Kommunales

Oft bleiben Tiefgaragen-Parkplätze in Wohnhäusern ungenutzt, trotzdem müssen sie gebaut werden. (Foto: Getty)

09.11.2012

Wohnraum statt Parkraum

Wien macht es München vor: Ohne Stellplatzschlüssel könnten auch in teuren Großstädten mehr bezahlbare Unterkünfte entstehen

Wohnplätze statt Parkplätze fordern Umweltverbände und die Grünen in München. Doch solange in Bayern gesetzlich für jede Wohnung ein Autostellplatz geschaffen werden muss, wird eine Nachverdichtung in Ballungsräumen des Freistaats schwer. Ein Modellprojekt in Wien zeigt, was Bewohnern beim Verzicht auf Tiefgaragen blüht – nämlich Dachterrassen, kostenlose Bahntickets oder etwa Kindergärten. Die Initiative „Wohnen ohne Auto“ vom Umweltverband Greencity kämpft seit 1995 für eine Reduzierung dieses Stellplatzschlüssels und bekommt aufgrund des immer knapper werdenden Wohnraums in München zunehmend Aufwind. Weshalb eine nachhaltige Stadtentwicklung dringend vorangetrieben werden sollte, bringt der Bereichsleiter für Projektentwicklung der Wohnungsbaugesellschaft Gewofag auf den Punkt: „In unseren 37 000 Wohneinheiten sind 50 Prozent der Parkplätze ungenutzt“, erklärt Götz Keßler. „Trotzdem müssen wir weiter Tiefgaragen zu immensen Kosten bauen und die leerstehenden für mehrere Millionen Euro sanieren.“ Dieses Geld würde er bei einer Fahrradquote von derzeit 18 Prozent in der Landeshauptstadt lieber in zusätzliche Radstellplätze oder neue Unterkünfte investieren.
Wie Städteplaner in anderen Ländern auf diesen Trend reagieren, zeigt ein Projekt in Österreich. In Wien wurde im Jahr 2000 die „Autofreie Mustersiedlung“ erbaut, in der nur jede zehnte Wohnung einen Parkplatz zur Verfügung hat. Trotz dieser Entscheidung gab es innerhalb weniger Tage 10 000 Bewerber auf die 250 Wohnstätten. Um dennoch mobil zu sein, werden den Anwohnern E-Bikes, kostenlose Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr und vom Bauträger subventioniertes Carsharing angeboten. Inzwischen hat die Wohnanlage einen Radverkehrsanteil von 56 Prozent. Durch den Verzicht auf eine Tiefgarage wurden beim Bau 8000 Euro pro Stellplatz gespart. Dieses Geld konnte im Gegenzug für einen Kindergarten, eine Sauna, einen Fitnessraum, eine Waschküche oder einen Gemeinschaftsraum verwendet werden. „Die intensive Nachbarschaft hat sich auch beim Nachwuchs bewährt“, versichert Christoph Chorherr von den Grünen im Wiener Stadtrat. Mittlerweile seien die Behausungen sogar zu klein, weil viele Familien vier bis fünf Kinder hätten.
Die Stadt München ist offen für eine entsprechende Neuregelung, besteht allerdings auf ein nachhaltiges Gesamtkonzept für eine ausgewogene Mischung zwischen Mobilität und Siedlungsbau. „Eine Nachverdichtung ist nur mit einer Kombination aus Fuß-, Rad- und Autoverkehr möglich“, konkretisiert Horst Mentz vom Referat für Stadtplanung und Bauordnung. Er verweist auf den Prinz-Eugen-Park im Nordwesten der Metropole, in dem ein Viertel der 1600 Apartments autoreduziert und nach ökologischen Kriterien gebaut wurden. Die Wohnungsgenossenschaft Wogeno konnte bei ihren Bauvorhaben durch Carsharing, E-Bikes und temporäre Parkplätze die Stellplatzquote auf unter 0,5 pro Wohneinheit verringern. „Die Vermarktbarkeit dieser Domizile ist auch in München kein Problem“, betont Christian Stupka. Lediglich die Münchner Verkehrsgesellschaft hinkt bei vergünstigten Bahntickets weit hinterher.
Während in Wien aktuell über eine dauerhafte Begrenzung des Stellplatzschlüssels diskutiert wird, finden im Münchner Stadtrat zu dem Thema frühestens 2013 erste Gespräche statt. Chorherr plagen derweil bereits neue Sorgen: Die 600 Fahrradstellplätze in den Neubausiedlungen reichen nicht mehr aus und die Fahrstühle sind für die Radlanhänger nicht groß genug. Eine Erklärung, warum sich diese Wohnkonzepte trotz des Erfolgs nicht durchsetzen, liegt für ihn bei den Stadtplanern. „Diese sind alle über 50, gehören damit zur höchstmotorisierten Altersgruppe überhaupt“, glaubt Chorherr. Wenn aber Bauträgern tatsächlich ein erfolgsversprechendes Prestigeprojekt ohne Autos präsentiert würde, wären diese häufig gar nicht abgeneigt.
Paul Bickelbacher von den Grünen im Münchner Stadtrat fordert daher mehr Ausnahmeregelungen von der Landeshauptstadt. „Eine innerstädtische Nachverdichtung ist sonst bei einem Parkplatz pro Wohnung nicht möglich“, verdeutlicht er. „Auf den Stadtteil kommt es bei der Errichtung fahrradfreundlicher Gebäude nicht an“, ist Städteplanerin Ingried Krau überzeugt. Ihrer Meinung nach brauche es im autoproduzierenden München einen Mentalitätswandel und radaffine, tolerante und kreative junge Leute als treibende Kraft, um eine Entwicklung in Gang zu setzen. „Autos stehen zu 98 Prozent der Zeit bloß rum“, ergänzt Chorherr zum Schluss. „Nur weil Menschen hin und wieder gerne ein Bier trinken, kaufen sie sich doch auch noch lang kein Wirtshaus.“
(David Lohmann)

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