Kommunales

Vor allem die jüngeren, gut ausgebildeten Menschen verlassen ihre Heimat. (Foto: DPA)

26.07.2013

"Wir wollen die Nabelschnur zum Woid erhalten"

Sebastian Gruber, ein junger Regionalmanager am Landratsamt Freyung-Grafenau, organisiert Projekte gegen den demografischen Wandel jenseits der üblichen Klagelieder

Freyung-Grafenau, 2013 n. Chr.: Der Bayerische Wald ist massiv vom demografischen Wandel bedroht. Der ganze Bayerische Wald? Nein! Der junge Verwaltungsangestellte Sebastian Gruber, Regionalmanager im Landratsamt, klagt nicht und fordert auch nicht – wie viel Politiker der Region – vor allem erst mal mehr Geld aus München.


BSZ Herr Gruber, dass Familien auch im Bayerischen Wald nicht mehr so viele Kinder haben wie früher, ist nicht zu ändern. Aber wenn die Abschlusszeugnisse der weiterführenden Schulen verteilt sind, verliert der Landkreis jedes Jahr viele junge Leute. Wie viele denn genau?
Gruber Im Schnitt etwa 370. Erst seit rund 50 Jahren gibt es in unserem Landkreis Gymnasien. Heute sind es drei, dazu zwei Realschulen, eine Berufsoberschule und zwei Fachoberschulen – eine gut ausgestattete Bildungsregion. Pro Jahr verlassen rund 200 Absolventen die Gymnasien und dazu erhalten etwa 170 Absolventen aus BOS und FOS die Hochschulreife. Viele befinden sich im Zwiespalt: Sie hängen zwar sehr an ihrer Heimatregion, sind aber gezwungen, zu Studium oder Ausbildung in Hochschulstädte zu ziehen – nur der künftigen Berufe wegen! Und bisher kamen nur wenige zurück.

BSZ Das heißt: je mehr Bildung, desto mehr Jugend-Abwanderung?
Gruber Für viele Schulabgänger trifft das notgedrungen zu. Sie finden neue Freunde oder Partner, die Besuche in der Familie daheim nehmen mit der Zeit ab, damit auch die Bindung zur Heimat. Letztendlich fällt die Wahl von Wohn- und Berufsort gegen Freyung-Grafenau aus. Meist kommen nur Lehrer, Ärzte oder Juristen zurück. Das ist auf Dauer ein gewaltiger Aderlass an intelligenten jungen Erwachsenen für unsere Region.

BSZ Zusätzlich pendeln andere zu großen Unternehmen aus und wo qualifizierter Nachwuchs fehlt, ist die Ansiedlung neuer Betriebe sehr schwer. Wie wollen sie so eine Abwärtsspirale stoppen?
Gruber Stoppen geht nicht, aber verlangsamen und Alternativen zu Ballungsräumen anbieten, das geht. Gerade bei Heranwachsenden und jungen Erwachsenen hat unsere Region noch nicht das Image einer Zukunftsregion. Diese Köpfe fehlen uns später als Einwohner, Firmen- und Familiengründer. Daher sind mehr Information und Bewusstseinsbildung wichtig. Das heißt für uns: Die Potenziale der Region müssen aufgezeigt werden – in allen Bereichen wie Arbeitsplätze, Bildung, Kultur, Technik, Freizeit, soziales Umfeld und Gesundheitsversorgung. Dazu haben wir Projekte für zwei Zielgruppen mit zwei Zielen angefangen. Wir wollen angehende Absolventen halten und ehemalige herholen.

BSZ Was bedeutet für Sie konkret, die jungen Leute zu halten?
Gruber Schüler höherer Klassen interessieren sich zuerst für ihren Schulabschluss, für Freunde und Freizeit, erst später für Neigungen zu Berufen und Studien. Aber was die Wirtschaft vor Ort und in der Region treibt, welche Berufschancen sie in der Heimat hätten, das wissen die Wenigsten. Deshalb bemühen wir uns, gemeinsam mit Lehrkräften der weiterführenden Schulen, Kontakte zur Wirtschaft zu stärken und auf weniger bekannte Studienfächer und gefragte Ausbildungsberufe hinzuweisen. Es gilt: Fachkräfte in der Region halten, Azubis hier ausbilden und junge Leute nach dem Studium zurückholen – heim in den „Woid“!

BSZ Was machen sie da konkret?
Gruber Zunächst haben wir die Schulleiter und Lehrkräfte, sowie Unternehmer und alle betroffenen Institutionen für die Zusammenarbeit in einem Netzwerk gewonnen. Auch die Lehrer müssen erst die großen Firmen vor Ort, deren Produkte und Berufsanforderungen, kennenlernen. Darum organisieren wir auch Willkommens-Veranstaltungen für neue Lehrer, die unsere Region nicht kennen. Dann haben wir mit der Agentur für Arbeit und dem Wirtschaftsreferat des Landratsamtes Informationsveranstaltungen für künftige Absolventen organisiert.

BSZ Wie sieht sowas dann aus?
Gruber Wir haben zum Beispiel Betriebsbesichtigungen mit Diskussion über Berufsausbildungen veranstaltet, ferner eine Ausbildungs- und Arbeitsbörse im Freyunger Kurhaus. Ziel war ein Angebot für angehende Auszubildende und für arbeitsuchende Fachkräfte, etwa Pendler. Die Resonanz war erfreulich: Es präsentierten sich 45 Aussteller und neben direkt Betroffenen haben viele Eltern und Lehrer die Börse besucht. Gleich auf Anhieb wurden 20 Besucher in Jobs oder Ausbildung vermittelt. Andere haben Studienfächer überdacht.


BSZ Aber alle, die studieren oder spezielle Berufe erlernen wollen, müssen ja hinaus in die weite Welt.
Gruber Aber die Nabelschnur zur Heimat wollen wir erhalten. Bei den Abschlussfeiern unserer Schulen erhalten alle Absolventen ihr Zeugnis in einer Mappe vom Regionalmanagement mit Schullogo: darin eine Gratulation des Landrats und eine „Woidcard“. Das ist eine USB-Speicherkarte als Visitenkarte der Region: In der Präsentation informiert der Regionalmanager über berufliche Möglichkeiten und Angebote. Darauf sind Kontaktdaten von Persönlichkeiten und Institutionen mit digitaler Übersicht über Unternehmen der Region.

BSZ Und was stellen Sie an, um ehemalige Schüler zurückzuholen?
Gruber 40 Jahre Aderlass an qualifizierter Jugend sind nicht mehr rückgängig zu machen. Wir haben mühsam über Schulen und andere Quellen die aktuellen Adressen der meisten Absolventen aus den letzten fünf Jahren zusammengetragen. Über verschiedene Kanäle wurden so viele Ehemalige aus dem Landkreis kontaktiert und mittels Online-Fragebögen über das jetzige Studium oder den bisherigen beruflichen Werdegang befragt. Neben statistischen Daten hinterlassen alle, die teilnehmen, ihre E-Mail-Adresse und erhalten auf Wunsch unsere Woid-News.

BSZ Was ist das denn?
Gruber Ein monatlicher Newsletter der Region. Darin werden derzeit 1000 Bezieher über aktuelles Geschehen im Landkreis, über Arbeitsplatz- und Wohnraumangebote, sowie über Freizeiteinrichtungen oder Feste informiert. Wir schnüren ein Paket aus allem, was zur Arbeits- und Lebensqualität junger Familiengründer wichtig ist. Motto: „Wie schön es bei uns ist, wissen Sie und was hier los ist, erfahren Sie.“
(Interview: Hannes Burger)

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