Kommunales

Die Nachfrage übersteigt das Angebot um ein Vielfaches. (Foto: DPA)

01.04.2011

Studentenwohnungen verzweifelt gesucht

Der doppelte Abiturientenjahrgang verstärkt den Ansturm auf preiswerte Unterkünfte

Vor allem wegen des doppelten Abiturjahrgangs sind preiswerte Studentenwohnungen in Bayerns Universitätsstädten Mangelware. Insbesondere kleinere Städte sind dem Rekordansturm nicht gewachsen, und in den Metropolen wird der Wohnungsmarkt noch härter umkämpft als zuvor.
Tanja steht vor dem schwarzen Brett der Mensa im Münchener Schweinchenbau, dem ob seiner rosa Farbe so genannten Verwaltungsbau der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie ist bereits zum zweiten Mal mit dem Zug von Passau nach München gefahren, um nach ihrem Studienplatz eine Wohnung für das Sommersemester zu finden. Erfolgreich war sie bisher nicht: Entweder sind die Wohngemeinschaften nicht in der Innenstadt oder haben hohe Anforderungen an ihre künftigen Mitbewohner. „WG-Besichtigungen in München sind wie bei einer Casting-Show“, erzählt sie. „Es fehlt nur noch, dass ich vortanzen muss.“


Notlösung: „Wohnwürfel“


So wie Tanja ergeht es vielen Erstsemestern bei der Wohnungssuche. Das Statistische Bundesamt berichtet für Deutschland von einem Abiturientenrekord seit der Wiedervereinigung, und auch in Bayern stieg die Zahl den Studienberechtigten 2010 im Vergleich zum Vorjahr um 7,5 Prozent auf 60 000. Wegen des doppelten Abiturjahrgangs, der kürzlich beschlossenen Aussetzung der Wehrpflicht und der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor wird dieses Jahr sogar mit 74 000 Studienanfängern gerechnet. Der Freistaat Bayern will daher die Fördermittel nicht weiter kürzen und bis Ende 2011 staatlich geförderte Wohnplätze um 3000 auf mittlerweile insgesamt 34 500 ausbauen. Doch vor allem kleinere Städte sind dem Ansturm der Jung-Akademiker trotz der Studiengebühren nicht gewachsen.
In Bamberg haben sich bis März schon über über 800 Studenten mehr als im Vorjahr für das kommende Halbjahr angemeldet. „Für die Stadt ist die Situation besonders schwierig, da die Bevölkerung, im Gegensatz zu anderen Hochschulstädten, nicht im selben Maße wächst wie die Universität“, erklärt Universitätspräsident Godehard Ruppert. Die Stadt überlässt dem Studentenwerk jetzt aus diesem Grund einen Bauplatz, um dort zumindest für 50 der 500 Studenten ohne Obdach Containerwohnheimplätze zu errichten.
Die Lage sieht in Eichstätt nicht viel besser aus: Über eine Containerlösung wird dort zwar wegen der Kosten nur als Notlösung nachgedacht, aber Oberbürgermeister Arnulf Neumeyer (SPD) lässt vorsorglich Zimmer eines Altenheims renovieren und könnte zusätzlich ein in Insolvenz befindliches Hotel zur Verfügung stellen. Eine genaue Planung ist jedoch schwierig: „Im Endeffekt weiß heute kein Mensch, ob nun 100 oder 300 Leute nach Eichstätt kommen“, klagt Neumeyer. Gleiches gilt für Ingolstadt, wo allerdings erschwerend hinzukommt, dass das Umland nicht sehr aufnahmefähig und die Verkehrsanbindung schlecht ausgebaut ist.
Der Stadtrat in Passau hat sich des Themas ebenso angenommen: Bis 2015 wird dort mit einem Anstieg um weitere 1000 Studenten auf insgesamt 10 000 Hochschüler gerechnet. Da jedoch bis 2020 von einem Rückgang ausgegangen wird, fürchtet die Stadt Leerstände und sieht deswegen trotz der zu erwartenden Engpässe keinen Bedarf für ein neues Konzept.
Genauso verfahren die Stadtoberen in Regensburg, weswegen sich Immatrikulierte entweder auf lange Pendelwege oder auf die vorübergehende Unterbringung in Kasernen einstellen müssen. Das Studentenwerk Niederbayern fordert daher ein aktiveres Eintreten der Politik und eine Neuregelung der Zuschüsse. „Die Rücklagen reichen sonst nicht aus, um die Wohnanlagen an die heutigen Bedürfnisse anpassen zu können“, erklärt Geschäftsführerin Gerlinde Dietl.
In den mit Wohnungen chronisch unterversorgten Großstädten München und Nürnberg ist die Lage ebenfalls angespannt. Wohnplatzverlosung, doppelt belegte Zimmer und Notunterkünfte werden für dieses Jahr verstärkt erwartet. Die Stadt Nürnberg lehnt Wohncontainer trotzdem aus ökologischen Gründen ab, und auch Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) appelliert lieber an alle Münchner, mehr als die bisherigen 3000 Zimmer pro Jahr an die insgesamt 88 000 Studenten zu vermieten.
Da in der Landeshauptstadt momentan trotz neuer Gebäude nur 10 000 Wohnheimplätze zur Verfügung stehen und auf dem freien Markt lediglich 1,2 Prozent der angebotenen Mietwohnungen für eine Kaltmiete unter 300 Euro zu haben sind, ist ein Viertel aller Studenten unzufrieden mit der Wohnsituation. So kam die 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zu dem nicht überraschenden Schluss, dass sich gerade in München trotz Potenzial nur rund 10 Prozent der Jugendlichen aus ärmeren Schichten für ein Studium entscheiden.
Der Nürnberger Stadtdirektor Hans-Joachim Schlößl beanstandet für seine Stadt gleichermaßen mangelnde Fördermittel für den Bau von bezahlbaren Wohnheimen. Da der doppelte Abiturjahrgang schon seit 2005 abzusehen war, hat die SPD-Stadtratsfraktion in Nürnberg sogar den Eindruck, „dass die Staatsregierung einige Zeit verschlafen hat“.
Studienanfänger wie Tanja müssen in Bayern also kreativ sein, um eine Unterkunft zu finden. Wer nicht bei den Eltern oder in einer Wohngemeinschaft unterkommt, könnte beispielsweise in einem der Wohnwürfel für Studenten nach München-Freimann ziehen. Diese sind nur 6,8 Quadratmeter groß, voll ausgestattet und überall aufzustellen.
Ganz Bayern ist also ein Albtraum für Studenten auf Wohnungssuche. Ganz Bayern – nein! Es gibt eine Oase der Seligen: Augsburg. Dort können sich Erstsemestler ganz entspannt immatrikulieren: „Die studentische Wohnsituation ist aktuell nicht besonders angespannt. Es sind bezahlbare Appartements überall in der Stadt zu finden“, berichtet Michael Noghero vom Studentenwerk der Fuggerstadt. (David Lohmann)

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