Kommunales

23.04.2010

Schulversager trifft Nachwuchs-Managerin

Teach First: Bayerische Elite-Absolventen helfen Schulverweigerern – leider nicht im Freistaat

Es sind Schüler, die darauf wetten, wie lange neue Lehrer durchhalten. Eine Referendarin haben sie schon geschafft. Für die Neue ist so eine Lehrsituation kein Frust, sondern eine freiwillig gewählte Herausforderung: Antonia von Lippa unterrichtet seit August letzten Jahres in Wuppertal Klassen, die andere Junglehrer gerne abgeben würden. Die 24-jährige Bayerin ist keine ausgebildete Pädagogin, von Lippa hat vor ihrer zweiten Schulzeit in Passau Kulturwirtschaft studiert. „Ich möchte etwas für die Chancengerechtigkeit der Nachfolgegeneration tun.“ Antonia von Lippa gehört – wie zahlreiche andere Elite-Absolventen aus dem Freistaat – zum ersten Jahrgang von Teach First Deutschland. Die gemeinnützige Bildungsinitiative hat das „Teach for America“-Konzept aus den USA adaptiert und schickt Universitätsabsolventen für zwei Jahre an Schulen. Die teilnehmenden Haupt-, Gesamt- oder Realschulen gelten als pädagogisch schwierig und haben Gemeinsamkeiten wie einen hohen Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Familien – Charakteristika, die sie für Nachwuchskräfte oft zum Härtetest machen. Die sogenannten Fellows von Teach First Deutschland haben pädagogikfremde Fächer wie Islamwissenschaften oder Betriebswirtschaft studiert, ein hohes gesellschaftliches Engagement und überdurchschnittliche Abschlüsse vorzuweisen. Für die meisten ist der Einsatz an den Schulen die Zwischenstation vor dem Berufseinstieg in anderen Branchen. Sie sollen Schüler mit geringeren Bildungschancen durch Fachwissen, Motivation und Ideen fördern und erwerben gleichzeitig Kompetenzen, die auch für Unternehmen interessant sind. Der Einsatz sei ein „gegenseitiges Profitieren“, meint Walter Kolbe von der Wuppertaler Gesamtschule Else Lasker-Schüler. Als Ausbildungskoordinator betreut Kolbe neben den Referendaren der Schule die beiden Fellows Antonia von Lippa und Hannes Binder und setzt sich mit ihnen wöchentlich zum Erfahrungsaustausch, zur Besprechung von pädagogischen Problemen und Konflikten zusammen. Konfliktpotenzial gibt es bei den rund 1200 Schülern an der multikulturellen „Else“ immer wieder, auch wenn das Lehrerkollegium an der Schule äußerst engagiert ist, und viele Schüler durch Schulabschlüsse bis hin zum Abitur qualifiziert. „Unsere Schule hat einen hohen Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. Zudem stammen viele aus komplizierten Familienverhältnissen“, so Kolbe. „Hohe Arbeitslosigkeit ist ebenfalls ein Problem des Einzugsgebiets.“ Die Fellows sollen nicht als Ersatzlehrer wirken, sondern neue Perspektiven ermöglichen, durch eine andere Herangehensweise Impulse einbringen. Sie unterstützen das Lehrpersonal beim Unterricht von Fächern wie Sprachen oder Sport, bieten Hausaufgabenhilfe und Förderunterricht an und planen eine Zirkus-AG – ein Nachmittagsangebot mit Jonglage, Diabolo und Akrobatik. Antonia von Lippa baut mit ihren Schützlingen gerade ein Lacrosse-Team auf, das sei wie „Hockey in der Luft, mit Schlägern in Schmetterlingsform.“ Ein spielerischer Zugang zu Erfolg und sozialen Kompetenzen wie Teamgeist. Nicht nur gute Noten „Egal, wer da vorne steht, sie machen erst mal auf totale Ablehnung“, beschreibt Antonia von Lippa die frühere Grundhaltung „ihrer“ siebten Klasse. Einige Schüler hätten für Chaos gesorgt. „Manche lassen sich gar nichts sagen und machen sich gegenseitig fertig.“ Schüler und Eltern kämpfen teilweise mit Krankheiten oder Alkoholmissbrauch, Depressionen, einige ritzen sich. Einige Eltern sitzen im Gefängnis und manche Kinder haben keine Familie mehr. Von Lippa hatte sich beim dreimonatigen Vorbereitungstraining durch Rollenspiele auf herausfordernde Situationen vorbereitet – die realen Probleme hätten sie dennoch überrascht. Sie hat den Vorteil, dass die Schüler auf sie anders, offener reagieren. An ihrem ersten Tag waren die Teenager erstaunt, dass die Neue nicht aussah wie die anderen Lehrer und haben sie sofort ausgefragt. Antonia von Lippa hat schnell erkannt, dass die anfängliche Leistungsverweigerung Resignation war. Die Schüler hätten gedacht, sie könnten sowieso nichts, alles sei egal. „Ich habe versucht, positiv zu reagieren, zu zeigen, dass sie schnell etwas lernen können.“ Auch persönliche Gespräche bei einer Musikfreizeit hätten geholfen. Ein Angebot, die Klasse wieder abzugeben, hat sie abgelehnt: „Wir sind gerade warm geworden. Da ist jetzt ein Rhythmus drin, Vertrauen, da möchte ich auch weitermachen.“ Nicht nur die Schüler lernen dazu. Man werde schnell souveräner, könne besser entscheiden, was funktioniert und was nicht, beschreibt Antonia von Lippa. Man lerne Grenzen zu setzen, sich selbst zu hinterfragen und bessere Wege zu finden, auf die Schüler einzugehen. Es sind nicht nur die verbesserten Noten, die zählen. Wenn ein 13-Jähriger – der vorher einen Test mit einem „Ich kann kein Englisch“ quer übers Blatt quittiert hat – zum ersten Mal freiwillig Hausaufgaben macht und motiviert ist, wenn verhaltensauffällige Schüler plötzlich aufmerksam zuhören und sich am Unterricht beteiligen – das sind die wichtigen Erfolge. Auch die Schule ist mit dem Experiment bis jetzt zufrieden. „Die Fellows zeigen auf, wie wichtig es ist, Schüler individueller anzusprechen, zu motivieren und zu fördern“, so Walter Kolbe. 700 Interessierte hatten sich bei Teach First Deutschland beworben, jeder Zehnte ist nun tatsächlich im Einsatz. Seit dem letzten Jahr beweisen sich die ersten 66 Fellows an Schulen in Berlin, Hamburg und in Nordrhein-Westfalen. Jedes Bundesland finanziert das Gehalt von 1700 Euro im Monat selbst, die Kosten für das dreimonatige Training und die Fortbildungen tragen die Stiftungen, Privatpersonen und Unternehmen, die Teach First Deutschland unterstützen. Der Start sei „außerordentlich gut gelungen“, findet die nordrhein-westfälische Schulministerin Barbara Sommer. 27 Schulen nehmen dort am Programm teil. Bayern ist noch skeptisch. Das bayerische Kultusministerium erwartet dagegen ein „Plus an Bewerbern“, so dass derzeit kein Bedarf an weiteren Lehrkräften bestünde. Außerdem wolle man sich keine Konkurrenz zum eigenen Ausbildungssystem schaffen: „Das Aufgabenspektrum der Fellows wird in Bayern durch die Förderlehrer wahrgenommen, die eine dreijährige Ausbildung absolviert haben.“ Förderlehrer unterstützen den schulischen Unterricht und fördern besonders schlechte oder besonders gute Schüler in Kleingruppen. Anders als bei den Fellows, reicht für die Bewerbung als Förderlehrer bereits ein Notendurchschnitt von 2,5 und mittlere Schulbildung. Die Spitzenabsolventen werden sich doch eher bei Teach First finden – wo vielleicht gleich ein Arbeitsangebot von einem der Partner aus der Wirtschaft auf sie wartet. Teach First und die Kultusministerien der bisher nicht beteiligten Bundesländer haben sich vorerst auf eine informelle Zusammenarbeit geeinigt. „Ein Informationsaustausch kann jederzeit stattfinden, auch wenn es neue Ergebnisse von den anderen Schulen gibt“, so Werner Öl vom bayerischen Kultusministerium. „Es ist einfach Offenheit da, aber es ist nicht institutionalisiert.“ Von Lippa glaubt, dass „die Bayern erstmal gucken wollen, wie das läuft“. Exzellente Nachwuchskräfte an schwierige Schulen zu schicken, kann die unterschiedlichen Startbedingungen und das Bildungssystem zwar nicht verändern – aber zumindest punktuell Schüler für Bildung begeistern. Die Fellows motivieren die Schüler in und außerhalb des Unterrichts. Vielleicht nehmen einige Fellows das Wissen, wie es an den „Brennpunkten“ zugeht, später in Chefetagen mit. Von Lippa ist sich noch nicht sicher, wie ihre berufliche Zukunft aussehen soll. Sie kann sich vorstellen, als Seiteneinsteigerin an einer Schule weiterzumachen – oder sich bei einem großen Unternehmen um Aus- und Weiterbildung oder Programme wie Teach First Deutschland zu kümmern.

(Sonja Peteranderl)

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