischen 61 Prozent.


Ein Drittel über 60 Jahre


„Der echte Versorgungsengpass wird auch erst noch kommen, warnt Christian Pfeiffer, Regionaler Vorstandsbeauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) in Unterfranken. Denn die Altersstruktur der Hausärzte spielt bei der Bedarfsplanung keine Rolle. Dabei ist ein Drittel der Hausärzte in Unterfranken älter als 60 Jahre. Rund 300 von ihnen sind in den kommenden Jahren darauf angewiesen, einen Praxisnachfolger zu finden. Doch das wird immer schwerer: „2011 konnten in unserer Region 17, letztes Jahr insgesamt 15 Hausarztpraxen nicht übergeben werden.“ Die neue Bedarfsplanung sei ein „absolut fatales Signal an den Nachwuchs“, ist Pfeiffer überzeugt.
Auch bei den Fachärzten gibt es laut Statistik kaum irgendwo eine Versorgungslücke in Unterfranken. So reicht der Bedarfsplanung zufolge überall die Zahl der Frauenärzte aus. Auch bei den Hautärzten, bei denen man, wie Patienten bestätigen, meist erst nach vielen Wochen oder gar Monaten einen Termin bekommt, schaut es dem Planungswerk zufolge nach wie vor Gold aus. „Einzig im Landkreis Haßberge ist es schwierig, zeitnah einen Hautarzt zu konsultieren“, gesteht Pedro Schmelz, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern. Unbestritten ist auch für die Gesundheitsbürokratie: Im gesamten Freistaat gibt es noch Unterversorgungen bei Kinder- und Jugendpsychiatern, vor allem in der Oberpfalz und im östlichen Niederbayern.
Eine gute medizinische Versorgung zu gewährleisten, das versucht in Würzburg und Main-Rhön ein Fachforum der Regionalfördergesellschaft mit dem Namen Region Mainfranken GmbH. Unter anderem wurde ein Seminarprogramm Fit für die Praxis für angehende Hausärzte aufgelegt. Das Programm reagiert darauf, dass es angesichts einer Flut gesetzlicher Regelungen für junge Mediziner immer schwieriger wird, sich niederzulassen. In vier Modulen arbeiten sich angehende Hausärzte in in das Steuer-, Arbeits- und Vertragsrecht hinein, also Dinge, mit denen sie in ihrem Studium eher wenig in Berührung kamen. Es geht um Patientenrechte und das Arzthaftungsrecht, um die Kassenabrechnung, das ärztliche Honorar sowie um das Führen der Mitarbeiter in der Praxis.
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft versuchen gleichzeitig, das Image des Hausarztes auf dem Land aufzupolieren. Ist es doch derzeit von Negativschlagzeilen dominiert, bedauert Professor Christoph Reiners, fachlicher Sprecher des Fachforums Gesundheit in der Region Mainfranken GmbH: „Es wird ein komplett schwarzes Bild gemalt. Der Eindruck vom Hausarzt ist einfach furchtbar.“ Landarzt zu sein, sei „weder ein Zuckerschlecken noch ein totaler Graus“. Immerhin: „Ein Mediziner auf dem Land kann noch ein richtiger Arzt sein“, so der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Würzburg. „Das ist ganz anders als in den inzwischen hochspezialisierten Krankenhäusern.“ (Pat Christ)

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