Kultur

23.07.2010

Anmutiger Weibsteufel

Banale Optik dominiert die Festspiel-Neuinszenierung der „Schweigsamen Frau“ im Münchner Prinzregententheater

Die schweigsame Frau ist ein rarer Gast auf deutschen Bühnen. Gleich nach der Geburt in Dresden 1935 wurde sie wirklich zur schweigsamen Frau, stand doch an ihrer Wiege Stefan Zweig, weshalb ihr die Nazis den Mund verboten. Nach 1945 wagten nur wenige Opernhäuser – zu den ersten gehörte München 1947 – einen Tanz mit der aparten Dame. Dieser anmutige Weibsteufel, ihr angetrauter Erbschleicher und das Intrigantenbagage verlangen nämlich exquisite Sänger, und der orchestrale Part überfordert die Probenzeit der Tarifverträge.
Shakespeares Zeitgenosse Ben Jonson hat 1609 in The silent woman eine zynische Posse über einen lärmscheuen alten Sonderling geschrieben, den sein Neffe zur Erbschaftssicherung durch eine hinterfotzige Verkleidungskomödie von seinem Gelüst nach Ehe mit einer jungen schweigsamen Frau kuriert. Schon Stefan Zweig hat in seiner Nachdichtung Krasses gemildert, die jungen Leute zu einem wirklichen Liebespaar nobilitiert – und Richard Strauss veredelte musikalisch die Gestalten des Maskenspuks. Vor allem den genasführten Sir Morosus hat er mit tragischen Zügen des vereinsamenden Alterns, mit der Sehnsucht nach Jugend zu einem uns bewegenden Menschen gestaltet. Einen Rest Herzlosigkeit konnte er seiner „Komischen Oper“ nicht ersparen. Sie haftet nun einmal am Urthema des verhöhnten alten Mannes seit Plautus und Terenz.
Regisseur Barrie Kosky lässt sich von der Musik nicht stören, kümmert sich nicht um Psychogramme, sondern um Klamauk. Für seinen virtuosen Aktionismus reicht ihm im Münchner Prinzregententheater als Spielplatz ein Podest mit Liegestatt. Den Ausstattungsetat plündert Esther Bialas für aberwitzig aufwendige, auf Opern-, Varieté- und Filmgestalten anspielende Kostüme, in denen Choristen und Statisten emsig herumwuseln.
Dass die banale Optik den Abend dominiert, hat auch Kent Nagano zu verantworten. Er musiziert mit dem glänzenden Orchester, wie Strauss durchaus zu schätzen wusste, mit „Kopfgrütze“, Vivace-Brillanz und Transparenz. Die sprühenden Eulenspiegeleien sind seine Sache. Doch im atemberaubenden, dynamisch allzu diskreten Parlandostil verschenkt er auch die lyrischen Passagen, die Strauss mit besonderer Liebe gestaltet hat. Die Herzenstöne, die da in betörendem Wohlklang in Melodie, Harmonie und Instrumentalfarben aufklingen sollten, schlagen unter einem cooling blanket. Selbst Strauss-Skeptiker wie Adorno könnten hier kein „Schmalz“ schmecken; es war eher Becel als Butter.
Franz Hawlata hat sicher die Singkunst, aber nicht die vokale und gestalterische Fülle für Sir Morosus, den überdies das Unterhosen-freudige Regieteam eher als Maat denn als Admiral sieht. Diana Damrau, gesegneten Leibes, war bei aller Bewunderung ihrer bravourösen Leistung begreiflicherweise nicht in Hochform. Nicht beeinträchtigt war ihre Zielsicherheit weder bei Spitzentönen noch bei der Ummünzung der Hochzeitstorte in Wurfgeschosse. Toby Spence hat den tenoralen Schmelz für Morosus junior, Elena Tsallagova machte unter den gut besetzten Nebenrollen mit reizendem Koloraturgeplapper auf sich aufmerksam.
Demonstrativer Applaus für Kent Nagano, jüngstes Opfer der jahrhundertelang erprobten Münchner Dirigentenvertreitungsrankünen. Viel Beifall für die Sänger, buhfreie Akzeptanz der Szeniker. (Klaus Adam)

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