Kultur

Ausschnitt aus Arno Brekers Bronzerelief "Die Kameraden" (1940). Breker war der prominenteste Bildhauer des Dritten Reichs. (Foto: Kunstgeschichtliches Institut, Ruhr- Universität Bochum, Thorsten Koch/VG Bild-Kunst)

10.08.2017

Artige und Unartige

Eine Ausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg zu Kunst und Politik im Nationalsozialismus

Als Gegenbegriff zur diffamierenden Bezeichnung „entartete Kunst“ beschreibt der Ausstellungstitel „artige Kunst“ im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg die fügsame, regimekonforme Kunst der NS-Zeit. Die Konfrontation jeweils exemplarischer Werke führt vor Augen, dass der „artigen Kunst“ sowohl ein kritisch hinterfragendes Potenzial, als auch jeglicher humanistischer und oft auch künstlerischer Anspruch fehlte. Im Dienste der verherrlichenden Selbstdarstellung des Regimes gaukelte sie eine heile Welt mit Familienidylle, gesunden, kraftstrotzenden Sportlerkörpern und überdimensionierten Prachtbauten und Bauprojekten vor - während der Zweite Weltkrieg wütete und ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und ermordet wurden.

Das Ausstellungskonzept stammt von der Stiftung Situation Kunst, Bochum. Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie übernimmt die Schau als dritte Station nach Bochum und der Kunsthalle Rostock und ergänzt sie mit Werken aus der eigenen Sammlung.

Das Konzept der Ausstellung „artige Kunst. Kunst und Politik im Nationalsozialismus“ konzentriert sich auf Motive der „artigen Kunst“, die ideologische Inhalte vermitteln, und deckt ihre Funktionsweise auf. Die Familie wurde gemäß dem Wahlkampfslogan der NSDAP„Rettet die deutsche Familie! Wählt Adolf Hitler“ von Anfang an für Propagandazwecke missbraucht. Im nationalsozialistischen Weltbild war die reichsdeutsche Frau für eine möglichst hohe Zahl an Nachkommen zuständig, um die angeblich überlegene „arische Rasse“ zu verbreiten. Diese Überhöhung der Mutterrolle drückt sich in der Malerei durch die betonte Darstellung von Müttern umgeben von ihren Kinder sowie der Verwendung religiöser Bildschemen aus.

Die NS-Ideologie propagierte ein genormtes germanisches Idealbild, das Künstler wie Ivo Saliger, Arthur Kampf und Arno Breker prägten. Im Mittelpunkt stand vor allem der männliche Körper, dessen durchtrainierte Muskulatur zwar vor allem bei sportlichen Aktivitäten präsentiert wurde, aber natürlich gleichermaßen die Kraft demonstrierte, die im Kampf eingesetzt werden kann. Physisch und psychisch Kranke sowie ganze ethnische Gruppen wurden hingegen der „rassischen Säuberung“ preisgegeben.

Die Macht des Regimes sollten ebenso die öffentlichen Bauten verkörpern. Noch bevor das Haus der deutschen Kunst in München als erster monumentaler Propagandabau errichtet wurde und Berlins Neugestaltung zur Welthauptstadt „Germania“ begann, startete ab 1933 der Ausbau der Reichsautobahnen. Mit Ausstellungen, Publikationen, Fotoreportagen und Filmen wurden sie inszeniert und als Gemeinschaftsprojekt vermarktet. Tatsächlich konnten die knapp 4.000 Kilometer umfassenden neuen Autobahnstrecken – wie andere Bautätigkeiten auch – nur durch den Einsatz von Gefangenen und Zwangsarbeitern entstehen. Zu den Künstlern von Autobahn-Gemälden gehört neben Carl Theodor Protzen auch Erich Mercker, der ferner den Abbau von Granitvorkommen am KZ-Flossenbürg völlig verharmlosend darstellte.

Die Gegenspieler – „entartete Kunst“

Die Ungeheuerlichkeit der auf den ersten Blick harmlosen „artigen Kunst“ offenbart sich insbesondere in der direkten Konfrontation mit den von den Nationalsozialisten verfemten Werken. Als „entartet“ wurde alles gebrandmarkt, das zum einen von der naturalistischen Darstellungsweise abwich und damit die Realität relativierte und Freiraum für Interpretationen bot. Darunter fiel jeglicher experimentelle Umgang mit Farbe und Form, der die moderne Kunst seit dem späten 19. Jahrhundert ausmachte. Stellvertretend für die Moderne und den Aufbruch in die Abstraktion wird in der Ausstellung das „Mädchenbildnis“ von Alexej von Jawlensky gezeigt und dem Soldatenporträt von Sepp Happ gegenübergesetzt. Zum anderen stellten nicht-konforme Inhalte eine große Gefahr dar, insbesondere dort, wo sie mehr oder weniger explizit die tatsächliche Sachlage der NS-Zeit entlarvten, wie die Werke von Max Beckmann oder Felix Nussbaum.

Einige der Exponate, die in Regensburg zu sehen sind, waren im Rahmen der Propagandaaktion „Entartete Kunst“ ausgestellt. Die größte Schau dieser Ausstellungsserie eröffnete im Juli 1937 in München und umfasste 650 Gemälde, Skulpturen/Plastiken, grafische Blätter, die aus deutschen Museen konfisziert worden waren. Durch eine abwertende Inszenierung führten Reichspropagandaminister Joseph Goebbels und der Präsident der Reichskammer der bildenden Künste Adolf Ziegler vor, welche Art von Kunst im Dritten Reich unerwünscht war. Mit zwei Millionen Besuchern hatten die „Entartete Kunst“ in München fünfmal so viele Menschen gesehen wie die parallel laufende „Große Deutsche Kunstausstellung“. Insgesamt wurden über 17.000 Kunstwerke aus knapp 150 Museen beschlagnahmt, ein Großteil davon wurde im Ausland veräußert, der „Bodensatz“ vernichtet.

Einige der betroffenen Künstler verarbeiteten die bedrückende Situation mithilfe von Humor. So überzeichnete Willi Baumeister Adolf Zieglers allegorische Figuren, die auf Postkarten oder Drucken der Propaganda dienten. Max Radlers Karikaturen bringen ab 1945 rückblickend die Unfasslichkeit des NS-Systems auf den Punkt. Seine Blätter aus der Sammlung des Kunstforums Ostdeutsche Galerie, darunter auch „Entnazifikator/System Heinrich Schmitt“ schließen den Ausstellungsrundgang ab. (BSZ)

 

Information: Bis 29. Oktober. Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Dr.-Johann-Maier-Str. 5, 93049 Regensburg. www.kunstforum.net

Abbildung: Willi Baumeister war einer der von den Nazis verfemten Künstler. Die Reichskammer der bildenden Künste verhängte 1941 über ihn das Ausstellungsverbot. Baumeister revanchierte sich: In "Mann mit Spitzbart" (1941) übermalte er ein auf Postkarte gedrucktes Propagandamotiv von Adolf Ziegler - der war Präsident der Reichskammer. (Foto: Archiv Baumeister im Kunstmuseum Stuttgart/VG Bild-Kunst)

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