Kommunales

Anton Berger und Kurt Seggewiß (r.) zeigen, welche Kraft im Wind steckt. (Foto: Schweinfurth)

20.05.2011

Wenn der Gegenwind weht

Wie Weidens Oberbürgermeister mit Windkraft-Gegnern umgeht

Handeln Sie, bevor andere handeln“, forderte Weidens Oberbürgermeister Kurt Seggewiß (SPD) die 85 Teilnehmer des Seminars „Windenergie in Bayern – Kommunale Projekte erfolgreich umsetzen“ beim Beratungsunternehmen Rödl & Partner in Nürnberg auf. Denn nur wenn eine Kommune die Energieerzeugung aus Windkraft selbst betreibe, sei mit Akzeptanz der teilweisen „Verspargelung der Landschaft“ zu rechnen. Diese Akzeptanz könne zum Beispiel in Form von Bürgerbeteiligungen an der Energieerzeugung geschehen, meinte Seminarleiter Anton Berger, der bei Rödl & Partner für den Bereich Erneuerbare Energien zuständig ist. „Wenn der Windpark etwa als GmbH & Co. KG realisiert wird, können die Bürger Kommanditisten werden“, illustrierte Berger.
Akzeptanz und Beteiligung sind die beiden Schlüsselbegriffe, die zum Gelingen von Windprojekten in Bayern beitragen. Davon kann Oberbürgermeister Seggewiß ein Lied singen. Denn am einzigen für guten Windertrag geeigneten Standort in Weiden, im Ortsteil Muglhof, habe sich schon vor einiger Zeit ein privater Investor die Option für die Errichtung von Windkraftanlagen gesichert. Seit dies via Stammtisch-Kommunikation an die Öffentlichkeit drang, haben sich nun fünf Bürgerinitiativen gegen das Projekt gegründet. Somit kann auch die Stadt als kommunaler Betreiber in Muglhof keinen Stich mehr machen. Jetzt bleibt der Stadt nur noch, über die Ausweisung von so genannten Vorrangflächen für Windenergie Fakten zu schaffen, die den Investor ausbremsen. „Wenn der die Lust verliert, haben wir eine Chance, dort unsere Windkraftanlagen zu errichten“, sagt Seggewiß.
Diese seien für das Erreichen der Kyoto-Klimaziele wichtig für die rund 62 000 Einwohner zählende Stadt Weiden. Denn der Ausbau von Photovoltaik- und Biomasse-Anlagen stoße in Weiden langsam an seine Kapazitätsgrenzen. Insgesamt hat die nordoberpfälzer Stadt einen Energiebedarf von 275 Gigawattstunden im Jahr. „Wir sind Industriestadt mit zwei Porzellanfabriken, die Öfen mit Temperaturen um die 1400° Celsius betreiben, und einer Glasfabrik – ja der letzte Mohikaner –, die einen Ofen mit Temperaturen um die 1600° Celsius betreibt“, beschreibt Seggewiß den enormen Strombedarf. Bisher gebe es nur 13 Gigawattstunden Stromertrag aus Anlagen, für die das Erneuerbare-Energien-Gesetz gelte. 45 Gigawattstunden seien für die Windenergie beantragt.


Der Super-GAU für jedes Windenergieprojekt

Doch daraus werde wohl nichts, weil neben der Problematik mit dem Investor noch der Naturschutz auf dem Plan steht. So brütet Seggewiß zufolge der seltene Schwarzstorch ausgerechnet im Bereich von Muglhof, dem Gebiet, in dem sich die Windkraft am meisten lohne. „Das ist der Super-GAU für jedes Windenergieprojekt“, sagt Seggewiß. Experten hätten zwar nur Indizien gefunden, dass dieser Storch im Jahr 2005 und im Jahr 2010 dort gebrüten haben könnte, aber die Regierung sage nein. In einem Radius von drei Kilometern um die mutmaßlichen Brutstätten herum seien somit Windräder nicht mehr möglich. Es treibt Seggewiß die Wut der Verzweiflung ins Gesicht, wenn er darüber referiert, wie ein paar Schwarzstörche umweltfreundliche Windkraftanlagen verhindern. Die bayerische Staatsregierung müsse hier neue Spielregeln schaffen, damit das Verhältnis zwischen Naturschutz und regenerativer Energieerzeugung geklärt wird. „Denn zur Zeit fordert unser Umweltminister Markus Söder, selbstlos wie er ist, ja nur Windkraft für Ostbayern“, so Seggewiß.
Aber nicht nur die Schwarzstörche machen Seggewiß zu schaffen. Auch die Bürger fürchten die Windkraftanlagen vor allem im Winter, wegen des so genannten Eiswurfs. „Ich bin schon als potenzieller Mörder beschimpft worden“, sagt der Oberbürgermeister. Denn in der Tat könnten die im Winter vereisten Flügel der Windräder Eisbrocken herunterschleudern. Aber muss sich denn eine Langlaufloipe unbedingt zwischen den Anlagen hindurchschlängeln, fragt sich der neutrale Beobachter.
Als Ausweg aus der scheinbar ausweglosen Situation sucht die Stadt jetzt im Zuge interkommunaler Zusammenarbeit nach Windradstandorten außerhalb des Stadtgebiets. Innerhalb der Planungsregion 6, zu der neben Weiden auch die Landkreise Tirschenreuth, Neustadt/Waldnaab, Amberg-Sulzbach und die Stadt Amberg gehören, versucht man jetzt Windenergiestandorte festzulegen. Dann könnte Weiden in Kooperation mit anderen Kommunen einen Windpark errichten. Klar ist aber auch, dass die Weidener Bürger als Betreiber einer „Bürgerwindkraftanlage“ dann ihre elektrischen und monetären Erträge mit anderen teilen müssen.
Also wird der Strombedarf für Weiden, das neben den Fabriken laut Seggewiß auch noch eine Vielzahl maroder, Energie verschwendender Gebäude „mit dem Charme der 70er und 80er Jahre“ hat, wohl nicht so einfach aus regenerativer Energieerzeugung zu decken sein. Seggewiß jedenfalls will nicht so schnell aufgeben: „Auch wenn ich im Grunde einpacken kann.“ So bestehe zum Beispiel die Möglichkeit, unter anderem mit der Neue Energien West eG (NEW), einem Zusammenschluss mehrerer Städte und Gemeinden im Nachbarlandkreis Neustadt a. d. Waldnaab, zusammenzuarbeiten. Die NEW betreibt derzeit als Genossenschaft zwar nur Photovoltaik-Anlagen, doch die Erweiterung um die Windkraft wäre möglich. Für Seggewiß ist die interkommunale Zusammenarbeit der richtige Weg. Dies empfiehlt er auch allen Seminarteilnehmern, die aus allen Teilen Bayerns anreisten. Wegen der großen Nachfrage nach diesem Thema wird es am 27. Juni 2011 bei Rödl & Partner in Nürnberg eine Folgeveranstaltung geben.
(Ralph Schweinfurth)

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