Kommunales

Herzensanliegen und Investition in die Zukunft: Bürgermeister Erwin Dotzel, hier beim Besuch eines der beiden örtlichen Kindergärten, hat sich der Rundumbetreuung der Kinder in seiner Stadt verschrieben. (Foto: Mayerhöfer)

13.08.2010

Von der Wiege bis zur Schulbank

Kleine Stadt als großes Vorbild: Im unterfränkischen Wörth am Main setzen Bürgermeister und Stadtrat auf eine ganztägige und ganzjährige Kinderbetreuung

„Kinder sind die Zukunft!“ Daran lässt Erwin Dotzel nicht den geringsten Zweifel. Als Bürgermeister der unterfränkischen Stadt Wörth am Main mit ihren knapp 5000 Einwohnern setzt er diese Überzeugung in konkretes kommunalpolitisches Handeln um.
Der demografische und der gesellschaftliche Wandel machen auch keinen Halt vor einer idyllischen Gegend wie Mainfranken. Bevölkerungsrückgang bei den Einheimischen, Überalterung, Zuwanderung durch Migranten verändern das Bild der Gesellschaft und damit die Anforderungen an Städte und Gemeinden. Oft reicht ein Verdienst in der Familie nicht mehr aus, so dass gut ausgebildete Frauen nach der Geburt der Kinder wieder in den Beruf drängen.

Offene Ganztagesschule

„Hier heißt es zu agieren, statt nur zu reagieren“, findet Dotzel. „Wir verbessern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf deutlich, indem wir als Stadt seit dem Schuljahr 2008/09 ein umfassendes Betreuungsangebot für Kinder und Schüler über Kinderkrippe, Kindergärten und die offene Ganztagesschule, ergänzt durch einen Ferienhort, bereitstellen.“
Quasi von der Geburt bis zum 15. Lebensjahr können Buben und Mädchen in Wörth am Main durchgängig, bedarfsgerecht und klar strukturiert betreut werden – und dies nicht nur ganztägig von Montag bis Freitag, sondern auch rund ums Jahr und in optimalen räumlichen Gegebenheiten. Der Bürgermeister argumentiert: „Das ist ein weicher Standortfaktor, der wesentlich zur Weiterentwicklung unserer Stadt beiträgt.“
In den zwei städtischen Kindergärten waren die Kinderzahlen rückläufig. Die frei werdenden Kapazitäten werden nun für die ganz kleinen Krippenkinder genutzt. So musste kein Personal freigesetzt werden und die Nachfrage aus der Bevölkerung wird gedeckt. Für viele berufstätige Eltern, die keine Verwandten am Ort haben, ist es ein großes Problem, die vielen Kindergarten-Schließtage, die durch Ferien und Fortbildungen anfallen, für ihre Kinder zu überbrücken.
„Die Eltern bezahlen für ein ganzes Kindergartenjahr, also werden die Kinder auch ganzjährig betreut“, argumentiert Bürgermeister Dotzel. „Die Resonanz ist überaus positiv. Wir können uns das gar nicht mehr anders vorstellen.“ Hat der eine Kindergarten wirklich mal geschlossen, so hat der andere offen und die Kinder können dort hingehen.
Um das umfassende Angebot aufrechtzuerhalten, hat die Stadt Verträge mit sechs Erzieherinnen abgeschlossen, die auf Abruf als mobile Reserve bereitstehen und bei Bedarf einspringen können. Überdies haben andere in Teilzeit beschäftigte Erzieherinnen noch Kapazitäten, die ebenfalls genutzt werden können.
Die Wörther Grund- und Hauptschule (GHS) war wegen des Geburtenrückgangs in ihrem Bestand gefährdet, so dass man im Schulverbund mit Erlenbach und Klingenberg jetzt sogar die Möglichkeit anbietet, die Mittlere Reife zu erwerben. Die Wörther GHS wurde seit dem Schuljahr 2007/08 in eine Offene Ganztagesschule (OGS) umgewandelt. Die Umwandlung zu einer Offenen Ganztagesschule ist vor dem Hintergrund eines tiefgreifenden Wandels der Familienstrukturen, der zunehmenden Bedeutung von präventiven Angeboten an den Schulen sowie sinnvoller, regelmäßiger Betreuung im Anschluss an den Schulunterricht das Gebot der Stunde.

Mehr Geld für Lehrer

Ein aktueller Schwerpunkt ist die Integration und Sprachförderung von Schülern mit Migrationshintergrund. Die Betreuungsräume sind unmittelbar neben dem Schulgebäude, ebenso Hallenbad, Zweifachsporthalle, Rasenfußballplatz, Hartplatz und 100-Meter-Laufbahn. So wird die vorhandene Infrastruktur viel besser genutzt als zuvor.
Die Schüler haben bis 13 Uhr Unterricht. Von 13 bis 17 Uhr gibt es in der Offenen Ganztagesschule ein Pflichtangebot: Nach dem Mittagessen gibt es diverse Freizeitangebote, die durch Erzieher betreut werden, die Hausaufgabenbetreuung erfolgt durch Pädagogen, die sich freiwillig melden, dafür zusätzlich vergütet werden und deshalb besonders motiviert sind.
Von 16 bis 17 Uhr können die Schüler Wahlangebote im Bereich Sport und Kultur buchen. Hier sind die örtlichen Vereine eingebunden. Obwohl Ganztagesschulen neben dem Essen nur für Hausaufgabenbetreuung montags bis donnerstags von 13 bis 16 Uhr sorgen müssen, bietet Wörth Betreuung mit besonderen Förderangeboten bis 17 Uhr, und das auch noch am Freitag, an.
All diese Förderangebote sind für die Schüler gebührenfrei. „Wir wollen gerade die Kinder, die sich das finanziell nicht leisten könnten, in die Angebote holen. Das ist eine Investition in die Zukunft“, betont Bürgermeister Dotzel. „Unter Betreuung verstehen wir nicht bloß die sichere ,Verwahrung’ von Kindern, sondern vielmehr deren Bildung und ganzheitliche Förderung“, sagt Heinz Firmbach, der Stadtkämmerer von Wörth, der am Betreuungskonzept maßgeblich beteiligt war und an Fördermitteln auftreibt, was nur möglich ist.
Die finanziellen Belastungen für die Eltern der Schüler halten sich in Grenzen: Lediglich das Mittagessen ist zu bezahlen. Es kostet für die neun Schulmonate 70 Euro. Seit April 2009 erhalten Schüler von finanziell bedürftigen Eltern einen Zuschuss von jeweils 20 Euro vom Freistaat Bayern und der Stadt. Dieser Elternbeitrag kann darüber hinaus in einzelnen sozialen Härtefällen aus dem städtischen Sozialfonds „Maria Schiegl“ noch weiter bezuschusst werden.
Seit dem Schuljahr 2008/09 wurde die OGS um einen Schülerferienhort erweitert, so dass auch in Ferienzeiten ein qualifiziertes Betreuungsangebot besteht.
Damit hat die Stadt ein ganztägiges und ganzjähriges Bildungs- und Betreuungsangebot, das vorbildlich ist. „Wörth ist die einzige Kommune in ganz Bayern, die eine Offene Ganztagesschule als eigene Einrichtung betreiben darf. Wir werden als freier Schulträger behandelt. Das hat den unschätzbaren Vorteil, dass Probleme vor Ort gelöst werden und nicht vom Schulrat in der Kreisstadt“, betont der Bürgermeister.
Hat Wörth also Modellcharakter? „Wir sind mit unseren Angeboten auf dem richtigen Weg und sehen uns in einer Vorreiterrolle. Bei uns fällt kein Kind durch den Rost. Wir versuchen, alle mitzunehmen und bestmöglich zu fördern.“

Keiner fällt durch den Rost

Das kostet natürlich Geld. Bei 128 Kindern in der OGS Wörth zahlt die Stadt pro Kind jährlich 1000 Euro neben den staatlichen Förderungen. „Das ist es uns wert. Unser Angebot ist eine riesige Chance für sozial schwache Familien, dass ihre Kinder die Talente voll entfalten und ein möglichst hohes Bildungsziel erreichen können“, so Dotzel. Der erfahrene CSU-Kommunalpolitiker, der seit vier Jahren auch Bezirkstagspräsident von Unterfranken ist, betont: „Wenn Kleinkind- und Schülerbetreuung schon gesetzliche Pflichtaufgaben sind, dann sollte man sie auch bestmöglich erledigen. Wir tun das aus einer Hand, aus einem Guss und an einem Ort. Darüber herrscht in unserem Stadtrat Konsens.“ Was Kinderbetreuung betrifft, ist diese schöne Kleinstadt zwischen Spessart und Odenwald riesengroß. (Leo Mayerhöfer)

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