Kommunales

Fast jedes zweite Kind kehrt danach nicht mehr zu seinen Eltern zurück. (Foto: Getty)

02.08.2013

Wenn daheim nichts mehr geht

Immer mehr Kinder in Bayern kommen in Obhut der kommunalen Jugendämter

Der Landkreis Traunstein wirkt auf den ersten Blick nicht wie eine Region, in der die soziale Verwahrlosung um sich greift: katholisch, ländlich und mit einer Arbeitslosenquote unter dem Landesdurschnitt. Trotzdem mussten im Jahr 2011 die Mitarbeiter des Jugendamts dort 17 Kinder und Jugendliche in ihre Obhut nehmen, weil deren Wohl in den eigenen Familien gefährdet war – ein Anstieg von fast 300 Prozent gegenüber dem Jahr davor.
In der oberbayerischen Kommune mag der Anstieg besonders dramatisch ausfallen, ein Einzelfall innerhalb des Freistaats ist er nicht. Laut Angaben des bayerischen Landesamts für Statistik wurden im vergangenen Jahr 3046 Kinder in Bayern von Jugendämtern in Obhut genommen – ein neuer Rekord. „In den letzten zehn Jahren sind diese Fälle um mehr als 90 Prozent gestiegen“, so Markus Neumeier von der Krankenkasse IKK classic. Das war davor eher andersherum. Bis zur Jahrtausendwende sank die Zahl der Inobhutnahmen von Jahr zu Jahr um etwa fünf Prozent.
Die Öffentlichkeit wird meist durch besonders drastische Einzelfälle aufgerüttelt – so beispielsweise in Straubing, wo die Beamten vor einigen Jahren ein Baby inmitten von vergammelten Lebensmitteln und Hundekot vorfanden. Die 20-jährige Mutter hatte weinend daneben gesessen, fix und fertig mit den Nerven.
Das deckt sich mit den Berechnungen des Landesamts, wonach nicht immer Gewalt oder Missbrauch der Auslöser ist, sondern vielfach eine Überforderung der Eltern mit der Erziehung. In 1245 Fällen sei dies der Fall gewesen. Meist liebten diese Mamas und Papas ihren Nachwuchs zwar, könnten aber aufgrund eigener massiver Probleme ihren Erziehungsaufgaben nicht mehr gerecht werden.
Den rasanten Anstieg erklären sich Experten damit, dass nach einigen dramatischen Fällen in den Medien inzwischen auch Nachbarn genauer hinschauen, eher die Behörden informieren. In den Ämtern wiederum möchte man sich nach mehreren, zum Teil massiven Vorwürfen, erst zu spät reagiert zu haben, dieser Anschuldigung nicht mehr aussetzen.

Netzwerk Familienpatenschaften Bayern


Aber es gibt inzwischen auch kritische Stimmen, dass Jugendämter inzwischen zu schnell Kinder den Eltern wegnehmen. In München etwa sorgte die vierjährige Derya für Aufsehen. Sie war beim Herumtollen mit ihren Geschwistern gegen eine Tür gelaufen, eine schlimme Verletzung war die Folge. Im Kindergarten jedoch dachten die Erzieherinnen, das Kind werde daheim misshandelt, brachten es in eine Kinderklinik. Dort entschieden Ärzte und Jugendamt, das Mädchen nicht mehr zu den Eltern zu lassen. Erst nach einem mühseligen Rechtsstreit konnten die Eltern den Verdacht ausräumen und erhielten ihre Derya zurück.
Während in den Großstädten im Notfall also meist gleich die Ultima Ratio angewendet wird, greifen im ländlichen Raum – noch – andere Sicherungsmechanismen. Dorfhelferinnen kennen meist ihre Problemfamilien ziemlich gut und wissen, ob es gerade nur eine schwierige Situation gibt oder akuter Handlungsbedarf besteht. Noch bis zum Sommer nächsten Jahres läuft das Modellprojekt „Netzwerk Familienpatenschaften Bayern“, ein Zusammenschluss von Deutschem Kinderschutzbund, Bayerischem Landesverband des Katholischen Deutschen Frauenbunds, Landesverband Mütter- und Familienzentren in Bayern und Zentrum Aktiver Bürger Nürnberg. Finanziert wird das Ganze vom bayerischen Sozialministerium. „Familienpatenschaften“, so heißt es seitens der Initiatoren, „verstehen sich als niederschwelliges und unterstützendes Angebot, das Müttern und Vätern helfen soll, ihre Erziehungsverantwortung bewusster zu gestalten und so ihren Familienalltag besser zu bewältigen zu können.“ Man wolle sich orientieren „an der Lebenswelt von Familien“ und versuchen, „die Menschen in ihrer persönlichen Umgebung zu erreichen“.
Für die Eltern kann das von entscheidender Bedeutung sein, wenn sie ihr Kind behalten wollen. Denn nur etwa 40 Prozent der Buben und Mädchen, die vom Jugendamt in Obhut genommen wurden, kehren danach wieder in ihre eigentlichen Familien zurück, die anderen leben anschließend in Heimen oder bei Pflegefamilien.
(André Paul)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 42 (2017)

Sollen Arbeitnehmer das Recht haben, auf eine 28-Stunden-Woche zu reduzieren?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 20. Oktober 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Jürgen Wechsler, Bezirksleiter IG-Metall Bayern

(JA)

Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.