Kultur

Der Lehrmeister und das vermeintliche Monster: Arthur Brauss als Mich und Moritz Katzmair in der Rolle des Wast. (Foto: Luisenburg Festspiele)

20.07.2012

Angst vorm "schiachen Vieh"

"Wast - Wohin?" von Felix Mitterer auf der Luisenburg

Schon vor den ersten Dialogen ist der Zuschauer bei der Felix-Mitterer-Premiere Wast – Wohin auf der Luisenburg verunsichert. Es soll ein Volksstück gegeben werden – doch keine alpenländischen Versatzstücke vom Geranienbalkon über Mistgabeln bis zum herzchenverzierten Klohäuserl sind zu sehen. Statt dessen zwei seltsame, schräg geschnittene und leicht ansteigende Spielpodien mit zunächst unerfindlichen Gitterrastern, dahinter die Granitfelsen, Tannenbäume und Steintreppen der Felsenbühne.
Auf dem hinteren Podium liegt unter einer rauen Decke versteckt ein menschliches Etwas, es kann sich sprachohnmächtig nur grunzend und quakend mitteilen: Wast, der mehrfach behinderte Teenager-Sohn der Bauernfamilie Staudinger. Als Nichtsnutz und Familienschande wird er von der Dorfgemeinschaft ferngehalten. Die Kommunikation mit den Eltern: der Vater schlägt brutal zu, die Mutter rettet sich in ein „Kind? A Straf Gottes is der!“
In diese Gefängniswelt tritt der alte Knecht Mich ein, der als Erntehelfer eingestellt werden soll. Er nimmt sich des „Monsters“ an, behandelt Wast als Menschen und nicht als „schiaches Vieh“ wie alle anderen. Wast zieht zu Mich, bekommt saubere Kleidung und anständiges Essen, er lernt sprechen, lesen und sogar schreiben – und Selbstbewusstsein.
Sein Mentor führt diesen Tiroler Kaspar Hauser unter die Menschen, nimmt ihn mit zum Dorfwirt. Doch dort bekommen sie Lokalverbot – aus Angst, die Urlaubsgäste könnten ausbleiben.
Dieses Zurückgeworfenwerden auf die beschränkte Welt führt just in dem Moment, in dem Wast den höchsten Grad seiner Selbstständigkeit erreicht hat, eher zufällig zu seinem Untergang. Als „gemeingefährlicher Kinderschänder“ soll er ins „Narrenhaus“ gebracht werden. Mich, der ihn verteidigt, wird im Kampf tödlich verletzt.
Am Ende sitzt Wast mutterseelenallein regungslos auf dem Boden der riesigen Naturbühne und wartet fragend und doch voller Hoffnung: „Kommt der Frühling?“
Regisseur Christoph Zauner hat mit Bühnenbildner Jörg Brombacher und Licht-Designer Norbert Chmel das Geschehen ganz in den Bühnenvordergrund verlegt. Die Gitterraster der Podien entpuppen sich als flexible Lichtquellen, die der Handlung eine distanzierende Irrealität verleihen. Die langen Pausen zwischen den Kurzszenen lassen Raum zum Nachdenken und zum Staunen über die famose schauspielerische Leistung von Moritz Katzmair (Wast) und Arthur Brauss (Mich), die ein spielstarkes Ensemble noch überstrahlen. Die größte Überraschung: Das sogenannte kritische Volksstück der Siebzigerjahre, verbunden mit den bayerischen Autoren Kroetz und Sperr, hat durch den Tiroler Felix Mitterer neues Leben bekommen. (Horst Pöhlmann)

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