Kultur

Eine der Szenen mit überzeugendem Körperspiel liefern Paul Wolff-Plottegg und Michaela Steiger. (Foto: Andreas Pohlmann)

15.05.2015

Angst und Trieb im Dorf

"The Land" am Residenztheater zeigt, wie Theater und Tanz sich annähern

Der Tanz näherte sich mit Pina Bausch schon in den 70er Jahren dem Theater an – und dieses sucht nun neue Inspiration beim Tanz. In Kooperation mit der Münchner Dance-Biennale, die noch bis zu diesem Sonntag dauert, lud Residenztheater-Intendant Martin Ku(s)ej, offen für Grenzgänge – 1994 inszenierte er selbst ein Tanztheater –, die renommierte belgische Gruppe Peeping Tom von Gabriela Carrizo (Regie) und Franck Chartier (Bühne, mit Carrizo) ein, mit seinen Schauspielern ein Stück zu erarbeiten. Ein Wagnis. Dem begeisterten Applaus im Cuvilliéstheater nach war The Land jedoch ein Erfolg.
Für Carrizo und Chartier ist bei jeder Kreation der Raum der Ausgangspunkt, von dem aus sich dann, über Improvisationen mit den Akteuren, viele kurze Szenen entwickeln. Einem Gemälde des belgischen Malers Michael Borremans nachempfunden, erhebt sich auf der Bühne ein sanft welliger grüner Hügel, darauf Bäumchen und Bauernhäuschen. In dieser Miniaturlandschaft sieht man die Dörfler, wie sie ihrer Arbeit nachgehen: auf Knien Unkraut jäten, Holz hacken – hoch über ihnen aber gleich schon die ländliche Idylle störendes Hubschrauber-Gedröhn und das Vorbeidonnern von Zügen.

Szenen wie Filmschnitte

Es liegt eine lähmende Dumpfheit über dieser Dorfgemeinde, in der jeder stumm-geplagt vor sich hin rackert, auch etwas Bedrohliches lauert. Ein Pärchen, zwischen Begierde und Angst vor der eigenen Sexualität, wird wie von elektrischem Strom durchgeschüttelt. Der Man mit der Axt verfolgt eine junge Frau. Ein Halbwüchsiger macht einer wild zappelnden Gans den Garaus. Der Landausflug von Touristen endet mit der Trauer um die im Dorfteich ertrunkene Tochter.
Es gibt noch mehr solcher filmschnittartigen Szenen, auch im zweiten Teil, wo sich der Hügel durch herabgesenkte Wände zum Salon wandelt. Dort zelebriert eine städtische Gesellschaft den Aperitif. Ein verlaufenes aufgeregt tänzelndes Wild – die in jedem Moment wunderbar präsente Valery Tscheplanowa unter einer Wolldecke, gekrönt von einem Rehkopf – wird mit den Händen erlegt, der Kopf als Trophäe an der Wand befestigt.
Unsere Wahrnehmung, so Gabriela Carrizos These, neigt dazu, in verschiedene Richtungen abzudriften. Und so spinnt wohl jeder das konkret Wahrgenommene eigenmächtig weiter. Grundsätzlich suchen wir jedoch, selbst bei freiem Assoziieren, nach logischen Zusammenhängen, wollen verorten. Das durch Zufall an den Füßen verhakte, in einen ungewollten Slapstick-Pas-de-deux gezwungene Salon-Paar erinnert an Marx-Brothers-Clownerien, die düsteren Dorfszenen an Andrea Maria Schenkels auch verfilmten Tannöd-Roman. Und wenn die feine Gesellschaft gleich zu Beginn rundum Landschaftsbilder aufhängt, sich also die Natur ins Haus holt, erkennen wir die „mise en abîme“: Borremans „Bild im Bild“.

Blasse Wirkung

Ob Stadt oder Land, der Mensch, so, folgern wir, bleibt mit seinen Ängsten und Trieben, zwischen Liebe und Tod, immer der gleiche.
Carrizo hat sich viele Gedanken gemacht, und die Schauspieler haben sich voll auf dieses Sprach-lose Experiment eingelassen. Es gibt Szenen, in denen das Körperspiel überzeugt: wenn Paul Wolff-Plottegg mit der Axt hoch ausgreift, durch deren Gewicht hinterrücks stürzt und sich dann im Kampf mit der im Boden „festgepflanzten“ (Mord-)Waffe völlig hilflos verheddernd windet. Ein makaber-komischer Moment.
Insgesamt haben Carrizos Bilder aber nicht die Wirkkraft, die man von einem surrealen Körpertheater erwartet hätte. Eine erstmalige Auftragsarbeit für ein Staatstheater, mit kurzer Probenzeit obendrein, kann natürlich nicht so gelingen wie eine Produktion mit den eigenen lang eingespielten Tänzern. Bleibt der Trost, dass die Resi-Schauspieler von dieser Arbeit sicherlich profitiert haben. (Katrin Stegmeier)

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