Kultur

Hymnische Verklärung: Hugo Höppeners (gen. Fidus) "Lichtgebet" wurde millionenfach abgedruckt. ((Foto: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Vg Bild-Kunst)

04.10.2013

Aufbruch und Ausbruch

Eine Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum über den Beginn der modernen Jugendbewegung

Vor 100 Jahren, im Oktober 1913, versammelten sich Tausende von Anhängern der Freideutschen Jugend auf dem Hohen Meißner bei Kassel zu einem „Fest der Jugend“. Sie wollten damit ein Zeichen setzen, dass sie in „eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit und Freiheit“ ihr künftiges Leben gestalten wollten. Zur gleichen Zeit wurde in Leipzig das Völkerschlachtdenkmal zur Erinnerung an die Befreiung von Napoleonischer Herrschaft im Jahr 1813 eingeweiht – daran knüpfte das „Fest der Jugend“ bewusst an. Dieser Aufbruch der Jugend war zugleich der Ausbruch aus der Enge des Kaiserlich-Wilhelminischen Deutschlands. Mit der Berufung auf die Befreiungskriege trug er aber schon den Keim eines neuen Patriotismus und Nationalismus in sich, der die „Jugendbewegung“ schon ein Jahr später, auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs trieb.

Von der HJ zu den 68ern

Jetzt thematisiert die Ausstellung Aufbruch der Jugend des Germanischen Nationalmuseums Nürnbergs dieses Janus-Gesicht der „Deutschen Jugendbewegung zwischen Selbstbestimmung und Verführung“, wie es programmatisch heißt. Mit dieser Ausstellung knüpft das Germanische Nationalmuseum an die Tradition seiner großen Präsentationen zur deutschen Kulturgeschichte an. Es visualisiert ein Kapitel deutscher Ideologie und Mentalitätsgeschichte, das bis heute nachwirkt, wenn es an den Anfang den Aufbruch der Jugend in die „Moderne“ stellt, zugleich aber dessen politische Pervertierung und Instrumentalisierung zeigt: von der Hitler-Jugend des Nationalsozialismus zur FDJ der DDR bis hin zur Protestbewegung und der Jugendrevolte der 1968er Jahre.
Mit über 400 Exponaten, mit Gemälden und Fotografien, Skulpturen, Objekten und Textilien, Fahnen, Bannern und Wimpeln, aber auch mit historischen Filmmaterial und Erinnerungsstücken dokumentiert die Ausstellung das Lebensgefühl der Jugendbewegung, die einerseits immer wieder zu neuen Ufern aufbrach, freilich auch auf fatale, ja tödliche Irrwege geleitet wurde.
Am Anfang der grandiosen Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum stehen die eindrucksvollen Bilder der Adoranten, die androgynen Jünglinge des Jugendstils, die mit ausgebreiteten Armen dem Licht und der Sonne, der Natur huldigen und in eine neue Zeit aufbrechen. Lichtgebet nennt der Maler Hugo Hoeppener, der sich Fidus nannte, seine nackte Gestalt, eine Darstellung, die – als Illustration millionenfach verbreitet – eine Ikone dieser jugendlichen Sehnsucht wurde.

Mit Klampfe in die Natur

Mit der um die Jahrhundertwende aufkommenden Lebensreformbewegung bricht diese Jugend mit „Klampfe“, Gesang und Nackttanz in die freie Natur auf  – Industrialisierung und Urbanisierung der Zivilisation waren ihr suspekt geworden. Der Zupfgeigenhansl, eine Volksliedersammlung, wurde zum Inbegriff dieser Lagerfeuerromantik – so wie die Kameradschaftlichkeit der Pfadfinder mit ihren „Kohten“ genannten Zelten ein neues Gemeinschaftsgefühl aufblühen ließ, freilich schon angekränkelt vom Marschtritt des Militarismus, der diese Sehnsüchte und Hoffnungen der Jugend ideologisierte. Krankheit der Jugend nannte Ferdinand Bruckner sein Theaterstück (1926), dessen Titel dieses Lebensgefühl symbolisiert.
Dieses Lebensgefühl buchstabiert die Ausstellung vom legendären „Wandervogel“ über die „Hitlerjugend“ und eine im Zweiten (wie bereits im Ersten) Weltkrieg verheizte Jugend und eine ernüchterte und desillusionierte Nachkriegsjugend durch, bis hin zum berühmt gewordenen „deutschen Woodstock“, dem Open-Air-Festival „Chanson Folklore International“ 1964 auf Burg Waldeck, wo sich ein neues, pazifistisches Lebensgefühl Bahn brach. Danach kamen die noch ziemlich unpolitischen, aber aufmüpfigen „Gammler“ und die „Halbstarken“, deren Gesellschaftskritik in den so genannten 68ern mündete. Der „Aufbruch der Jugend“ dauert an – und ist nicht bis heute nicht aufzuhalten: „Empört Euch“ ist der neue Schlachtruf, der vor einiger Zeit in Europa Furore machte. In einem Europa, in dem mittlerweile fast die Hälfte der Jugend keine Perspektiven hat und arbeitslos ist, ist der „Aufbruch der Jugend“ in die Revolution vielleicht nur noch eine Frage der Zeit. (Friedrich J. Bröder)


Bis 19. Januar. Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1,
90402 Nürnberg. Di. bis So. 10 – 18 Uhr, Mi. bis 21 Uhr. www.gnm.de

Abbildungen:

Ein Aushängeschild des Wandervogels (1909) nach einem Entwurf von Hermann Pfeiffer.

Als Nippes für die Vitrine zwei Porzellan-Wandervögel (1917) nach einem Entwurf von Anton Büschelberger.  (Fotos Archiv der deutschen Jugendbewegung, Vg Bild-Kunst)

 

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