Kultur

Um 1500 wandelte sich die Porträtmalerei: Das Charakteristische, Individuelle wurde interessant. So beispielsweise beim Bildnis von Hans Döring, das Philipp Graf zu Solms mit seinen beiden Söhnen Reinhard und Otto zeigt. (Foto: Hypo Kunsthalle)

30.09.2011

Auf den zweiten Blick

Die Hypo-Kunsthalle versammelt berühmte Beispiele zum Wandel der Porträtkunst um 1500

Der weite Raum, den diese Ausstellung ausmisst, ist in ihrem ersten, kleinen Zimmer bereits da. In diesem Antichambre der Zeitenwende hängen Hans Schäufelins Christuskopf, gemalt im Jahr 1517, und schräg gegenüber Hans Mielichs Wilhelm IV. von Bayern auf dem Totenbett aus dem Jahr 1550.
Während das eine Bild das Antlitz eines überirdischen Ideals zeigt, den zeitlos schönen Messias als Verkörperung einer jenseitigen Idee, sieht man auf dem anderen das eingefallene Gesicht eines im Sterben liegenden Fürsten nach einem Schlaganfall, krass realistisch als Zeichnung eines ganz im Diesseits darbenden, im Tode einsamen Menschen. Beiden Bildern sind religiöse Botschaften immanent, aber das eine Gemälde ist noch von der mittelalterlichen, überindividuellen Glaubensgemeinschaft vor Gott geprägt, während das andere schon die neuzeitliche Entdeckung des Individuums, das in der Welt steht, verinnerlicht hat.
Die Ausstellung Dürer – Cranach – Holbein. Das deutsche Porträt um 1500 in der Münchner Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung markiert die Nahtstelle zur Moderne. Beim Betrachten der 165 dort versammelten Bilder, große Meisterwerke sind darunter, blicken tatsächliche Menschen zurück: als ob man durch ein großes Schaufenster die Vergangenheit betrachtet, weil erst die Entdeckung der Individualität Nähe schafft.

Das "wahre" Individuum

Und während vor dieser Zeitenwende vielleicht einmal die schöne oder hässliche Physis den schönen oder hässlichen Charakter eines Menschen auf den ersten Blick bloßstellte, zeigte erst nach 1500 das Charakteristische eines Gesichts das vom zweiten Blick abhängige „wahre“ Individuum. Wie schön und anspruchsvoll die Zeichnung dieser Charakteristika sich innerhalb kürzester Zeit entwickelte, dies zu beobachten ist eines der spannenden Elemente der Ausstellung.
Da sind beispielsweise die Physiognomiestudien von Wolf Huber aus dem Jahr 1522; da sind die bis heute erinnerungsprägenden Bilder des gemütlich-saturierten Luther und Melanchthon, des bis zur Verschlagenheit selbstbewussten Mannes von Lukas Cranach und dessen entsetzlich schielender, regelrecht bemitleidenswerter Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach; da ist das Gemälde eines jungen Mannes von Hans Holbein dem Jüngeren, dieser Kopf vor grünem Hintergrund in nachdenklichem, melancholischem Anschein, dem dennoch die ganze ihm innewohnende Lebenskraft Adamsapfel, Halssehnen und Schlagadern regelrecht aus dem Bild treibt.
Und da sind die Bilder Albrecht Dürers – Höhepunkte dieser Schau, versammelt in einem Raum. Wunderbar kann man die Entwicklung Dürers in der Porträtkunst verfolgen. Das beginnt mit dem Bildnis seines greisen Vaters aus dem Jahr 1497, das enorm familiär wirkt, weil der Vater hinter seinen Falten und seinem ungeordneten Haar eine Miene macht, als ob er sich frage, ob der Sohn dieses Gemale auch wirklich kann. Und das endet beim historisierenden Porträt des Bankiers Johannes Kleberger 1526, ganz Renaissance und in engem Bezug zur antiken römischen, ebenfalls dem Realismus zugetanen bildenden Kunst.
Eine zweite Nahtstelle wird in der Ausstellung offenkundig, nämlich die zwischen einer rein fürstlich geprägten und einer aufkeimenden bürgerlichen Weltordnung. Der mittelalterlichen Ständegesellschaft hatte stets die symbolische Abbildung des Rangs genügt, hinter dem das Individuum keine große Rolle spielte. Zunehmend jedoch setzte man auch beim Fürstenbildnis auf Individualisierung, weil die Ideen der persönlichen Konkurrenz und der höfischen Selbstdarstellung immer wichtiger wurden – ein Konkurrenzkampf, der viele zeitgenössische Maler gut in Lohn und Brot setzte und dem wir heute einige der bemerkenswertesten Bilder dieser Ausstellung verdanken. (Christian Muggenthaler)

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