Kultur

Das Augsburger Ensemble versteht es, die Ängste der Bombennacht packend rüberzubringen (Eva Maria Keller, Eberhard Peiker, Ulrich Rechenbach, Tjark Bernau, Klaus Müller, Sarah Bonitz). (Foto: A. T. Schaefer)

21.02.2014

Anatomie eines Untergangs

Hans-Werner Kroesingers "Operation Big Week" sollte alljährlich am 25. Februar gespielt werden

"Big Week“ war die Bezeichnung der Alliierten für das Bombardement auf die deutsche Luftrüstungsindustrie Ende Februar 1944. Operation Big Week nennt Hans-Werner Kroesinger sein Dokumentarspiel, das er als Uraufführung an der Brechtbühne Augsburg selbst inszenierte: Darin geht es um die beiden Angriffe auf Augsburg am 25. Februar 1944, die große Teile der Stadt in ein Flammenmeer verwandelten und hunderte von Toten hinterließen.
Kroesinger verzichtet auf sensationsheischende Effekte, zitiert keine geifernden Nazi-Größen und schwingt auch nicht mit Brecht und anderen Zeitzeugen die Moral- oder Betroffenheitskeule. Sein Spiel bewegt sich im Rahmen einer tief bewegenden, schrecklichen Normalität – die jener Selbstverständlichkeit gleicht, mit der sich das deutsche Volk freiwillig den Händen selbstgewählter Tyrannen auslieferte und keineswegs zum Opfer finsterer Machenschaften dämonischer Mächte wurde.
Kroesingers Quellenmaterial stammt aus enthusiastischen Reden des technikbegeisterten Luftfahrtministers Hermann Göring, aus akribischen Beschreibungen der verheerenden Wirkung von Bomben verschiedenster Machart und Zerstörungskraft, aus zynisch peniblen Hinweisen für den sachgerechten Umgang mit „Phosphorbrandwunden“, „Luftschutzhandspritzen“, „Feuerpatschen“ und „Löschsandtüten“, aus schrecklich beamtendeutschen „Richtlinien für den Bestattungsakt nach Luftangriffen“ und vielem anderem mehr aus den Schreckenskammern des Kriegs.
Auch die Häftlinge der Augsburger KZ-Außenlager kommen zu Wort, die bei Messerschmitt zur Zwangsarbeit antreten mussten und bei Verweigerung oder Erschöpfung als Saboteure im Hinterhof gehenkt wurden.
Doch Autor und Regie belassen es nicht bei solchen Zitat-Collagen. Sie fügen immer wieder alltäglich komische Einsprengsel ein, die einem atemlos beklommenen Publikum als Verschnaufpausen verabreicht werden.
Eva Maria Keller, Klaus Müller und Eberhard Peiker repräsentieren die ältere Generation, die zumindest noch diffuse Erinnerungen an Krieg und Nachkrieg hat; Sarah Bonitz, Tjark Bernau und Ulrich Rechenbach stehen für ihre Kinder und Enkel, für die vor allem dieses zutiefst beeindruckende Stück geschrieben und gespielt wurde.
Die gedankliche, sprachliche und schauspielerische Präsenz des brillianten Augsburger Ensembles kann nicht hoch genug gelobt werden. Ein Gleiches gilt für das mit Flugzeugteilen und Blecheimern bestückte Bühnenbild von Rob Moonen, insbesondere für seinen diskreten, aber höchst effektvollen Umgang mit Videoeinspielungen. Operation Big Week sollte jeden 25. Februar gezeigt werden, zur Erleuchtung der Nachgeborenen.
(Hanspeter Plocher)

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