Kommunales

Dem Würzburger Heizkraftwerk machen vor allem billige Strompreise und Verschmutzungszertifikate zu schaffen. HKW-Chef Armin Lewetz (stehend) erkundigt ich in der Steuerzentrale bei Techniker Alfons Ganz nach dem aktuellen Stand der Energieleistung. (Foto: Christ)

07.06.2013

Verlustbringer Umweltschutz

Würzburg investierte in die Modernisierung seines Heizkraftwerks – mit teuren Folgen

Lässt Thomas Schäfer die vergangenen sechs Jahre Revue passieren, stellt er fest: So viele falsche Prognosen gab es noch nie. „2007 ging man von Lücken bei der Stromversorgung aus“, meint der Geschäftsführer der Würzburger Versorgungs- und Verkehrs-GmbH (WVV). Der Gaseinkaufspreis sollte niedrig, der Strompreis an der Börse hoch, Verschmutzungszertifikate sehr teuer sein. Keine der drei Vorhersagen traf ein – was das Heizkraftwerk der WVV inzwischen wirtschaftlich ins Schleudern bringt.
Um Klima und Umwelt zu schützen, aber auch, um die Effizienz des Heizkraftwerks zu steigern, entschied sich die WVV vor zehn Jahren, das ehemalige Kohlekraftwerk an der Würzburger Friedensbrücke in ein Gasturbinenwerk umzurüsten. Fast 90 Millionen Euro wurden investiert. Die Hoffnung, damit die Gewinne zu steigern, zerschlug sich. Was vor allem – allerdings nicht nur – am unerwarteten Verfall der Preise an der Strombörse EEX liegt. Während die Energiekosten für Endkunden in den vergangenen Jahren exorbitant stiegen, brachen die Börsenpreise durch die stark gestiegene Ökostromeinspeisung ein.
Vor sechs Jahren, als die WVV den Heizkraftwerksplan für die Periode 2007 bis 2013 aufstellte, wurden Schäfer zufolge noch 60 bis 80 Euro pro Megawattstunde am Terminmarkt erlöst: „Jetzt sind es noch 40 bis 50 Euro.“ Am Beginn dieses Entscheidungszeitraums betrug der Einkaufspreis für Gas erst 18 Euro pro Megawattstunde, jetzt liegt er bei 28 Euro. Im zeitlichen Intervall von nur sechs Jahren änderten sich schließlich die Kosten für die Verschmutzungszertifikate in unerwarteter Weise. 2007 kosteten sie mit 30 Euro pro Tonne fast zehnmal so viel wie heute. Das spart zwar dem Würzburger Heizkraftwerk eine Menge Geld, muss es doch derzeit weniger als eine Million Euro jährlich hierfür ausgeben.


ÖPNV-Subvention scheitert


Doch die größten Vorteile aus dem Preisverfall haben laut Kraftwerkschef Armin Lewetz alte, abgeschriebene Kohlekraftwerke. Sie auf Volllast zu fahren, sei inzwischen viel billiger, als Strom durch moderne Gaskraftwerke zu produzieren. Inzwischen wird das Würzburger Kraftwerk teilweise abgeschaltet, damit Ende 2013 zumindest eine schwarze Null in der Bilanz steht – nach Abzug der Schuldentilgung für die Investitionen. Reduziert wird die Stromproduktion am Wochenende sowie in der Nacht. Zwischen April und September wird das Kraftwerk heuer außerdem zum ersten Mal heruntergefahren. „Im vergangenen Jahr produzierten wir 550 Millionen Kilowattstunden Strom, heuer werden es 400 und im kommenden Jahr nur noch 350 Millionen Euro sein“, erläutert Armin Lewetz.
Wobei das Kraftwerk bei Bedarf rasch wieder hochgefahren werden könnte: „Das dauert nur etwa 24 Stunden.“ Dass sich der aktuelle Trend rasch umkehrt, ist für Lewetz und Schäfer nicht zu erwarten. Hoffnung setzen sie jedoch in ein Papier des Verbands der Kommunalunternehmen. Der hat das branchenweite Problem der Gasheizkraftwerke erkannt, fordert nun von der Bundesregierung ein Leistungsentgelt für die Betriebsbereithaltung einer gesicherten Stromerzeugung. Denn heute zahlen Kunden nichts für die Möglichkeit, bei Stromknappheit in gewohnten Umfang mit Strom versorgt zu werden. Warum sollen Kraftwerke angesichts der negativen Entwicklungen auf dem Strommarkt also am Netz bleiben?
Zumindest ökologisch haben sich die Würzburger Millionen-Investitionen aber gelohnt: Die einst hohen Staub-, Schwefel- und Stickstoffemissionen der Anlage konnten drastisch reduziert werden. Seit das Kraftwerk umgerüstet wurde, verringerten sich auch die CO2-Emmissionen um 30 Prozent von 400 000 auf derzeit rund 250 000 Tonnen pro Jahr.
Dass es wirtschaftlich hingegen nicht gut bestellt ist mit dem Kraftwerk, wirkt sich wiederum negativ auf den öffentlichen Personennahverkehr aus: Schon seit drei Jahren ist es nicht mehr möglich, – wie von den Kommunalpolitikern ursprünglich erhofft –, die Busse und Trams der WVV durch Gewinne des Heizkraftwerkes zu subventionieren. (Pat Christ)

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