Kommunales

Claudia Hinz kam als Technische Assistentin für Meteorologie vor zehn Jahren aus Chemnitz ins Rosenheimer Land. Nun wird ihr Arbeitsplatz bei der Wetterstation auf dem Wendelstein wegrationalisiert. (Foto: Hötzelsberger)

21.09.2012

Trübe Aussichten

Bevölkerung und Tourismuswirtschaft sind sauer über die Schließung der Wetterwarte auf dem Wendelstein

Das Wetter ist an diesem Morgen nach einem Gewitter- und Regentag etwas trüb. Das passt auch zur Stimmung der noch verbliebenen vier von ehemals sechs Beamten, die auf dem Wendelstein bei der Wetterstation und damit beim Deutschen Wetterdienst angestellt sind. Ausgerechnet heuer, zum 100-jährigen Jubiläum der Wendelsteinbahn, kam die Nachricht von der Wetterdienstzentrale in Offenbach, dass mit der Aufzeichnung von Wetterdaten auf dem Wendelstein Schluss ist. Betroffen davon ist auch Claudia Hinz, sie hat gerade Schichtdienst und ist ganz allein in der Wetterstation.
Die Wissenschaftlerin hatte bis vor kurzem noch fünf Kollegen, seit 2003 war die Wetterstation rund um die Uhr besetzt. Kostengründe werden aus dem Bundesverkehrsministerium als Argumente genannt. Ganz kann dies Claudia Hinz nicht nachvollziehen. Einmal wurden erst vor kurzem finanziell aufwendige Verbesserungen an der Wetterstation vorgenommen. Und dann müssen die Wetterdienst-Beamten sowieso andernorts übernommen werden. Das führt mitunter zu kuriosen Arbeitswegen: Ein Kollege mit Haus und Familie in Bayrischzell muss für die nächsten eineinhalb Jahre bis zu seiner Pensionierung sogar nach Helgoland pendeln. Claudia Hinz, die als Technische Assistentin für Meteorologie vor zehn Jahren aus Chemnitz ins Rosenheimer Land und auf den Wendelstein kam, wird einen Posten auf dem Fichtelberg im Erzgebirge annehmen.
Die Schließung der Wetterstation hat negative Konsequenzen, denn eine Augen-Beobachtung ist technisch nicht ersetzbar. Das zeigte sich zum Beispiel, als die Wetterstation wegen eines Wasserschadens drei Monate lang evakuiert werden musste. Die während dieser Zeit technisch aufgezeichneten Messwerte waren falsch und mussten aus der Statistik herausgenommen werden. Schließlich sorgen die Leute auf der Wetterstation dafür, dass die Meßgeräte in einwandfreiem Zustand sind, vor allem im Winter bei Schnee und Eis. Auch bei Blitzschlag gibt es oft menschlichen Handlungsbedarf, wenn Strom und Technik ausfallen. Die Beobachtung der Wolkenobergrenze für kurzfristige Entscheidungen – zum Beispiel für den Kleinflugverkehr oder für den Fahrbetrieb der Zahnradbahn – kann nur mit den Augen erfolgen.
Die Wetterstation auf dem Wendelstein hat für die Region und darüber hinaus wesentliche Funktionen. Gemessen werden beispielsweise die Schneehöhe und die Schnee-Beschaffenheit für die Lawinendienste. Wenn Höhen-Wind-Messungen wegfallen, unter anderem für die Drachen- und Gleitschirmflieger an der nahen Hochries am Samerberg, dann stehen hierzu keine aktuellen, aber dringend erforderlichen Daten für die Flugschulen zur Verfügung. Auch die Grunddaten für die Hagelflieger sind nun nicht mehr im Internet abrufbar. Technik allein kann das Entscheidende, nämlich die Entstehung und Ortung der Hagelzelle in den Wolken, nicht so erwischen wie ein Menschenauge.
Seitdem bekannt ist, dass die Wetterwarte schließen wird, hat es viele Proteste aus der Bevölkerung, aber auch von Fachleuten, gegeben. Auch die Bauern oder die Verantwortlichen von Veranstaltungen und die regionale Tourismuswirtschaft können in Zukunft nicht mehr mit der personenbesetzten Wetterstation telefonieren, um sich über die aktuelle Lage der Wetterentwicklung zu informieren und auszutauschen.
Fachlich tragisch ist nach Ansicht von Meteorologin Hinz auch der Umstand, dass die Wetterstation auf dem Wendelstein die einzige in rund 2000 Metern Höhe war. Die bemannte Messstation auf der Zugspitze liegt bei fast 3000 Metern und eine weitere auf rund 1000 Metern auf dem Hohenpeißenberg. Vollautomatische Messstationen im Tal gibt es in Chieming und in Kiefersfelden. Mit der Auflösung der Wetterwarte auf dem Wendelstein entfallen somit Erkenntnisse auf einer bestimmten Höhe, Südostoberbayern hat dann keine besetzte Station mehr in und auf den Bergen. Aus den gemachten Erfahrungen werden in der Daten-Basis Lücken entstehen, die zu Ungenauigkeiten in der Wettervorhersage führen werden.
Nachdem die Klimaerwärmung – ansonsten ein Top-Thema in der Politik – in den Alpen extremer geworden ist, kann aus diesem Grunde von den Fachleuten nicht mehr nachvollzogen werden, wieso gerade dort bei den Messungen und Beobachtungen Einsparungen von der Politik vorgenommen werden, um den Wünschen der Haushaltsverantwortlichen in Berlin nachzukommen.
Auch für die heuer an und für sich jubilierende Wendelsteinbahn haben die eingeschränkten Daten einen Nachteil für den oftmals kurzfristig abzustimmenden Fahrbetrieb. Rund 2700 Leute in 180 Gruppen, vor allem Schüler, waren heuer auf dem Wendelstein zu einem Besuch der Wetterwarte. Die kostenlosen Führungen fallen damit ebenso weg. Bereits am 21. September ist der letzte personenbesetzte Dienst, dann wird die Beobachtung und Datenermittlung in der Wetterwarte eingestellt.
Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), selbst in Oberbayern daheim, hat sich nach den großen Protestwellen aus der Bevölkerung dafür eingesetzt, dass die Wetterwarte nicht ganz geschlossen wird. Das benachbarte Observatorium der Ludwig-Maximilians-Universität München, das auch Interesse an den frei gewordenen Räumlichkeiten anmeldete, möchte mit eigenen Messgeräten Grunddaten ermitteln und diese auf ihrer Internetseite zur Verfügung stellen. Aber deren Leute sind aufgrund ihrer All-Beobachtung eher nacht-aktiv. Das Problem bei Schneefall, Vereisung und Regen, insbesondere bei Übergangszeiten, wird damit nicht gelöst sein. Geräte frei machen und Schneeschaufeln wird nicht im Dienstplan der LMU-Beobachter stehen, die Werte von Luftfeuchtigkeit und Temperaturen können bei entsprechender Witterung oder Schneelage falsch werden.
Die Wendelsteiner sind mit ihrem Problem aber nicht allein. Die derzeit 70 bemannten deutschen Wetterwarten sollen laut Planung des 1952 gegründeten Deutschen Wetterdienstes und des Bundesverkehrsministeriums bis zum Jahr 2020 auf 45 reduziert werden. (Anton Hötzelsberger)

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