Kultur

Getrennt stranden, zusammen heimkehren? Wenn die Utensilien für einen gemeinsamen Kurs so unglücklich verteilt sind, wird’s schwierig (für das ökumenische Miteinander). Karikatur von Gerhard Mester.

07.05.2010

Ach du lieber Gott!

Karikaturenausstellung zu Ökumene und Kirche in Bamberg

Im Klinikum Bamberg sind Karikaturenausstellungen zu brisanten oder zumindest aktuellen Themen seit einigen Jahren Tradition. Das hat einen einfachen Grund, und den kann man in den Kellern der Pathologie personifiziert antreffen: Gerhard Seitz, der sich von Berufs wegen mit allerlei histologischen Absonderlichkeiten beschäftigen muss, ist ein passionierter Karikaturenfreund und initiiert mit seinem Professorenkollegen Walther Keim regelmäßig thematisch orientierte Ausstellungen auf diesem Gebiet. Jüngstes Kind der beiden ist eine im Vorfeld des ökumenischen Kirchentages besorgte Karikaturenschau unter dem Motto "Ach du lieber Gott", die zwar den Komplex Ökumene fokussiert, sich aber ebenso mit der problematischen Situation der Kirchen ganz allgemein beschäftigt. Sie wird auch auf dem Münchner Kirchentag zu sehen sein – freilich klammert sie die jüngsten Geschehnisse aus, die wären wohl zu heikel gewesen. Umso wichtiger war und ist es, den Befindlichkeiten jenes kirchlichen Annäherungsprojekts, das seit jeher auf die Bezeichnung Ökumene hört, zeitnah auf den Grund zu gehen, will heißen: seine Unvereinbarkeiten und vergebenen Chancenverwertungen ebenso zu ergründen, wie banale Missverständnisse zu beleuchten. Der Schlüssel dazu ist bekanntlich nicht so leicht zu finden, und deshalb firmiert die Ausstellung schon in der plakativen Ankündigung unter einer Karikatur, in der die „Schlüsselfrage“ thematisiert wird. Diese Titelkarikatur wirkt in ihrer Leichtverständlichkeit sehr überzeugend, denn sie zeigt zwei Geistliche im jeweiligen konfessionellen Habit, die sich mit unterschiedlichen Schlüsseln bemühen, eine Tür zu öffnen. Doch offenkundig passt keiner von ihnen, weshalb der Fußboden von den bereits vergeblich benutzten Schlüsseln übersät ist. Die Zeichnung des Künstlers Nel (Pseudonym von Ioan Cozacu) ist auf den ersten Blick so unmittelbar einleuchtend, dass man ihr schon deshalb misstrauen muss. Und in der Tat erhellt das genauere Hinsehen einen tiefgründigeren Aspekt: Die Tür besitzt nämlich kein Schloss, es gibt also auch nichts aufzuschließen. Das nimmt kaum Wunder, könnte die Botschaft lauten, denn die Differenzen zwischen den Konfessionen nehmen sich eigentlich minimal aus angesichts der großen Gemeinsamkeiten. Beruht die Notwendigkeit von Ökumene insofern auf einem fundamentalen Missverständnis, hervorgerufen durch Kirchenvertreter, die Trennendes (wie das Abendmahlsverständnis) betonen und das Gemeinsame ausblenden? Apropos Sakramente: Christiane Pfohlmann lässt eine Wirtshausbedienung zu zwei konfessionsverschiedenen und an getrennten Tischen essenden Pfarrern auf gut Fränkisch sagen: „Gemeinsams Oomdmoohl? Ihr schaffds ja nuch ned amoll zum Oomdessn zamm o an Disch!!!“ Von derselben Karikaturistin stammt auch einer jener unvermeidlichen Kalauer, den die lautliche Ähnlichkeit von ökologisch/ökonomisch/ökumenisch bereit hält: „Alles aus ökumenischem Anbau“, preist eine Bamberger Marktfrau ihre Produkte an, freilich mit geringen Verkaufschancen in der erzkatholischen Domstadt. Wenn es um das liebe und rarer werdende Geld geht, macht die zunehmende Not erfinderisch: Ein angesichts leerer Kirchen grübelnder Pfarrer mahnt ein „Konjunkturprogramm gegen die Glaubenskrise“ an, ein anderer schlägt zur Sanierung der Finanzen gar eine „Heidensteuer“ vor. Auf die ökumenische Verschlafenheit gewisser Teile des Klerus und den Konkurrenzdruck durch andere Religionen spielt eine Karikatur an, der zwei aus ihren Kirchtürmen herausschauende Pfarrer lakonisch feststellen lässt: „Jetzt wo sich der Islam so im Vormarsch befindet, könnten wir allmählich mit der Ökumene beginnen.“ Soll das heißen, dass Ökumene nur als Zusammenrücken in der Defensive funktioniert? Die multikulturellen und -religiösen Zukunftsaussichten für das Abendland fasst Johann Mayr unter dem Motto „Kirchenreform 2079“ in einer Karikatur zusammen, die eine bunte Familientruppe auf dem römischen Petersplatz zeigt. Kommentar: „Papst Kemal II. lässt seinen dritten Sohn Martin Luther tibetanisch taufen“. Ökumene ist Opium Angesichts solcher Zumutungen für Traditionalisten wird sich mancher fragen, ob nicht doch jenen beiden Hardlinern zuzustimmen ist, die auf einer Zeichnung Nels dem ausgelassen die Gemeinschaft feiernden Kirchenvolk zuschauen und entsetzt urteilen: „Ökumene ist Opium für das Volk.“ Immerhin haben sich auf dem Weg zum Ökumenischen Kirchentag in München Frankens evangelisch-lutherische Kirchenkreise und das Erzbistum Bamberg zusammengetan, um nach dem überwältigenden Erfolg der Karikaturenausstellung Um Himmels Willen anlässlich des 1000-jährigen Bistumsjubiläums (2007) nun auch einen kritisch-ironischen Blick auf das kriselnde Miteinander der beiden großen Kirchen zu werfen. Wer die sehenswerte Ausstellung weder in Bamberg noch in München sehen kann, sollte sich die Karikaturen über den ausgezeichneten Katalog zu Gemüte führen.

(Martin Köhl)

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