Kommunales

Auf Krawall gebürstet: Fans von Greuther Fürth zündeln während eines Fußballspiels. (Foto: Wraneschitz)

13.02.2015

Teure Fußballspiele

Vor allem Derbys in der 3. und in der Regionalliga kosten Kommunen richtig Geld – aufgrund der Zerstörungswut der Fans

Fair Play lautet im Sport die oberste Regel. Doch weil einige Fußballfans das eher als Behinderung ihrer Leidenschaftsbekundung empfinden, werden besonders Dritt- und Regionalligaspiele für Kommunen immer mehr zum Albtraum.
Rückblick: Ein Montagnachmittag im August 2014, 17.30 Uhr, in der U 1 von Fürth nach Nürnberg: kurz nach dem Bahnhof Muggenhof, auf freier, oberirdischer Strecke ein heftiger Knall am Boden des Waggons. Notbremsung, Stillstand. Es war ein Mordversuch an der 22-jährigen U-Bahn-Fahrerin, ermittelt hinterher die Polizei. Ein Mann hatte aus einem Zug in der Gegenrichtung durch ein herausgedrücktes Fenster einen Feuerlöscher auf die U-Bahn geworfen. Die Frontscheibe habe gerade noch verhindert, dass die Fahrerin voll getroffen wurde, so die Ermittler. Der Werfer wurde wenige Tage später festgenommen, sitzt bis heute in U-Haft. Doch nicht einer der gut 100 Mitfahrer in dessen U-Bahn-Waggon gab der Polizei den entscheidenden Tipp: Den potenziellen Mörder verrieten Spuren auf dem Feuerlöscher.
Wie kann so etwas passieren? Keine aussagewilligen Zeugen am helllichten Tag in einem überfüllten U-Bahn-Zug? Das hat wohl mit Korpsgeist zu tun. Denn der Feuerlöscher flog aus einem extra eingesetzten Fanzug. Der sollte Anhänger des 1. FC Nürnberg nach Fürth zum Derby bringen. Derweil galt in beiden Städten die Hochsicherheitsstufe. Denn die Fans der beiden Vereine sind nicht gut aufeinander zu sprechen. Die Behörden wollten unter anderem durch die Sonder-U-Bahn einen Schwarz-Roten „Marsch durch Fürth“ der Club-Fans verhindern, wie er fünf Jahre zuvor stattgefunden hatte. Zorn bei den Krawallos.
Insgesamt sind Bayerns Polizis-ten in den letzten Jahren immer häufiger unterwegs, um Fußballrandale zu verhindern: Zwar gingen in der 1. und 2. Bundesliga die Einsatzstunden zurück. Doch in der 3. Liga und in der Regionalliga Bayern verdoppelten sie sich nahezu in den vergangenen zwei Jahren. 224 000 Polizistenstunden standen allein in der Saison 2013/2014 zu Buche. Das geht aus einer Statistik des auch für Sport zuständigen bayerischen Innenministeriums hervor. Kurios: Ab der Ebene der Kreis- und Bezirksliga werden die Fans wieder friedlicher. Das fußballerische Qualitätsmittelfeld scheint eine besonders aggressive Klientel anzusprechen.

Intensivierte Betreuung durch den DFB


Inzwischen haben die für Fans und Sicherheit Verantwortlichen das Geschehen ganz genau analysiert. „Wir sind in ständigem Dialog, versuchen in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Funktionsgruppen festzustellen, wo es Probleme gibt. Aber eine Garantie, dass nichts mehr passiert, gibt es nicht“, so Jürgen Bergmann Fanbetreuer des 1. FCN. Professor Harald Lange gibt ihm recht. Lange leitet das in Würzburg und Frankfurt/M. ansässige Institut für Fankultur, forscht zum Thema. Er sieht den Grund dafür schon „im Mittelalter. Die Ursprünge des Fußballs waren begleitet von Volksfesten – und von Gewaltausbrüchen. „Ja, Verantwortliche im Fußball versuchen, Gewalt präventiv zu vermeiden. Aber die lässt sich nicht verhindern.“ Doch durch Selbstkontrolle will Lange Gewalt von Fußballrowdies zumindest minimieren: „Gewaltprävention ist immer dann erfolgversprechend, wenn sie aus der Fangruppe selbst kommt.“ Katja Erlspeck-Tröger und ihre Kollegen wiederum arbeiten im von DFB und Liga-Vereinen finanzierten Fanprojekt Nürnberg, gehen in die Ultra-Kneipen, sprechen mit den Leuten. „Wir vermitteln genaue Wertvorstellungen. Unsere Arbeit ist präventiv und deeskalierend. Aber was der Einzelne draus macht, kann man nicht garantieren“, so Erlspeck-Tröger.
„Es geht um Strukturen“,hält Holger Plank vom Polizeipräsidium Mittelfranken dagegen. „Die Vereine als Hausherr müssen mitarbeiten, zum Beispiel Betretungsverbote für Stadien anders handhaben. Dafür haben wir ganze Pakete von Maßnahmen geschnürt, soziologische und strafrechtli-che.“ Die Polizei konzentriere sich auf einige wenige „Intensivtäter: Man darf den Fehler nicht machen, alle über einen Kamm zu scheren“, so Plank. „Wir müssen die demaskieren, die Fußball als Spektakel dazu nutzen, ihre Gewalt zu betrei-ben“, erklärt der Kriminaldirektor und bestätigt : „Nach dem U-Bahn-Mordversuch in Nürnberg hat sich eine Arbeitsgruppe gebildet.“
Das passiert offenbar nicht nur in Franken, sondern in ganz Deutschland. Denn Probleme mit Fußballrowdies haben viele Vereine, von der Bundesliga bis in die Kreisklassen. In Nürnberg scheint derweil die Präventionsarbeit erste Früchte getragen zu haben: Beim Rückspiel im Frankenstadion kurz vor Weihnachten machten die FCN-Fans lediglich durch ein riesiges Tribünenplakat von sich reden – mit dem Christkind mittendrin. Dagegen ließen sich Fürther Zündler nicht davon abhalten, grün-weiße Pyrotechnik im Stadion abzufackeln – hinter großen Transparenten, damit ihre Gesichter nicht zu sehen waren. Gewaltbereitschaft und Mut gehen eben nicht Hand in Hand. (Heinz Wraneschitz)

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