Kommunales

Viele Asylsuchende sind wegen ihrer Kriegs- und Fluchterlebnisse traumatisiert. (Foto: dpa)

18.03.2016

"Wir haben Verantwortung, zu helfen"

Fachtagung über Auswirkungen der Flüchtlingskrise auf den sozialpsychiatrischen Bereich

Dialog und Brücken bauen“: Unter diesem Leitmotiv hat im Bezirk Oberbayern ein Fachtag mit Vertretern aus Politik, Verbänden und Sozialkassen über die Auswirkungen der Flüchtlingskrise auf die sozialpsychiatrische Landschaft stattgefunden. Ziel des Treffens war unter anderem die Vernetzung aller Akteure, um Empfehlungen für ein gemeinsames Handeln zu entwickeln. An der Tagung nahmen neben Mitgliedern des Bezirkstags Vertreter der kommunalen Spitzenverbände, Krankenkassen, Rentenversicherung, Regierung von Oberbayern, Träger der freien Wohlfahrtspflege sowie der kbo-Kliniken teil.


Laut Oberbayern Bezirkstagspräsident Josef Mederer ist der Bezirk von der Flüchtlingskrise als Träger der psychiatrischen Versorgung in einer seiner Kernkompetenzen betroffen, aber zugleich in einer schwierigen Lage. Für Behandlung und Therapie von Flüchtlingen in psychiatrischen Kliniken sowie Sozialpsychiatrischen Diensten und Suchtberatungsstellen gebe es strenge gesetzliche Hürden. „Das ist für uns eine schwierige Situation“, so Mederer. „Wir sind de jure nicht zuständig, de facto aber stark betroffen.“


Hintergrund ist, dass Flüchtlinge nach dem Asylbewerber-Leistungsgesetz keine Leistungen der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen in Anspruch nehmen dürfen. Gleichwohl sind viele Asylsuchende wegen ihrer Kriegs- und Fluchterlebnisse traumatisiert und von psychischen Behinderungen bedroht. Psychiatrische Kliniken dürfen beispielsweise nur die Akutversorgung leisten und keine längerfristigen Therapien anbieten. Auch die Sozialpsychiatrischen Dienste dürften als Beratungsstellen für Menschen mit seelischen Behinderungen keine Flüchtlinge versorgen.

 

Derzeit 42 000 Minderjährige im Bezirk Oberbayern

 

Der Bezirkstagspräsident sagte: „Wir haben die Verantwortung zu helfen, wenn ein Mensch mit einem Kriegstrauma vor der Tür steht.“ Der Bezirk Oberbayern werde deshalb keine Weisung an die Dienste erteilen, „dass sie Flüchtlinge nicht beraten dürfen“. In Oberbayern leben derzeit rund 42 000 Flüchtlinge gegenüber 16 000 im Januar 2015. Hinzu kommen über 9000 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Das kbo-Isar-Amper-Klinikum hat 2015 rund 600 Flüchtlinge mit posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen stationär und ambulant versorgt.


Flüchtlinge machen bisher also nur einen kleinen Teil der jährlich insgesamt rund 50 000 Patienten der Klinik aus. „Das gefühlte Problem ist größer als das tatsächliche“, resümierte Margitta Borrmann-Hassenbach, stellvertretende kbo-Vorstandsfrau. Anders sieht es beim kbo-Heckscher-Klinikum aus, einem der bundesweit größten Fachkrankenhäuser für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Im Jahr 2015 wurden dort 158 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge stationär versorgt – also rund zehn Prozent der insgesamt 1600 stationären Fälle. Die häufigsten Störungen sind auch hier posttraumatische Belastungssyndrome und Depressionen.


Um schneller, niedrigschwelliger und flexibler helfen zu können, regte der Fachreferent für psychische Gesundheit der Caritas München, Gerd Mendel, die Einrichtung sozialpsychiatrischer Beratungsdienste in den Flüchtlingsunterkünften an. Erforderlich seien auch tagesstrukturierende Angebote. Zudem müssten die ehren- und hauptamtlichen Kräfte befähigt werden, auf seelische Krisen der Asylsuchenden angemessen zu reagieren. (Constanze Mauermayer)


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