Kultur

Mit schwerem Gerät wird der nur noch scheinbar unberührten Bergwelt zugesetzt. Szene aus August Plugfelders HFF-Abschlussfilm "Schnee".

27.04.2012

Albträume in den Alpen

Ein Dokumentarfilm zeigt die Mechanismen des Massentourismus am Beispiel des Wintersports

Die Kamera zoomt auf ein Schild an der Seilbahn: „Wasser ist Schnee von gestern.“ Wenige Einstellungen später wandert das Zuschauerauge hin und her zwischen Wandfoto mit nacktem Playgirl und jungem Mann im Kontrollraum, der für Kunstschnee auf den Pisten zuständig ist. „Von Frau Holle brauchen wir keinen Schnee“, sagt der Tiroler stolz, „wir machen ihn selber.“ Und überhaupt: „Der Kunstschnee ist besser.“ Im Schnitt werden im Skigebiet Pitztaler Gletscher in Tirol pro Saison 800 000 Kubikmeter Wasser verschneit.
Welchen Preis die Natur dafür bezahlt, dass immer mehr Touristen immer bequemer und schneller in Gletscherregionen vordringen, zeigt August Plugfelder am Beispiel der Pitztaler Alpen, wo Bergwände gegen Steinschlag gesichert werden und Skilifte aufgrund des zurückgehenden Gletschers versetzt werden. Alpenträume mutieren hier zu Albträumen.
Sein bildgewaltiger 75-Minuten-Film Schnee über unsere fun-tastische Alpenwelt ist Plugfelders Abschlussfilm an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film – der Nachwuchsregisseur ist in Prien am Chiemsee sozusagen mit den Alpen vor der Haustüre aufgewachsen. „Seit vielen Jahren beobachte ich die Entwicklungen in den Alpen“, sagt der junge Filmemacher, „und sehe mit Besorgnis, dass sich kaum jemand daran zu stören scheint, dass der Schnee nicht mehr vom Himmel fällt, sondern aus der Schneekanone kommt“.
Gleich in den ersten Einstellungen seiner poetischen Reflexion über das zwiespältige Verhältnis zwischen Mensch und Natur manifestiert sich sein künstlerischer Blick, der unter anderem auch an der Pariser Ecole des Beaux-Arts geschult wurde. Wie aneinander gereihte Filmstills präsentiert er die majestätische Kulisse einer vermeintlich heilen Bergwelt: die Alpen in ihrer weißen Schneepracht, noch unberührt am Morgen – das atmet den Hauch von Ewigkeit. Mit hartem Schnitt wechselt die Perspektive: Schneeraupen, Schneekanonen und die für den ganzen Skizirkus mit Brachialgewalt hin geklotzte Architektur der Berg- und Talstation – dazu die akustische Berieselung mit Popmusik. Der Zauber einer Bergwelt, der immer weniger Ruhezeit gegönnt wird, kontrastiert mit Bildern einer auf Wachstum angelegten Mega-Eventkultur, in der Bequemlichkeit, Innovation und Investition oberste Priorität haben. Was mit diesem Umbau der Alpen zerstört wird, holt sich die Hotelbranche versatzstückartig zurück: mit idyllischen Pseudoeinbauten wie Tiroler Holzhütten und Felspanoramen aus Pappmaché im Wohlfühltempel.
Der Film hinterfragt die Mechanismen dieser sich verselbständigenden alpinen Wintersportindustrie jedoch ohne schulmeisterlichen Fingerzeig. Plugfelders stille und eindrucksvolle Bilder sind von derartiger Ausdruckskraft, dass es nur weniger Kommentare und Bonmots seiner Protagonisten bedarf. Seine Premiere feiert der Film in München auf dem 27. Internationalen Dokumentarfilmfestival vom 2. bis zum 9. Mai in der Reihe „Dok.special“.  (Angelika Irgens-Defregger)

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