Kultur

Schauspieler hinter Charaktermasken: Çigdem Teke, Christian Löber und Walter Hess. (Foto: Ju/Ostkreuz)

05.12.2014

Abgründige Komik

"Warum läuft Herr R. Amok?" an den Münchner Kammerspielen gehört zum Besten, was man derzeit am Theater sehen kann

Nur so ist Theater heute noch erträglich. So extrem künstlich und stilisiert. Als wär’s ein Gegenentwurf zum kitschigen Pseudonaturalismus Hollywoods. Da ist Susanne Kennedy, „Nachwuchsregisseurin des Jahres“, einmal mehr ein Geniestreich gelungen an den Münchner Kammerspielen. Schon das Bühnenbild (Lena Newton), ein rundum naturholzverkleideter Guckkasten, ein industriell gefertigtes Zirbelstüberl des Grauens gibt Antwort auf die Frage des Stücktitels: Warum läuft Herr R. Amok? So heißt auch ein Film von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler aus dem Jahr 1970.
Die Bühnenfassung zeigt banale Szenen aus dem Familien- und Berufsalltag des Angestellten R.; Es geht um Beförderungen, Arztbesuche, die Elternsprechstunde: „Das ist immer wichtig bei Kindern, dass sie geschult werden im mündlichen Ausdruck und so weiter“, faselt die Lehrerin, weil der kleine Amadeus halt nicht so mitkommt in der Schule, was wiederum die tratschenden Nachbarn freut. Kein Wunder, dass in dieser Welt, wo jeder seinen Vorteil aus dem Nachteil anderer zieht, der unauffällige Herr R. am Ende Frau, Kind und Nachbarin killt.
Die untergründige Dauerspannung einer gewaltsamen Konkurrenzgesellschaft macht die Aufführung körperlich spürbar: Sprechen die Schauspieler live? Oder bewegen sie nur die Lippen, indes ihre Sätze – lauter Floskelkonserven – vom Band kommen? Und sind überhaupt die Stimmen der Akteure zu hören oder diejenigen anonymer Sprecher?
Aber Personen, Individuen sieht man hier sowieso nicht, sondern „Charaktermasken“: Die großartigen Schauspieler (Walter Hess, Christian Löber, Anna Maria Sturm, Edmund Telgenkämper, Çigdem Teke) tragen Latexmasken mit starrem Gesichtsausdruck und ruckeln und zuckeln wie Puppen, wie ferngesteuerte Automaten.
Dazu werden Geräusche (Schlucken, Blumengießen) extrem „vergrößert“ eingespielt, während die Akteure die zugehörigen Tätigkeiten vollführen. Das verstärkt den Eindruck einer unzusammenhängenden, zersplitterten Wirklichkeit, den schon das fragmentarische Gestammel der Figuren erzeugt: „irgendwie isses dass man nicht mehr lügen soll und so.“
Plastischer kann man Entfremdung nicht darstellen. Aber die Inszenierung bleibt nicht beim Soziogramm seelenamputierter Massen stehen. Denn auch diese gesellschaftskritische Botschaft ist längst zum Topos verschliffen, zum beruhigenden Surrogat verlorener Authentizität. Darum weitet die Regisseurin ihren Verfremdungszauber auf den politischen Gehalt des Stücks selbst aus. Aus dieser doppelten Brechung speist sich die so eindringliche wie abgründige Komik der Aufführung, die zum Witzigsten und zum Besten gehört, was man derzeit am Theater sehen kann. (Alexander Altmann)

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