Kultur

Al-Qazwinis Zeichnung stammt aus dem 13. Jahrhundert. (Repro: Archiv)

10.09.2010

Allahs Wunder der Schöpfung

Die Geschichte der großen Islam-Ausstellungen in München

Im Jahr 1910 öffnete die Ausstellung „Meisterwerke muhammedanischer Kunst“ ihre Pforten in dem erst zwei Jahre zuvor fertig- gestellten Münchner Ausstellungspark auf der Theresienhöhe. Die Schau wurde ein überwältigender Erfolg und galt als „Kulturtat Münchens im Jahre 1910 schlechthin“. Rund 3600 Exponate konnte man bestaunen. Es war die größte und umfangreichste Ausstellung, die je zur Kunst des islamischen Kulturkreises gezeigt wurde und gilt als Meilenstein in der Rezeption und Erforschung islamischer Kunst im Westen. Der dreibändige Katalog dient bis heute als Nachschlagewerk. Zwei Besucher unter den vielen hunderttausenden, die jungen Maler Wassily Kandinsky und Franz Marc, waren von der islamischen Kunst so beeindruckt, dass sie ihnen zum Richtwert wurde.
Hundert Jahre später wird an diese großartige Ausstellung erinnert: Das Haus der Kunst schlägt einen Bogen von der damaligen Bestandsaufnahme bis in die Moderne. Dreißig Exponate, die 1910 schon einmal zu sehen waren, werden erneut gezeigt: Teppiche, Vasen, Gebrauchsgegenstände und illuminierte Handschriften, eine Streitaxt und andere historische Objekte aus namhaften Sammlungen. Zusammen mit Werken zeitgenössischer Künstler werden sie ab dem 17. September (bis 9. Januar) präsentiert. Ab 22. Oktober (bis 20. Februar) folgt eine weitere Ausstellung im Völkerkundemuseum, die die Schönheit der arabischen Schrift von der Frühzeit des Islam bis ins 21. Jahrhundert vor Augen führen will.
Im Kontext der epochalen Ausstellung von 1910 veranstaltete die damals noch Königliche Hof- und Staatsbibliothek im Fürstensaal mit 262 Exponaten die erste große Ausstellung ihrer orientalischen Handschriften. Wie vor einem Jahrhundert beteiligt sich die Bayerische Staatsbibliothek auch 2010 an der Ausstellungsreihe (16. September bis 5. Dezember). An die Tradition von 1910 anknüpfend, werden im Fürstensaal ausschließlich wertvolle Objekte gezeigt, die bereits damals ausgestellt waren, während in der Schatzkammer herausragende Neuerwerbungen späterer Zeit vorgestellt werden, darunter prachtvolle Koranhandschriften und Gebetbücher sowie illustrierte arabische, persische und türkische Handschriften.
Und dies ist nur eine kleine Auswahl aus dem umfangreichen Bestand. Als eine der weltweit bedeutendsten Universalbibliotheken hat die Bayerische Staatsbibliothek seit ihrer Gründung im Jahr 1558 eine umfangreiche Sammlung von 17 000 orientalischen und asiatischen Handschriften aufgebaut, darunter 3200 Handschriften aus dem islamischen Kulturkreis. Dass die islamischen Manuskripte der Staatsbibliothek heute zu den hochrangigen europäischen Sammlungen zählen, ist im Wesentlichen auf drei wichtige Erwerbsabschnitte zurückzuführen: auf die Übernahme der Bibliothek des Diplomaten und Orientalisten Johann Albrecht Widmanstetter im Jahr 1558, auf den Ankauf der Sammlung des französischen Orientalisten Étienne-Marc Quatremère 1858 und auf gezielte Erwerbungen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts.
Mit zu den herausragenden Werken zählt die Papierhandschrift Die Wunder der Schöpfung und die Merkwürdigkeiten der existierenden Dinge – auch bekannt als die „Kosmographie“ des Qazwini. Besagter Zakariya Ibn Muhammad al-Qazwini (1203 bis 1283) verfasste die Handschrift vermutlich im 13. Jahrhundert im Südirak. Sie gilt als die berühmteste islamische Kosmographie und war jahrhundertelang eines der meist gelesenen Bücher der islamischen Welt. Zahlreiche Handschriften zeugen davon. Das Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek ist die älteste erhaltene Handschrift der Kosmographie des Qazwini. Sie entstand 1280, drei Jahre vor dem Tod des Autors. Auf mehr als 400 Seiten enthält die Handschrift über 400 Miniaturen und Zeichnungen, darunter auch schematische Darstellungen der Planeten sowie Sternbilder und Engel; ein zweiter Teil ist der irdischen Welt mit Bergen, Flüssen, Seen, Meeren, Tieren, Pflanzen sowie seltsamen Wesen gewidmet.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen jedoch die Engel, die ungewöhnlich lebendig erscheinen. Die 1858 aus der Sammlung Quatremère erworbene Handschrift ist einer der Höhepunkte der Ausstellung und gab ihr sogar den Namen. Zusammen mit einer ganzen Reihe anderer Handschriften wurde sie im Rahmen der Ausstellung auch digitalisiert und kann nun weltweit am Computer betrachtet werden. Für die Dauer der Ausstellung selbst kann man sie als dreidimensionales Objekt im virtuellen Raum Seite für Seite durchblättern.
Hier ist bereits ein entscheidender Punkt sichtbar, wie sich Ausstellungsarchitektur und Art der Präsentation geändert haben. Neben der islamischen Kunst soll in den Ausstellungen auch die unterschiedliche Sichtweise darauf verdeutlicht werden, weswegen die Ausstellungsreihe, zu der ein umfangreiches Rahmenprogramm von verschiedenen Institutionen angeboten wird, auch den Titel „Changing Views“ erhielt.
Der Kinematograph war in der Ausstellung auf der Theresienhöhe anno 1910 noch eine Sensation, vor dessen gesundheitlichen Risiken gewarnt wurde, so ist dem Film hundert Jahre später neben Vorträgen und Lesungen ein breiter Raum eingeräumt. „Changing Views“ steht aber auch für den Versuch, Anstöße zu geben, erlernte Sichtweisen zu ändern und neue Blickwinkel zu entdecken. (Cornelia Oelwein)

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