Kultur

Im Oberstübchen haust das Grauen: Was geht da nur mit Gregor Samsa (Jens Atzorn) vor sich? Schwester Grete (Friederike Ott, links) und Mutter (Ulrike Willenbacher) staunen nicht schlecht. (Foto: Matthias Horn)

14.12.2012

Alien aus der Arbeitswelt

Franz Kafkas "Verwandlung" im Münchner Cuvilliéstheater als bitter-schwarzhumorige Tragödie

Irgendwas stimmt nicht im Oberstübchen: Es ist um 90 Grad gekippt, so dass das Bett an der Wand steht und das Fenster in der Decke sitzt. Ganz klar, hier haust das Grauen, denn hier hat Gregor Samsa sein Zimmer, der traurige Held aus Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung, der sich eines Morgens in eine Art Käfer mutiert sieht.
Auf der Bühne des Münchner Cuvilliéstheaters, wo der isländische Regisseur Gísli Örn Gardarsson diesen berühmten Prosatext in ein Drama verwandelt hat, liegt unter Gregors Zimmer, im Parterre, die idealtypische Biedermann-Wohnstube: mit Mustertapete, Lehnsessel und Ahnenbild, fast als solle hier gleich ein Ludwig-Thoma-Schwank aufgeführt werden.
Aber weit gefehlt! Denn Jens Atzorn als Gregor, das Insekt, kraxelt in dieser Gruselpuppenstube zirkusreif und käferhaft umständlich an Wänden und Treppen herum. Manchmal hängt dieses Entfremdungs-Monster auch Kopfüber von der Decke ohne dabei Anzug und Krawatte abzulegen – ein Alien aus der Arbeitswelt.
Gardarsson inszeniert Die Verwandlung als bitter-schwarzhumorige Tragödie des Kleinbürgertums. Die hier geschilderte Angst vor sozialer Deklassierung, der daraus resultierende Anpassungs- und Leistungsdruck lässt diese 1912 geschriebene Geschichte brennend aktuell erscheinen in Zeiten, da die stetige Drohkulisse von Hartz IV ihre segensreiche Wirkung entfaltet.
Im Mittelpunkt steht also weniger Gregor Samsa, sondern seine Familie, die er mit seinem nicht sonderlich sicheren („prekären“), aber verschleißenden Job als Textilienvertreter ernähren muss, nachdem der Vater mit seinem Geschäft pleite ging und auf Schulden hockt.

Gesten der Würde

Gregors Verwandlung wäre somit nur das Symbol für sein „Versagen“, für die plötzliche Unfähigkeit des Überforderten, seinen Pflichten als Funktionierer gerecht zu werden. Und die Erniedrigung, also die Verwandlung der gesellschaftlichen Stellung, folgt auf dem Fuß: Die Familie muss untervermieten und dienert subaltern vor ihrem schneidigen Zimmerherrn (Arthur Klemt). Außerdem nimmt nicht nur Vater einen Job an, auch Mutter stopft für reiche Leute Strümpfe, und die Schwester Gregors arbeitet im Kaufhaus, statt Musik zu studieren – eine ziemliche Schande in Zeiten, da man noch wusste, dass das Arbeiter- und Angestelltendasein selten die angeblich erstrebenswerte Selbstverwirklichung ist, als die es uns heute verkauft wird.
Mit ihren wunderbar künstlichen, übertriebenen Gesten der Würde entlarven Vater (Gerhard Peilstein), Mutter (Ulrike Willenbacher) und Schwester (Friederike Ott) daher nicht nur ihren verzweifelten Versuch, durch forcierte Förmlichkeit eine längst bedrohte Form zu wahren; sie sorgen auch als dezente Karikaturen gerade für soviel Komik wie nötig ist, den gellend-stummen Schrecken, der sich dahinter verbirgt, um so beklemmender wirken zu lassen.
Die radikale Unerträglichkeitserfahrung, die Kafkas Prosatext vermittelt, ist auf der Bühne zwar nicht imitierbar, und ob die Aufführung im Cuvilliéstheater nun eher Wandelanleihe oder theatrale Anverwandlung ist, sei dahingestellt. Gute Nerven braucht man dennoch für diesen schauerlich komischen, präzise erschreckenden Theaterabend.
(Alexander Altmann)

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