Kommunales

Beliebt bei den Ganoven ist hauptsächlich Kupfer – das bringt bis zu 7000 Euro je Tonne. (Foto: dpa)

10.10.2014

Schrottplatz-Diebe werden immer dreister

Abfall bringt auf dem Schwarzmarkt viel Geld: Die Kommunen wollen ihre Wertstoffhöfe künftig besser schützen

Altmetalle, ausgediente Rasenmäher, Bohrmaschinen, Computer und Lötgeräte – was auf Wertstoffhöfen oder im Sperrmüll landet, ist durchaus noch von Wert. Darum zieht es auch Diebe an. Der illegale Handel mit Altmetallen, alten Textilien und Altpapier ist sehr lukrativ. 2012 wurde deutschlandweit ein Schaden von rund 58 Millionen Euro registriert. Immer mehr Kommunen verschärfen deshalb die Kontrollen ihrer Wertstoffhöfe oder gehen systematisch gegen Plünderungen aus dem Sperrmüll vor.

Darf man im Sperrmüll zwischen Bettgestellen, Boilern und Fahrrädern wühlen und bei Gefallen etwas mitnehmen? Die Frage ist strittig. Gemeinden berufen sich auf das Kreislaufwirtschaftsgesetz sowie die kommunale Abfallentsorgungssatzung und verbieten deshalb die Mitnahme. Eindeutiger Diebstahl liegt nach ihrer Ansicht vor, wenn etwas gegen den Willen des Betreibers vom Gelände des Wertstoffhofs entwendet wird.
Und das geschieht immer öfter. „In der Vergangenheit wurden bei uns nachts Kabelreste und Buntmetalle aus den Containern gestohlen“, berichtet Wolfgang Kuhn, der das Umweltamt in der Gemeinde Vaterstetten (Landkreis Ebersberg) leitet. Seit Kurzem gibt es in der Kommune einen neuen Wertstoffhof. Der ist nun eingezäunt und verhindert Diebstahl.
Es kommt allerdings auch konkret auf die entwendeten Gegenstände an, ob die Kommune reagiert: Wird die Kuckucksuhr aus dem Sperrmüll geklaubt, richtet das zumindest keinen ökologischen Schaden an. „Anders schaut es dagegen beim beliebten Kühlschrankdiebstahl aus“, sagt Julia Schmid vom Bayerischen Landesamt für Umwelt. Ihre Beobachtung: Wertstoffdiebe klauen Kühlschränke, weil sie auf das Kupfer scharf sind, das in Kompressoren, Wärmetauschern und Kühlmittelleitungen enthalten ist.
Denn Kupfer ist mittlerweile ein wertvoller Rohstoff. Für Kabel mit einer hohen Beanspruchung, wie etwa Oberleitungen oder Starkstromkabel, werden etwa bevorzugt ermüdungsbruchfeste Legierungen aus Kupfer eingesetzt. Durch die gestiegenen Rohstoff-Preise in den letzten Jahren ist Kupferschrott beliebt wie nie. Inzwischen stieg der Kupferpreis auf fast 7000 Euro je Tonne. Und da es keinen Qualitätsunterschied zwischen dem Primärkupfer – hergestellt aus dem Erz – und Recycling-Kupfer gibt, ist die Aufbereitung von Kupfer auch ein lukratives Geschäft für Ganoven.
Hierdurch entweicht das Kühlmittel, erläutert Schmid: „Das besteht aus Halogenkohlenwasserstoff.“ Diese chemische Stoffklasse ist für die Ozonschicht und das Klima äußerst schädlich. Schmid: „Bei Wertstoffdiebstählen kann der Stoff nicht mehr erfasst und kontrolliert entsorgt werden.“

 

Abnehmer sitzen vor allem in China und Westafrika

Das bereitet auch dem Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) große Sorgen. Wie der BDE mitteilt, werden in Deutschland jährlich etwa drei Millionen Kühlschränke entsorgt. „Davon sind 480 000 bereits ausgeplündert und aller Wertstoffe beraubt, wenn sie bei den kommunalen Übergabestellen ankommen“, informiert Pressesprecher Ronald Philipp: „Es fehlen Kompressoren, Wärmetauscher und Kabel.“ Dies seien die besonders werthaltigen Bestandteile, die häufig auf direktem Weg in Nicht-EU-Länder verbracht werden: „Zum Beispiel nach Nigeria und Ghana, aber auch nach China.“
Nach Ansicht des BDE werden dringend dichtere Kontrollen benötigt, um illegale Abgriffe und Exporte von Wertstoffen effektiv einzudämmen. In München machen Wertstoffdiebe vor allem Jagd auf Batterien für Kraftfahrzeuge, auf Buntmetalle und Elektrogeräte. Pikant: Mitarbeiter selbst scheinen, wie im April öffentlich wurde, an den Wertstoffdiebstählen beteiligt gewesen zu sein. „Wir setzen dagegen einen rollierenden Wachdienst ein“, erklärt Günther Langer vom Abfallwirtschaftsbetrieb München. An einem der zwölf Münchner Wertstoffhöfe gebe es inzwischen auch eine Videoüberwachung: „Die anderen Höfe werden folgen.“ Langer bedauert, dass ertappte Täter häufig nicht verurteilt werden oder das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt wird.
Dabei entgehe nicht nur den Kommunen ein schöner Batzen Geld durch den Raub des wertvollen Mülls, erläutert eine Sprecherin des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU): „Die kommunale Sammlung von Wertstoffen wird über Gebühren finanziert. Die Erlöse, die durch die Verwertung oder Wiederverwendung der Wertstoffe generiert werden, senken die Gebühren.“ Wovon wiederum der Bürger profitiert. Bei regelmäßigen Diebstählen fallen die entgangenen Erlöse „sehr wohl ins Gewicht“. Weil Wertstoffdiebstahl ein „großes Problem“ sei, wird laut der Verbandsvertreterin viel getan, um gegenzusteuern: „Unter anderem werden neue Depotcontainertypen entwickelt. Sie erschweren den Einstieg in den Container.“
Um Sperrmülldiebstähle zu verhindern, kreierten einige Kommunen auch Aufkleber, die die Sperrmüllgegenstände kennzeichnen. Die Polizei rät, darauf auch die Auftragsnummer zu vermerken. Besonders sicher ist der Sperrmüllabfall, wenn die Kommune den Tour-Verlauf der einsammelnden Fahrzeuge an die Polizei weitergibt. Dann kann die auf der Route verstärkt mit Streifenwagen patrouillieren. Auch Großunternehmen sind von Wertstoffdiebstählen betroffen. Drei von ihnen, nämlich die Deutsche Bahn, die Telekom und RWE, gründeten mit dem Verband Deutscher Metallhändler 2012 eine Sicherheitspartnerschaft. Kernstück der Zusammenarbeit bildet ein Frühwarnsystem: Die Mitglieder sammeln gemeinsam Informationen aus Metalldiebstählen und tauschen diese untereinander aus. Inzwischen kooperieren 13 Unternehmen und Verbänden in Sachen Sicherheit. Das Konzept ging auf: Wurden 2011 noch 3800 Diebstähle bei den drei Gründern registriert, ging ihre Zahl 2012 auf 2400 Fälle zurück. (Pat Christ)

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