Kommunales

Sehr lebhaft, oft unkonzentriert – das reicht manchen „Experten“: Immer mehr Buben bekommen eine psychische Störung attestiert. (Foto: DPA)

28.06.2013

Seltsame Diagnosehäufung

Nirgendwo in Deutschland soll es so viele ADHS-Fälle geben wie in Unterfranken – das nutzt der Pharmaindustrie

Entweder das Leben im Großraum Würzburg ist stressiger als irgendwo sonst in Deutschland – oder in der unterfränkischen Metropole wird leichtsinnig mit der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen umgegangen. Fest steht: Nirgendwo in der Bundesrepublik diagnostizieren Ärzte so häufig die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS), nirgendwo werden Kinder und Jugendliche so intensiv dagegen mit Psychopharmaka behandelt. In diesem Zusammenhang verwundert sehr, wenn sich ein PR-Unternehmen der Pharmabranche für eine Studie der Universität Würzburg stark macht, die mahnt, ADHS noch schneller und besser zu erkennen und möglichst früh mit der Behandlung anzusetzen.
Während in anderen Regionen des Landes nach Angaben der Krankenkasse Barmer vier von 1000 Menschen von der Krankheit betroffen sind, verzeichnen Würzburg und das angrenzende Unterfranken acht Patienten je 1000 Bewohner. Und das hat auch Konsequenzen bei der Medikation – gerade bei männlichen Kindern kurz vor der Pubertät, den zumindest statistisch Hauptbetroffenen von ADHS: Im übrigen Deutschland erhalten 11,3 Prozent der zehn- bis zwölfjährigen Buben das Mittel Ritalin, in Würzburg und Umgebung sind es 18,8 Prozent. Ritalin gehört zu den umstrittensten Medikamenten. Zwar stellt es Kinder ruhig, die übermäßig wild, laut, ungeduldig, unkonzentriert und aggressiv sind. Es weist aber viele schwere Nebenwirkungen auf: Dermatitis, Haarausfall, Nesselsucht, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Herzrasen und Bluthochdruck.
Wohl keine zweite Diagnose befindet sich so auf dem Vormarsch wie ADHS. Nach Studien des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannoverer erhielten im vergangenen Jahr 750 000 Menschen in Deutschland zusätzlich die Diagnose ADHS – ein Plus von 49 Prozent. Und bekamen im Jahr 2006 bundesweit noch 32 000 Buben im Alter von zehn bis 14 Jahren Ritalin verordnet, waren es fünf Jahre später bereits 42 000. Es fällt schwer, dies allein mit einer allgemeinen Verschlechterung des Gesundheitszustands von männlichen Heranwachsenden zu erklären.
Das sehen auch die Krankenkassen so. „Dieser Anstieg erscheint inflationär“, warnt etwa Rolf-Ulrich Schlenker, der stellvertretende Vorstandschef der Barmer Ersatzkasse. „Wir müssen aufpassen, dass ADHS-Diagnostik nicht aus dem Ruder läuft und wir eine ADHS-Generation fabrizieren. Pillen gegen Erziehungsprobleme sind der falsche Weg.“
An der Universität Würzburg forscht die Psychologin Sandra Schmiedeler. In einer Studie beschreibt sie, dass Lehrer noch häufig Wissensdefizite beim Erkennen von ADHS aufweisen und dass mit einer Schulung den Kindern frühzeitiger geholfen werden kann. Diese Arbeit gelangte auch auf den Tisch von Uli Ellwanger von der Mannheimer PR-Agentur Isgro. Das Unternehmen vertritt viele deutsche Pharmafirmen. So heißt es etwa auf der Website des Unternehmens Engelhard Arzneimittel aus Niederdorfelden im hessischen Main-Kinzig-Kreis zu deren Produkt „Esprico“: Damit „stellt das Unternehmen eine wirksame Ernährungstherapie zur Behandlung von ADHS, die mit Lernstörungen und Konzentrationsproblemen einhergeht, zur Verfügung.“
Die Studie von Sandra Schmiedeler wurde der Staatszeitung von Isgro angeboten, anschließend erkundigte sich das Unternehmen, ob die Redaktion diese auch erhalten habe, ob es Nachfragen gebe und wieweit man ergänzend behilflich sein könne. Kurios: Die Forscherin hatte zuvor niemals Kontakt mit Isgro und zeigt sich auf Nachfrage ob dieser nicht beantragten Unterstützung auch sehr überrascht. Dass man die Würzburger Untersuchung kostenlos und ohne Rücksprache mit der Autorin promote, bestreitet PR-Mann Ellwanger nicht. Die Hilfe für Betroffene von ADHS sei dem Unternehmen ein Anliegen und der wissenschaftliche Gehalt der Arbeit habe sein Unternehmen überzeugt. (André Paul)

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