Kommunales

Für viele Gemeinden die Chance zur energetischen Autarkie: Ein Kleinwasserkraftwerk. (Foto: TU München)

30.09.2011

Strom aus unsichtbarer Quelle

Wissenschaftler der TU München entwickeln Mini-Wasserkraftwerke für Kommunen, die perfekt zur Landschaft passen

Der Bau von Großwasserkraftwerken verschandele die Natur, klagen Kritiker. Gigantische Stauseen, wie sie etwa in China entstehen, überschwemmen alte Kulturlandschaften und zerstören gewachsene Ökosysteme. Anders schaut es mit Kleinwasserkraftwerken aus, die das Team um Peter Rutschmann und Albert Sepp von der Technischen Universität München entwickelt haben.
Die Idee: So genannte Schachtkraftwerke sollen Gemeinden helfen, ihren Strom selbst zu erzeugen. Sie sollen einfach konstruiert und damit kostengünstig sein und die Landschaft weitestgehend unangetastet lassen. Nur ein kleines Transformator-Häuschen am Ufer ist sichtbar. Der wesentliche Teil des Kraftwerks verbirgt sich statt dessen in einer aufwendigen Konstruktion in einem einfachen Schacht, der vor dem Wehr in das bestehende Flussbett gegraben wird. Das Wasser strömt in die kistenförmige Anlage hinab, treibt eine Turbine an und wird unter dem Wehr zurück in den Fluss geleitet. Möglich wird dies, weil mehrere Hersteller Generatoren entwickelt haben, die unter Waser arbeiten können. Ein Maschinenhaus am Ufer wird überflüssig.
Das Konzept hat Manfred Sporer (CSU), den Bürgermeister der Gemeinde Großweil im Landkreis Garmisch-Partenkirchen sofort begeistert. „Wir liebäugeln schon seit Jahren damit, ein Wasserkraftwerk zu errichten.“ Denn mitten durch die Gemeinde fließt die Loissach. Sporer: „Wir haben ein natürliches Wehr mit zwei Meter Höhenunterschied. Warum nutzen wir den Fluss nicht, haben wir uns oft gefragt.“
Flüsse liefern in Deutschland beständige Energie. Das Ausbaupotential liegt laut Umweltministerium bei etwa 15 Prozent. Günstige und umweltfreundliche Konzepte können helfen, dieses zu erschließen. Da kam das innovative Pilotprojekt aus München gerade recht. Ende Oktober geht die Gemeinde Großweil ins Genehmigungsverfahren. Mit Widerstand von Seiten der Bürger rechnet Bürgermeister Sporer nicht. „Im Gegenteil. Die Bürger stehen hinter dem Vorhaben.“
Am Walchensee existiert bereits eine Modellversuchsanstalt, die interessierte Kommunalpolitiker besuchen können. Wenn alles gut läuft, rechnet Sporer damit, dass Großweil nächstes Jahr im Herbst mit dem Bau beginnen kann. Fertigstellung und Inbetriebnahme wäre dann Mitte 2013. Kosten wird das die 1420 Einwohner kleine Gemeinde drei Millionen Euro. „Aber wir wollen den Strom aus erneuerbaren Energien beziehen“, sagt Sporer, „notfalls auch ohne staatliche Unterstützung.“ Großweil erhofft sich, ab Mitte 2013 den kompletten Strombedarf der Gemeinde mit dem Kleinwasserkraftwerk zu decken, das zwei Millionen Kilowattstunden im Jahr produzieren soll. Zusätzlich könnte dank Wasserkraft sogar noch 40 Prozent Überschuss produziert werden.
Das Projekt könnte Schule machen. Wehre wie in Großweil gebe es allein in Bayern an die 30 000, so Wissenschaftler Rutschmann. „Doch Wasserkraft ist nicht eine Sache von heute auf morgen. Es gibt Wasserrechtsverfahren, die schon sehr lange am Laufen sind. Von Projektentschluss bis Realisierung vergehen normalerweise fünf Jahre.“ Seine Bilanz nach einem Jahr: „Wir haben Hunderte von Anfragen bekommen. Allerdings sind nicht alle wirklich brennend an der Realisierung interessiert. Wir werden in diesem Jahr mit fünf bis sieben Anlagen in die Wasserrechtsverfahren gehen und gehen davon aus, dass die ersten Anlagen im Jahr 2013 in Betrieb gehen könnten.“
Standardisierte, vorgefertigte Module sollen die Bestellung einer „Kraftwerk-Kiste“ wie aus dem Katalog ermöglichen. Eine Art Serienproduktion soll enstehen. Damit, so hofft Rutschmann, können Investoren Standorte in den Blick nehmen, die bislang für die Nutzung der Wasserkraft kaum interessant waren. Die EU-Wasserrahmenrichtlinie könnte den Kleinwasserkraftwerken zusätzlichen Schub verleihen. Denn sie verlangt, auch kleinere Flüsse für Fische durchgängig zu machen. Allein in Bayern gibt es Tausende Querbauwerke wie Wehre, die laut Rutschmann daher umgerüstet werden müssen. Etliche erfüllten zugleich die Voraussetzung für ein Schachtkraftwerk. Bisher hatten die meisten dieser Querbauwerke zu geringe Fallhöhen, um sie für Wasserkraft wirtschaftlich nutzbar zu machen – dank Rutschmann und seinem Team könnte sich das bald ändern. (Claudia Schuh)

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