Kommunales

13.08.2010

Zu viel Abenteuer für die Grenzregion

Der geplante Aventura-Erlebnispark in Kiefersfelden wäre wirtschaftlich ein Gewinn – doch viele andere Kommunen sind dagegen

Aus der Luft betrachtet liest sich das Arreal wie ein überdimensionales, leuchtend rotes X, hingeworfen auf eine grüne Wiese unmittelbar an der bayerisch-tirolerischen Grenze. Dort, auf einem gut drei Hektar großen Areal neben der Inntalautobahn, will die Unterberger Liegenschaftsentwicklung aus Kufstein mit dem „Aventura Kiefersfelden“ (auf deutsch Abenteuer) ein multifunktionales Einkaufs- und Erlebniscenter mit Schwerpunkt Outdoor Sport schaffen. Das hat es in dieser Form und Kombination bislang in ganz Deutschland nicht gegeben. „Davon profitiert letztlich die gesamte Region“, wirft sich Projektleiter Hans Lindenberger rhetorisch in die Brust.
Das 40-Millionen-Euro-Projekt soll der gebeutelten Grenzgemeinde Kiefersfelden mehr als 200 neue Arbeitsplätze bescheren. Doch fast alle benachbarten Gemeinden machen, ebenso wie die Stadt Rosenheim, im Raumordnungsverfahren gegen das riesige Vorhaben Front. Sie fürchten um ihre gewachsenen Einzelhandelsstrukturen.
Auf knapp 16 500 Quadratmetern sollen sich „im Zentrum eines der größten Outdoor-Sportgebiete der Alpen und Voralpen“ dem Exposé zufolge Sportshops, eine Eventhalle, ein 80-Zimmer-Hotel, Schau-Manufakturen inklusive Gastronomie und eine Kindererlebniswelt ansiedeln. Das Vorbild stammt aus den USA, wo solche Hallen sogar noch Arztpraxen und Kinos bieten. Besucher könnten beispielsweise Ausrüstungsgegenstände testen, sich in neuen Sportarten versuchen oder die Herstellung von Skiern miterleben.

Den Tourismus ankurbeln

Vor allem würde das umstrittene Vorhaben den Tourismus kräftig ankurbeln, ist Lindenberger überzeugt. Schließlich brausen Tag für Tag durchschnittlich 43 000 Autos und damit zahlreiche potenzielle Kunden auf der Nord-Süd-Achse A 93 direkt an der Autobahnausfahrt vorbei. Knapp sechs Millionen Menschen könnten binnen 90 Autominuten die Anlage erreichen, für die unter anderem 640 Pkw-Stellplätze vorgesehen sind. Bis zu 900 000 Besucher aus ganz Europa sollen ab 2012 jährlich in das viergeschossige Gebäude mit der markanten Architektur strömen, das an seiner höchsten Stelle 23 Meter misst. Soweit die Vorteile.
Zweifelhaft ist, ob die Planung die rechtlichen Hürden nimmt. Denn viele Bürgermeister umliegender Kommunen sehen die geplante Freizeit- und Verkaufsanlage als direkte Konkurrenz zu ihren Geschäften. Dass „Aventura“ durchaus seine Spuren im regionalen Einzelhandel hinterlassen wird, prognostiziert sogar eine Studie, die Investor Lindenberger von der GfK Geomarketing-Marktforschungsgesellschaft in Nürnberg anfertigen lassen hat. Von erhöhtem Wettbewerbsdruck, Marktbereinigungen und nicht auszuschließender bis starker Gefährdung ist dort die Rede. Die meisten Kommunen haben sich deshalb gegen die Ansiedlung im Unterzentrum Kiefersfelden ausgesprochen. „Das Vorhaben und vor allem die Einzelhandelsflächen widersprechen insgesamt den Zielen der Landes- und Regionalplanung“, heißt es in der Stellungnahme der Stadt Rosenheim, die acht der neun Gemeinden im SUR (Stadt-Umlandbereich-Rosenheim)-Verbund mittragen.
Der angesichts der „enormen Verkaufsflächen“ zu erwartende Einzugsbereich übersteige bei Weitem die landesplanerischen Vorgaben für ein Unterzentrum; dort soll „die Bevölkerung größerer Nahbereiche mit Gütern und Dienstleistungen des Grundbedarfs versorgt werden“. Bei „Aventura“ jedoch stehe zu befürchten, dass das angepriesene Freizeit- zum Einkaufscenter mit hochwertigem Sortiment gerate; diese wiederum sollten aber vor allem in den Innenstädten von Mittel- und Oberzentren angesiedelt werden.
Kritisch verfolgt beispielsweise Konrad Irlbacher, einer der im Fall des Falles besonders stark betroffenen Einzelhändler, die Planungen. 1992 hat sich der Geschäftsmann in der Inntalgemeinde Raubling mit einem Sportgeschäft angesiedelt; auf rund 2000 Quadratmetern werden sowohl Fahrräder als auch Sportbekleidung und -zubehör angeboten. An die Wirtschaftlichkeit der propagierten Erlebniswelt in Kiefersfelden mag Irlbacher nicht recht glauben. „Das kann nicht funktionieren.“ Er befürchtet, dass sich dort „durch die Hintertür“ ein Outlet-Center etabliere, an dem der ortsansässige Fachhandel „letztlich zugrunde“ gehe.
Eine „Riesenbedeutung“ – wen wundert’s – misst dagegen Kiefersfeldens Bürgermeister Erwin Rinner (CSU) dem Vorhaben bei, das der Gemeinde neben Arbeitsplätzen auch eine neue Gewerbesteuerquelle bescheren würde. Der Ort hat zuletzt gelitten. Hier ist in den vergangenen Jahren mit der Auflassung des Autobahnzollamts, der Schließung des Zementwerk- und des Marmorwerks etwa die Hälfte der vormals 2000 Arbeitsplätze weggebrochen. Die Wirtschaftskraft der 7000-Einwohner-Gemeinde hat stark gelitten. Jetzt liegt alles Weitere bei der Regierung von Oberbayern, die das Raumordnungsverfahren bei ihrer landesplanerischen Beurteilung begutachten muss. (Marisa Pilger)

 

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