Kommunales

Kunststoff ist die ökologisch schädlichste Form von Hausmüll. (Foto: DAPD)

10.12.2010

Unerwünschte Graue Tonne

Laut EU soll Kunststoff künftig separat gesammelt werden – Viele Kommunen sind dagegen

Noch bis zum Jahresende ist Zeit, die EU-Abfall-Rahmenrichtlinie komplett in deutsches Recht umzusetzen. Sie bringt Veränderungen in der Abfallwirtschaft mit sich. So sollen künftig alle Arten von Kunststoff (ob mit oder ohne Grünen Punkt), Metalle und Verbundmaterialien in einer eigenen, vierten Tonne zwecks Wiederverwertung gesammelt werden. Viele Kommunen im Freistaat lehnen dies ab. „Wir in Bayern brauchen das definitiv nicht“, erklärt Helmut Schmidt vom Verband kommunale Abfallwirtschaft und Stadtreinigung (VKS) kategorisch.
Die Verwertungsquoten kontinuierlich zu optimieren steht laut dem Landesvorsitzenden längst ganz oben auf der Agenda des VKS. Sammel- und sortierfreudige Bürger im Freistaat garantieren, dass dieses Ziel auch erreicht werde. Die durchschnittliche Quote über alle Abfallarten hinweg liegt bei über 70 Prozent, wobei einzelne Kommunen deutlich höhere Werte erreichen. Im Landkreis Miltenberg etwa werden schon 78,5 Prozent des Mülls verwertet.
Verbandsfunktionär Schmidt, der auch zum Leitungsteam der Münchner Abfallwirtschaftsbetriebe gehört, lehnt die neue Tonne vor allem deshalb ab, weil aus dieser kaum noch Wertstoffe herausgeholt werden können – zumindest im Freistaat. Das hat ein Gutachten des Augsburger Bifa-Umweltinstituts auch bereits Ende November mit Zahlen belegt.
Auch nach Aussage von Bernd Buckenhofer, stellvertretender Geschäftsführer vom Bayerischen Städtetag, sind Bayerns Kommunen aufgrund der hohen Verwertungsquoten „auf dem besten Weg zur Verwirklichung der europäisch geforderten Recyclinggesellschaft“. Darum müsse es ihnen überlassen bleiben, ob sie die Wertstofftonne verpflichtend einführen möchten oder nicht. Sollte die neue Tonne trotz Protest zwangsweise kommen, dürfe sie keinesfalls von privaten Entsorgungsfirmen gemanagt werden.
„Das wäre eine Katastrophe für alle Kommunen“, betont auch VKS-Aktivist Schmidt, der daran erinnert, wie sehr die Politik die Vergabe der Papiertonnenentsorgung an Dritte bereute: „Als die Preise im Keller waren, fiel für die Privaten einfach die Geschäftsgrundlage weg.“ Dann mussten die Kommunen wieder ran.
Das bayerische Umweltministerium, das einen gesetzlichen Zwang zur Einführung der Wertstofftonne ebenfalls ablehnt, weist auf den kostspieligen logistischen Aufwand des anvisierten Systemwechsels hin. Derzeit bringen die Bürger ihre nicht mit dem Grünen Punkt verzierten Wertstoffe zu Containerinseln oder auf Wertstoffhöfe. Wie viel die Ablösung des (kostenlosen) Bringsystems kosten würde, wer welche Kosten trägt und nach welchen Modellen sie verrechnet werden können, sei derzeit noch unbekannt.
Nach Schmidts Erkenntnissen ist das Sammeln der Wertstoffe so aufwändig, dass die Kosten mit den Verkaufserlösen nicht gedeckt werden können. Weshalb heute rund um den Gelben Sack der Einsatz untertariflich bezahlter Hilfskräfte üblich sei. Im Übrigen sei der Glaube irrig, dass mit dem Grünen Punkt verziertes Sammelgut aus dem Gelben Sack vollständig stofflich verwertet würde. Schmidt weiter: „Über 60 Prozent wird verbrannt.“ Bei Verpackungsabfällen aus dem privaten Haushalt handele es sich um ein minderwertiges Produkt.


Platzprobleme der Bürger


„Das stimmt nicht“, protestiert Gudrun Pinn, abfallpolitische Sprecherin des Bundesverbandes für Umweltberatung. Die Organisation macht sich stark für eine Wertstofftonne, in die alle Arten von Kunststoff- und Metallverpackungen, Plastikgegenstände sowie elektrische Kleingeräte und sogar Holz hineinwandern dürfen. „Das erleichtert dem Verbraucher das Sammeln“, so Pinns Begründung. Nur Textilien sollten nicht in die Wertstofftonne kommen.
Anders als Schmidt ist die Biologin davon überzeugt, dass noch viele verwertbare Stoffe aus der grauen Restmülltonne extrahiert werden könnten. Dennoch verwundert sie der bayerische Widerstand nicht. Schließlich existierten in keinem anderen Bundesland so viele Recyclinghöfe.
Mit denen allerdings nicht alle Bürger glücklich sind, weiß Ulrike Kirchhoff von der Interessenvertretung Haus & Grund Bayern. Dass viele Abfälle in eigener Regie zum Recyclinghof transportiert werden müssen, sorge vielerorts für organisatorische Probleme. Eine Wertstofftonne würde also viel „Unzufriedenheit“ nehmen. Wobei es bei großen Mietshäusern in Innenstädten zweifellos zu Problemen führen wird, wenn Platz für weitere Tonnen – eine langt hier sicher nicht – geschaffen werden muss. Der Platz hinter den Häusern reiche schon heute kaum aus.
„Natürlich ist es problematisch, dass der Bürger eine weitere Tonne vor das Haus gestellt bekommt“, bestätigt auch Alexander Schraml, Geschäftsführer des Kommunalunternehmens im Landkreis Würzburg. (Pat Christ)

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