Kommunales

Die neuen Tante-Emma-Läden im ländlichen Raum bieten Lebensmittel, gewerbliche Dienstleistungen, sie helfen bei der Krankheitsvorsorge, organisieren Kulturveranstaltungen und sind darüber hinaus ein wichtiger zentraler Treffpunkt innerhalb der Gemeinde. (Foto: David Lohmann)

12.10.2012

Tante Emmas Comeback

In strukturschwachen Regionen waren Schlecker-Läden oft die letzte Einkaufsmöglichkeit – nach der Insolvenz sollen sie nun zu "Dorfläden" werden

Durch die Pleite der Drogeriemarktkette Schlecker haben vor allem ländliche Regionen häufig ihren letzten Einzelhändler verloren. Jetzt versuchen bundesweit Dorfladeninitiativen die leer stehenden Verkaufsräume zu nutzen. Sie wollen dort mit bürgerschaftlichem Engagement Mini-Supermärkte auf genossenschaftlicher Basis einrichten.
Jeder fünfte der rund 22 000 arbeitslos gewordenen Angestellten der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker steht laut Angaben der Bundesagentur für Arbeit inzwischen wieder in Lohn und Brot. Ein Grund dafür sind unter anderem die im Bundesverband der Regionalbewegung (BRB) organisierten Dorfladen-Initiativen. Unter dem Motto „Tante Emmas neue Kleider“ sollen ausgediente Schlecker-Filialen zu Dorfläden umgestaltet werden und so der ländliche Raum belebt werden. Ziel ist es, mithilfe bürgerschaftlichem Engagements Einkaufsmöglichkeiten in strukturschwachen Gebieten zu erhalten, Arbeitsplätze zu sichern und den Absatz regionaler Produkte zu fördern.
Aktuell gibt es im Freistaat bereits gut 200 Bürgerläden und die erste Eröffnung in einer früheren Schlecker-Filiale im mittelfränkischen Schönberg steht kurz bevor. Genaue Zahlen über die vermittelten Schlecker-Angestellten existieren nicht, weil die Bewerbungen in Bayern – etwa im Gegensatz zu Baden-Württemberg – nicht zentral bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi eingehen.


Nachfrage nach lokalen Produkten wird angekurbelt


„Es haben sich aber auch ehemalige Kassiererinnen beworben“, versichert Unternehmensberater Wolfgang Gröll. Der Starnberger ist einer der Fachorganisatoren, mit denen der BRB Konzepte zum Thema „Vom Filialisten zum eigenständigen Regionalunternehmen“ anbietet, um die Einkaufswege im Bundesgebiet systematisch zu verkürzen.
Gröll berät schon seit dem Pilotprojekt „Nachbarschaftshilfe 2000“ vor 17 Jahren engagierte Bürger oder Kommunalpolitiker bei der Vorbereitung und Umsetzung ihrer Mini-Supermärkte. Mitte der 1990er Jahre hielt er die Idee der Direktvermarktung noch für „Spinnerei“. Inzwischen jedoch seien die Dorfläden wegen der zunehmenden Nachfrage nach lokalen Produkten etabliert und könnten so Impulse für andere Gemeinden setzen. „Als die ersten 10 500 Schlecker-Standorte geschlossen haben, konnten diese durch den Verdrängungswettbewerb noch kompensiert werden“, erklärt Gröll. „Doch als auch die letzten 2500 Standorte vollständig von der Insolvenz betroffen waren, entstand eine Versorgungslücke.“
So verwundert es nicht, wenn in Türkenfeld (Landkreis Fürstenfeldbruck) und in Wolframs-Eschenbach (Landkreis Ansbach) die Umwandlung der alten Filialen längst in Planung ist. Derzeit werden dort und in etwa 50 weiteren Orten Umfragen durchgeführt, wo die Bewohner einkaufen, was sich die Menschen in ihrem Dorfladen wünschen, und ob sie bei dem genossenschaftlichen Projekt mitwirken wollen. Falls die anschließende Informationsveranstaltung erfolgreich war, wird ein Arbeitskreis ins Leben gerufen.
Ebenfalls im Kontakt mit den Immobilienbesitzern der Schlecker-Verkaufsräume steht Heinz Frey aus Jülich (Nordrhein-Westfalen). Der Gewinner des Deutschen Engagementpreises 2011 sucht unterversorgte Orte, in denen Schlecker oftmals das letzte geöffnete Geschäft war. Gerade führt er in Lünen gemeinsam mit den Bürgern Studien zur Standortanalyse und den betriebswirtschaftlichen Auswirkungen durch. „In Zusammenarbeit mit den Universitäten haben wir ein auf jede Gemeinde übertragbares System für unser ‚Dorf’-Zentrum geschaffen“, erzählt er. Bis jetzt sei jedoch noch kein zum „Dorf“-Shop umgewandelter Schlecker in Betrieb. Zukünftig will er versuchen, Initiativen in allen Bundesländern mit einzubeziehen. Strittig zwischen den Beratern ist allerdings, ob das Ziel einer schwarzen Null mit einer Art Franchisekonzept oder durch die vollkommene Selbstständigkeit der Dorfladeninitiativen mit lediglich einer zentralen Infrastruktur erreicht werden kann.
Auf staatliche Unterstützung müssen bisher die meisten Bundesländer verzichten: „Die bayerische Landesregierung ist starr mit Fördermittel, und kommt uns nicht entgegen“, berichtet Gröll. Um einen Kredit bewilligt zu bekommen, muss, anders als in Schleswig-Holstein, eine Privatperson persönlich für das Kapital haften. Dazu sind die Menschen laut des Unternehmensberaters bei ehrenamtlichem Engagement jedoch nicht bereit, obwohl bislang nur weniger als zehn Prozent der Bürgerläden schließen mussten. Darlehen gebe es höchstens, wenn sich Banken über Immobilien absichern könnten. Um dieses Handicap auszugleichen, werden die bürgerschaftlichen Einzelhandelsgeschäfte mittels Eigenkapital finanziert. Hinzu kommen Gelder aus dem regionalen Bereich, wie zum Beispiel den Dorferneuerungsprogrammen. Immerhin sind Kommunen für die Sicherung der Nahversorgung verantwortlich. Neben den fünf Säulen Lebensmittel, Dienstleistung, Treffpunkt, Gesundheit und Kultur sind den Betreibern vor allem die konkurrenzfähigen Preise wichtig. Zwar könnten nie alle Artikel günstiger als im Discounter sein, aber das würden die normalen Supermärkte ebenso nicht schaffen. Zudem sei die Qualität aufgrund der „Kleinst-Direktvermarkter“ wesentlich höher.
Da in den Verwaltungen vor Ort meist betriebswirtschaftlich versierte Leute vertreten sind, sieht Gröll die Dorfläden für die Zukunft gut aufgestellt. „Die Zahlen belegen einen deutlichen Trend“, konstatiert er. Sogar Stadtteilläden in Augsburg oder München sind denkbar. Nur ließen sich die Einwohner von einem Betreiber von außerhalb der Ortsgemeinschaft schwerer überzeugen. Gröll gibt sich dennoch optimistisch: „Wie bei Kindern muss man warten, bis die Erkenntnis von selbst kommt.“ (David Lohmann)

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