Kommunales

Bayerns Gesundheitsämter fordern ein besseres Hygienebewusstsein des Personals – damit Keime kein leichtes Spiel haben. Foto: Bilderbox

09.09.2011

Warum es mit der Hygiene oft nicht klappt

Durch Kostendruck in Kliniken und einem Mangel an Kontrolleuren haben Keime leichtes Spiel

Das Thema an sich polarisiert nicht: Politik, Gesundheitswesen und Medizin wollen Keime im Krankenhaus effektiver bekämpfen. Immerhin erkranken nach Schätzungen in Bayern jährlich 60 000 bis 90 000 Menschen an Harnwegs- oder anderen Infektionen durch im Krankenhaus erworbene, resistente Erreger wie MRSA oder MRE. Zwischen 1500 und 3000 Patienten, wird vermutet, sterben pro Jahr. Strittig bleibt, wie für mehr Hygiene gesorgt werden kann. Reicht ein strenges Gesetz? Oder muss mehr Personal her?
Immer wieder werden in Kliniken hygienische Mängel festgestellt, was die Frage nach Sanktionen relevant macht. „Auf der Basis des Infektionsschutzgesetzes sind Sanktionen möglich, bis hin zur Schließung von Krankenhausteilen oder des gesamten Krankhauses“, betont Hanspeter Kubin vom Staatlichen Gesundheitsamt Nürnberger Land. Zu den Sanktionsmöglichkeiten gebe es allerdings unterschiedliche Ansichten, relativiert Dr. Winfried Strauch aus Bamberg, der dem Ärzteverband Öffentlicher Gesundheitsdienst (ÖGD) in Bayern vorsitzt. Ihm zufolge legen Gesundheitsämter keinen allzu großen Wert auf die Möglichkeit, zu sanktionieren: „Wir verstehen uns in erster Linie als Berater.“


Der Personalabbau aus den 1990er Jahren rächt sich

Was Strauch beklagt, ist, dass die Verantwortung für Hygiene in den Gesundheitsämtern auf viel zu wenige Schultern verteilt ist. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums gibt es im Freistaat 270 für Hygiene zuständige Ärzte und 177 Hygienekontrolleure. Zu wenig, meinen die Behörden. Der durch einen Ministerratsbeschluss aus den 1990er Jahren vorgesehene Personalabbau ist laut Strauch „ein Widerspruch zu den geforderten schärferen Überwachungen.“ Der Öffentliche Gesundheitsdienst in Bayern sei „der schlankste in Deutschland“. Umso wichtiger wäre es für Strauch, dass in den Krankenhäusern genug Hygienefachpersonal beschäftigt würde.


Stress und Schichtdienst führen zu Fehlern

Schwestern, Pfleger und Ärzte können an ihrem Arbeitsplatz nur in dem Maße gegen Keime vorgehen, in dem ihnen bekannt ist, wie diese aufgespürt und bekämpft werden müssen. Das Hygieneverständnis des Personals müsse also ständig geschult werden, um aktuellen Anforderungen gerecht zu werden, erklärt Sybille Lichti vom Landratsamt Augsburg. Dem stehe jedoch der Kostendruck im Gesundheitssystem entgegen: „Sowie dieser steigt, gerät das Thema Hygiene meist ins Hintertreffen.“ Hygiene sei überhaupt schlicht dadurch gefährdet, dass zu wenige Menschen in den Krankenhäusern arbeiteten: „Darum kommt es mitunter zu Hygienefehlern durch Stress und Schichtdienst.“
Auch in Augsburg wird der Widerspruch zwischen der Forderung nach mehr Hygiene in Krankenhäusern, Gesundheits-, Freizeit- und Sozialeinrichtungen sowie der mangelhaften personellen Ausstattung der Ämter scharf getadelt. Lediglich drei Hygienekontrolleure sind laut Lichti für den gesamten Landkreis Augsburg zuständig. Sie überwachen vier Krankenhäuser, knapp 200 Kinder- und Jugendeinrichtungen, über 40 Pflegeheime und 113 Trinkwasserversorgungen. Hinzu kommen der Pressesprecherin zufolge etliche Heilpraktiker- und Arztpraxen, Blutspendeeinrichtungen, Badeanstalten und Volksfeste: „Der Ruf nach mehr Personal verhallt seit Jahren vergeblich.“
Umkleideräume fürs Personal, Schleusen und Schutzkleidung sind meist nicht die größten Herde für Krankenhauskeime, unterstreicht auch Hanspeter Kubin vom Gesundheitsamt Nürnberger Land. „Die wesentlichste Gefahrenquelle liegt im Zeitdruck, unter dem Pflegekräfte, Ärzte, Putz- und Küchenpersonal stehen.“ Die immer kürzeren Liegezeiten würden zwar zum Teil Infektionen vermeiden. Andererseits verursache die gesetzlich vorgegebene Marschrichtung „Rasche Entlassung!“ unhygienisches Handeln: „Für die Patientenversorgung ist nicht mehr ausreichend Zeit vorhanden.“
Was in der Klinik bei der Hygiene von Händen und Nägeln, der Flächendesinfektion und der Aufbereitung von Medizinprodukten beachtet werden sollte, teilt die „Kommission für Krankenhaushygiene“ am Robert-Koch-Institut in Empfehlungen mit.
Das neue Bundesinfektionsschutzgesetz, das noch dieses Jahr in Kraft treten soll, sieht künftig eine verpflichtende Umsetzung dieser Empfehlungen vor. Außerdem muss, was bislang nicht der Fall war, jedes Bundesland auf Basis des neuen Gesetzes eine eigene Hygieneverordnung erlassen. Bayern hat bereits laut Umweltminister Markus Söder seit Januar ein neue Hygieneverordnung – und zwar „die strengste und umfassendste“.
Dass Infektionen im Krankenhaus völlig vermieden werden könnten, wäre eine wirklichkeitsfremde Vorstellung. Es kann jedoch mehr getan werden als bisher. Zum Beispiel, so die Position des Freistaats, durch bessere Kooperation aller an der Patientenversorgung Beteiligter. In Bayern wird die Netzwerkarbeit seit knapp drei Jahren durch die „Landesarbeitsgemeinschaft multiresistente Erreger“ vorangetrieben. 24 Gremien, Verbände, Universitäten sowie das Bayerische Gesundheitsministerium gehören der LARE an. Am 7. Dezember treffen sich die Mitglieder zu ihrem nächsten Symposium in der Bayerischen Landesärztekammer München.

(Pat Christ)

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