Kultur

Rund drei Millionen Euro haben sich die Stadt Miltenberg und die Diözese Würzburg die Renovierung der Mildenburg und die Einrichtung des neuen Museums kosten lassen. (Foto: Freyeisen)

09.09.2011

Alt und Neu im spannenden Dialog

Miltenbergs neues Museum auf der Burg

In atemberaubend schöner Lage, hoch über dem Main und Miltenberg mit seiner Fachwerkidylle thront die Mildenburg. Über 30 Jahre war die Burg nur eine Ruine; man konnte durch das Dach in den Himmel schauen. Nun hat die unterfränkische Stadt die Burg renoviert und darin ein Museum errichtet.
Doch wer in dem alten Gemäuer mit Treppengiebel, Palas und Kemenate, umfriedet von einer wehrhaften Mauer und bewacht vom Bergfried aus roten Sandsteinquadern, Ritterromantik vermutet, liegt schief: In den ehemaligen Sitz der kurmainzischen Burggrafen, dessen Anfänge auf das frühe 13. Jahrhundert zurückgehen, ist die Moderne eingezogen. Die Kunstsammlungen der Diözese Würzburg eröffneten dort ein neues Museum in städtischer Trägerschaft. Auf Dauer.
Der Kunstreferent der Diözese, Jürgen Lenssen, setzt dort zeitgenössische Bildwerke aus seiner eigenen Sammlung, die er in eine Stiftung überführt hat, in einen spannenden Dialog mit Ikonen. 235 moderne Arbeiten, oft großformatig, auch mehrteilig, von Ernst Barlach, Joseph Beuys, Herbert Falken, Markus Fräger, Robert Höfling, Thomas Lange, Wolfgang Matheuer, Michael Morgner, Max Pechstein, Sigmar Polke, Rainer Stoltz, Michael Triegel, Werner Tübke, Ben Willikens und vielen anderen sind konfrontiert mit 211 Ikonen, darunter 27 auf Holz und über 180 rumänischen Hinterglasikonen.

Durchblicke und Ausblicke

Lenssens Konzept: Orthodoxe Ikonen sind für ihn die Vergegenwärtigung der Transzendenz. Das westliche Bildverständnis bemühe sich lediglich um eine Annäherung an das Unvorstellbare. Damit soll sich der Betrachter nun eingehender auseinandersetzen.
Im Museum sind die Ikonen auf Holz in blattvergoldeten Kästen besonders hervorgehoben; darüber ist eine passende Überschrift angebracht, quasi als Motto für jeden Raum, etwa „suchen nach dem, was wahr ist“ über einer Ikone mit Taufe und Predigt des Johannes. Dazu sind passende moderne Bilder gehängt, meist ohne „religiösen“ Inhalt. Sie verweisen auf ähnliche Inhalte und Fragestellungen. Durch die Nähe zu einem bestimmten Thema gewinnen die modernen Bilder oder plastischen Werke eine Art gedanklichen Fokus, unter dem sie gesehen werden können, ohne dass die Deutung eingeengt wird. In den perfekt renovierten Räumen wirken sie zudem sehr eindrucksvoll.
Die Wahrnehmung des Besuchers richtet sich beim Rundgang durch das Museum aber automatisch auch auf die historische Burgarchitektur. Denn von überallher ermöglichen Räume und Fenster Durchblicke und Ausblicke. So ist der Besucher immer schon gespannt auf das nächste „Gelass“. Er durchquert gotische Pförtchen oder einen Gang, macht halt in einem Kamin- oder Erkerzimmer, bewundert Stuck an der Decke, durchschreitet den Rittersaal oder erklimmt Treppen und sogar eine drei Stockwerke hohe Spindeltreppe. Behinderte erreichen alles über einen neu eingebauten Aufzug. Und stets verführen die hohen Fenster auch zu einem Blick hinaus und hinunter (besonders faszinierend vom Männer-WC aus).
Ganz oben, unter dem Dach, ist sogar Platz für eine schwerpunktmäßige Präsentation von Werken der Künstler, die unten, verteilt auf die Räume, zu sehen sind. Den Anfang macht nun Michael Morgner. Allerdings soll es keine Sonderausstellungen geben. Dafür ist das Gesamtkonzept nicht geeignet.
Programmatisch ist der Hinweis am Eingang: Dort hängt der Diogenes von Robert Höfling, verbunden mit der Mahnung, sich nicht auf das zu stützen, was man sich einbildet. Ob direkt daneben der seltsame Bischof am Stuhl (von Bernhard Apfel) ironisch gemeint ist? Fest steht, dass wir uns Bilder machen und versuchen, auf dem Weg über die Kunst Wirklichkeit zu erfassen.
Dass die Stadt Miltenberg einstimmig beschloss, die Sammlungen der Diözese in der Burg einziehen zu lassen, war ein mutiger und was das Ergebnis anlangt, gelungener Schritt. Denn nun erschließen sich neben den Kunstwerken auch die einzelnen Räume der Burg. Im „Rittersaal“ mit seinem eher dunklen Interieur im Stil des Historismus werden in Tischvitrinen kleine Plastiken und, freistehend, größere Magdalenen-Darstellungen präsentiert. Die bunten Hinterglasikonen, dicht an dicht gehängt, wirken vor den roten Wänden in drei Kabinetten, sparsam kontrastiert mit kleineren modernen Werken, besonders beeindruckend. Ansonsten aber sind die Räume hell gehalten. Und die Ikonen in ihren kostbar goldenen „Schreinen“ bilden gedankliche Haltepunkte. (Renate Freyeisen)

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